Pinneberg
Kreis Pinneberg/Kiel

Hier ist der Boden voller Bohrschlamm

Foto: Burkhard Fuchs

Ein Gutachten soll klären, ob sich hochgiftige Rückstände an insgesamt neun Altlastenflächen des Kreises Pinneberg befinden.

Kreis Pinneberg/Kiel.  Eine Anfrage der Piraten-Landtagsfraktion hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf womöglich hochgiftige Bohrschlamm-Altlasten gelenkt, die während der Erdölförderung zwischen 1939 und 1982 in mehr als 100 Standorten in 70 Kommunen des Landes abgelagert wurden.

Im Kreis Pinneberg sollen nach Angaben der Kreis- und Landesbehörden neun Lagerstätten in Bokel, Lutzhorn, Groß-Offenseth-Aspern, Langeln, Brande-Hörnerkirchen und Quickborn betroffen sein. Wobei die beiden Flächen in Quickborn dem Kreis erst im Oktober 2015 bekannt gemacht worden seien, wie Einar Landschoof von der Bodenschutzbehörde sagt. Er wisse nicht, ob "das Zeug" damals illegal oder vom Bergamt genehmigt entsorgt worden sei. "Wir haben keine Akten darüber."

Das Trinkwasser ist nicht gefährdet

Ob dort tatsächlich Mineralölrückstände und krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) im Untergrund lagern, soll jetzt ein Gutachten klären, welches das Ministerium in Auftrag geben will. "Es ist sinnvoll, dass das Land das jetzt einheitlich untersucht", sagt Landschoof. Einzelheiten werden am kommenden Freitag im Ministerium in Kiel besprochen, wohin er und seine Kollegen aus den anderen Kreisverwaltungen eingeladen seien.

Das Trinkwasser sei aber nicht gefährdet, betont Umweltministeriumssprecherin Nicola Kabel. "Das wissen wir von unseren Kontrollen." Es sei unverantwortlich, von keinem besonderen Gefährdungspotenzial zu sprechen, kritisiert die Bundestagsabgeordnete der Linken, Cornelia Möhring, die hier ihren Wahlkreis hat. Schließlich lägen laut Ministerium vier der Schlammgruben in Wasserschutzgebieten und neun weitere in Trinkwassereinzugsgebieten. Von diesen befänden sich allerdings keine im Kreis Pinneberg.

Siegfried Winter, der Bürgermeister von Brande-Hörnerkirchen, lebt seit Kindheitstagen nur wenige Hundert Meter von einer dieser Bohrschlammgruben im Ortsteil Bokelseß entfernt. "Dort wurde Anfang der 1950er-Jahre der Ölbohrschlamm in eine alte Mergelkuhle verfüllt, die rundherum mit einem großen Eisenzaun abgesperrt war", sagt er. Heute ist die Fläche komplett zugewuchert und mit Bäumen bewachsen, die in den 60er-Jahren angepflanzt wurden. "Das wissen hier alle im Dorf. Uns stört das nicht", sagt Winter. Er geht nicht von einer Gesundheitsgefährdung aus, weil die Kalktonkuhle so dicht sei, dass daraus nichts austreten könnte.

Das sieht die Bürgerinitiative Frackingfreies Auenland, die sich vor einigen Jahren aus Protest dagegen gegründet hat, dass womöglich bald wieder im Nordwesten des Kreises Pinneberg nach Erdgas oder Erdöl gebohrt werden sollte, anders. Die BI organisierte voriges Jahr eine Radtour ins Ölfördergebiet zwischen Bokel, Brande-Hörnerkirchen und Lutzhorn, wo es nach Winters Erinnerung zwischen 1954 und 1996 15 verschiedene Ölförderstellen der Mineralölfirma DEA gegeben habe, die mit kilometerlangen Leitungen mit dem "Ölbahnhof" nahe Westerhorn verbunden waren, wo es vom Bahnhof Dauenhof ein eigenes Gleis zu den hohen Raffinerietürmen gab. Dort hat heute eine Großtischlerei ihren Sitz und nutzt noch die alten Lagerhallen.

Piraten-Fraktion bemängelt fehlende Transparenz

Die BI spricht von mindestens drei "illegalen, den Behörden nicht bekannten Bohrschlammgruben": Den beschriebenen in Bokelseß in der Nähe des Landgasthofes, in Lutzhorn am Golfplatz und an der Motocross-Strecke in Bokel. "Augenzeugen berichten, dass die Fläche dort abgesperrt war, bevor sie ihrer heutigen Nutzung übergeben wurde", so Ulrich Konkel von der BI. Man habe dort nicht laufen können, ohne in öliger Erde zu versinken.

Diese Altablagerung sei vor zwei Jahren nach Schadstoffen untersucht worden, sagt Landschoof. "Dabei ist keine Gesundheitsgefährdung festgestellt worden." Bis auf die Quickborner waren die anderen sieben Flächen der Bodenschutzbehörde bekannt.

Die Piraten-Fraktion kritisiert ebenso wie die Bundestagsabgeordnete die fehlende Transparenz des Ministeriums, das die 100 erfassten Standorte von Bohrschlammablagerungen nicht näher beschreiben wolle. Das sei aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht anders möglich, betont Ministeriumssprecherin Kabel. Erst das noch in Auftrag zu gebende Gutachten könne darüber Aufschluss geben, ob und was dort tatsächlich vor Jahrzehnten abgelagert wurde. Diese Expertise werde frühestens 2017 vorliegen.

Ob davon eine Gefährdung für das Grundwasser ausgehe, sei in der Verantwortung der Kreise, sie müssten dies überprüfen. Das hält Landschoof von der Bodenschutzbehörde des Kreises für die falsche Vorgehensweise. "Auch das sollte einheitlich vom Land untersucht werden", sagt er. Das werde er so auch beim Gespräch am Freitag im Kieler Ministerium vortragen.

Möhring wertet dies als "Desinteresse des Umweltministers Robert Habeck an der Gesundheit der hier lebenden Menschen." Er müsse klären, ob es gehäufte Krebsfälle in diesen Gebieten gebe und dürfe die Verantwortung nicht auf die Kreise abschieben.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.