Pinneberg
Ernst Barlach Museum

Diese Jugendlichen werben für Wedeler Museum

Foto: Elvira Nickmann / HA

Wedeler Projekt Barlach GoYoung bildet Jugendliche aus und sorgt so für kunstinteressierten Nachwuchs. Projekt erfreut sich Zuspruch.

Wedel.  Jess ist geschockt. Man kann dem jungen Arzt ansehen, dass er kaum glauben mag, was er eben gesehen hat: ein völlig unterernährtes Kind in seiner Praxis. Wie kann es sein, fragt er sich nun, dass es im reichen Deutschland Kinder gibt, die hungern müssen?

Ja, wie? Das fragen sich auch die Schüler der Klasse 9c der Grund- und Gemeinschaftsschule Pinneberg, die das Geschehen verfolgen. Es ist Teil einer interaktiven Performance, die in den Räumen des Ernst Barlach Museums in Wedel von vier Darstellern aufgeführt wird. Sei heißen Jaqueline Fink, Karolina Mlicka, Joschka Dammann und Erduan Ferati. Sie sind Museumsbotschafter – Jugendliche, die eine mehrmonatige Qualifizierung im Ausbildungsprogramm Barlach GoYoung durchlaufen haben. Ihr Ziel: Schülern Kunst nahezubringen, ihnen neue Zugangshorizonte zu eröffnen. Das Ganze steht unter dem Jahresthema 2016: "Gestalten einer besseren Zukunft – Utopie?" "Übrigens auch ein Satz von Ernst Barlach", sagt Geschäftsführerin Heike Stockhaus, die Verantwortliche für die Konzeption und Projektleitung des Ausbildungsprogramms.

Inka Gohla, im GoYoung-Team zuständig für Didaktik, beobachtet die Aufführung. "Wir haben die Performance gemeinsam mit den Jugendlichen entwickelt", sagt Gohla. Fast alle Mitwirkenden hätten ihre Ausbildung als Museumsbotschafter bereits abgeschlossen. "Die Teilnahme daran ist ein Angebot der Ganztagsschule. Doch einige Schüler nehmen jetzt in ihrer Freizeit weiter daran teil."

Das Projekt erfreut sich offensichtlich großen Zuspruchs, denn inzwischen sind mehr als 50 Museumsbotschafter im Alter von 14 bis 20 Jahren daraus hervorgegangen. Die interaktive Performance ist das Abschlussprojekt des bereits vierten Durchgangs. Der Start von Barlach GoYoung wurde von Stockhaus 2014 initiiert.

Museumsbotschafter und Zuschauer diskutieren

Die vier, die gerade ihre Rollen in dem sozialkritischen Stück spielen, nutzen ein großformatiges Bild der aktuellen Ausstellung des Neoexpressionisten Jorge Rando unter dem Titel "Passion" als Hintergrund und Anlass der ersten Szene. Es ist in hellen, fröhlichen Farben gestaltet, die in krassem Gegensatz zur Darstellung stehen: Jesus am Kreuz, umringt von einer Menschenmenge.

Mit religiösen Themen setzt sich der Spanier Rando genauso intensiv auseinander wie mit der Frage, wohin der Weg der Menschheit zukünftig führen wird. An dieser Stelle setzt die Performance an, zu der die Akteure die Texte selbst geschrieben und mit der Theaterpädagogin Gesa Boysen einstudiert haben.

Vor Beginn hat Heike Stockhaus die 17 Schüler im Publikum und deren Lehrerin Susanne Meyer-Schultes in den Stoff eingeführt und den Hintergrund der handelnden Personen erläutert. Nach jeder Szene gibt es Raum für Erklärungen, Fragen und Diskussion.

Am Ende der ersten Szene haben Jess (Erduan Ferati) und seine Gruppe einen Plan gefasst: Sie wollen die Mächtigen und Reichen aufmerksam machen auf das andauernde Unrecht, dass auf der einen Seite viel Geld in Kriege gesteckt wird und auf der anderen Seite jeden Tag Menschen verhungern müssen. Wo das am besten geht, wissen sie auch schon: beim Empfang zum G-8-Gipfel in Schloss Bellevue.

"Was ist Schloss Bellevue, weiß das jemand?", fragt Stockhaus in die Zuschauergruppe hinein. Joshua Focks Arm schießt in die Höhe. Er und seine Zwillingsschwester Saphira, die selbst Museumsbotschafterin ist, beteiligen sich intensiv und liefern gute Beiträge zu den Diskussionen. Beteiligung ist ausdrücklich erwünscht bei der Veranstaltung, auch eine emotionale und intuitive. Nichts ist besser geeignet, um eine Beziehungsachse herzustellen zwischen Kunst, Performance und einzelnen Schülern.

Stockhaus drückt einigen Schülern aus der ersten Reihe Sektgläser in die Hand: Jetzt folgt der interaktive Part, bei dem sich Zuschauer plötzlich als Gäste des G-8-Gipfels mitten im Geschehen wiederfinden. "Das Einbeziehen ist wichtig, es rüttelt auf und sorgt für Aufmerksamkeit", sagt Stockhaus. Tatsächlich gucken die Auserwählten schon ziemlich überrascht, finden sich dann aber schnell in ihre neue Rolle als Repräsentanten der Reichen und Mächtigen ein. Nun treten die Schauspieler auf den Plan, sie haben sich pinkfarbene Plakate umgehängt. "Stoppt Massenkonsum" steht auf einem, "Schützt die Umwelt", "Stoppt Kinderarmut" und "Stoppt Massenproduktion" auf den anderen.

Kurze Zeit später ist die Szene vorbei. "Was hat Armut in Deutschland mit dem Bild Randos zu tun, was würde Jesus heute tun?", fragt Stockhaus. Sich um Armut und Gerechtigkeit kümmern, lautet eine Antwort. Die Passion finde 1000-fach heute auf der Erde statt, so ein Rando-Zitat. Hier ist sie, die Brücke zwischen Bild und Darstellung. Wie wird die Geschichte enden? Saphira glaubt, dass sie nicht gut ausgeht. Die Schüler stimmen ab: Nur vier erwarten ein gutes Ende. Gezeigt werden dann zwei Alternativen: In der einen Version stirbt Jess, so wie Jesus, infolge seines Engagements für Arme und Schwache der Gesellschaft und deswegen, weil er ein Gegner des herrschenden Systems war. Das bessere Ende zeigt den Erfolg der Aktion.

"Früher habe ich gedacht, Kunst ist nur ein Bild ohne Hintergrund", sagt Darstellerin Jaqueline. Barlach GoYoung hat ihre Sicht verändert – und nun trägt die junge Museumsbotschafterin ihrerseits dazu bei, dass auch andere Zugang zur Kunst finden.

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