16.01.13

Mordprozess in Kiel

Sohn zerstückelt - Freispruch für seinen Vater

Er soll seinen Sohn umgebracht und dann zerstückelt in eine Jauchegrube geworfen haben. Doch für eine Verurteilung fehlten Beweise.

Von Karen Katzke
Foto: dpa
Haftbefehl überraschend aufgehoben
Spezialisten der Kieler Kriminalpolizei sichern nach der Entdeckung der zerstückelten Leiche Spuren auf dem Sülfelder Bauernhof

Kiel. Aus Mangel an Beweisen hat das Kieler Landgericht am Mittwoch einen ehemaligen Schweinemäster aus Sülfeld (Kreis Segeberg) vom Vorwurf des heimtückischen Mordes an seinem Sohn freigesprochen. Die Tat konnte dem 63-Jährigen nicht mit der erforderlichen Sicherheit nachgewiesen werden, sagte der Vorsitzende Richter am Mittwoch. "Es gibt keinen hinreichenden Grund anzunehmen, dass der Angeklagte etwas mit dem Tod seines Sohnes zu schaffen hatte", ein "Tatnachweis ist nicht möglich" – mit diesen Worten begründete das Gericht das mit Spannung erwartete Urteil.

Die Mordanklage sei für die 8. Große Strafkammer "nichts weiter als eine Hypothese", für die das Gericht keine Beweise gefunden habe, sagte der Vorsitzende Richter Jörg Brommann. Die Kammer folgte damit der Verteidigung, die Freispruch gefordert hatte. Staatsanwalt und Nebenklage wollen eine Revision prüfen.

Für eine Verurteilung hätte das Schwurgericht eine sichere Überzeugung von der Täterschaft haben müssen, sagte Bromman am vierten Verhandlungstag. "Das ist hier nicht gelungen." Der 63-jährige Rentner erhält aber für die erlittene Untersuchungshaft von rund sechs Monaten keine Entschädigung. Der Vater habe "durch sein Verhalten eine Strafverfolgung geradezu provoziert".

Staatsanwalt Torsten Holleck hatte in dem aufsehenerregenden Indizienprozess eine lebenslange Haftstrafe gefordert. Er hielt es für erwiesen, dass der Vater dem betrunken eingeschlafenen Sohn nach einem Streit einen angezündeten Böller in den Mund schob. Der 27-Jährige erstickte. Anschließend, so auch die Feststellungen des Gerichtes, zersägte der Vater die Leiche und warf die Teile in eine Jauchegrube auf seinem Bauernhof.

Doch dafür, dass der Vater wirklich einen Mord beging, fehlte der eindeutige Nachweis, stellte das Gericht fest. Nach zweitägiger Beweisaufnahme sei eine Täterschaft sogar unwahrscheinlicher als ein selbstverschuldeter Unfall des alkoholkranken Opfers, wie ihn der Vater behauptete. Nach dessen Darstellung hatte sich der Sohn während eines Streites um zu laute Nazi-Musik den Kanonenschlag als Provokation selbst in den Mund geschoben und gezündet. Er, der Vater, sei da nicht mehr in der Küche gewesen, sondern habe nur den Knall gehört. Wenig später habe er den Sohn leblos vorgefunden. Den 90 Kilogramm schweren Körper zersägte er, um die Leiche beseitigen zu können. Angeblich wollte er der Tochter einen Schock zu ersparen.

Diese Begründung hielt das Gericht zwar für "bizarr und nicht nachvollziehbar". Allerdings sei der depressiv erkrankte Angeklagte in einer besonderen psychischen Verfassung gewesen, an die keine normalen Maßstäbe angelegt werden könnten, erklärte Brommann. Auch die "falschen Fährten", die der Angeklagte nach dem Beseitigen der Leiche legte, um den Verdacht von sich abzuwenden, seien verständlich. So hatte der Angeklagte zum Beispiel auf Nachfragen behauptet, der Sohn übernachte bei einem Freund und er sei mit einer Freundin weggefahren. Die Tochter fand die Leiche ihres vermissten Bruders schließlich zwei Tage später.

Der Prozess hatte auch erschreckende Einblicke in eine verfeindete Familie mit völlig zerrütteter Beziehung der Eltern gegeben, die seit über 30 Jahren verheiratet sind. Die Mutter nannte der Angeklagte "einen Teufel in Menschengestalt, die an allem Schuld sei". Sie hatte ihn nach einer Tätlichkeit wenige Wochen vor der Tat aus ihrem Haus geworfen. Die Familie war demnach in zwei Lager gespalten: die Tochter hielt zum Vater, der älteste Sohn zur Mutter.

Den ums Leben gekommenen Sohn wollte der Vater von Anfang an nicht haben, später konnte der ihm nichts recht machen. Die Mutter war Nebenklägerin und hatte ihren Mann belastet. Dieser soll ihr den Mord gestanden haben. Doch sie habe ihm das nicht geglaubt – so wenig wie jetzt das Gericht.

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Spurensicherung nach Mord in Sülfeld

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