Pinneberg
12.01.13

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Wohngemeinschaft: Hier ist keiner allein zu Haus

In Haselau hat sich eine Wohngemeinschaft gegründet. Hier leben jetzt zwei Generationen zufrieden unter einem Dach.

Von Katy Krause
Foto: Katy Krause
Sonntags versammeln sich die Mitbewohner des von Sabine Müller-Hausschild (r.) initiierten Wohnprojekts in Haselau zum gemeinsamen Frühstück
Sonntags versammeln sich die Mitbewohner des von Sabine Müller-Hausschild (r.) initiierten Wohnprojekts in Haselau zum gemeinsamen Frühstück

Haselau . "Ich will nicht noch eine Schlange im Haus haben", sagt Sabine Müller-Hausschild entschieden. Die 68-Jährige sitzt am großen Esstisch in der Gemeinschaftsküche ihrer neuen Bleibe. Helle, kürzlich abgeschliffene Holzdielen, die unter den Füßen knarren, ein grünes Loriotsofa in der Ecke, eine moderne Küchenzeile zieren den lichtdurchfluteten Raum. Er ist der Lebensmittelpunkt des Hauses in Haselau, das Müller-Hausschild vor einem Jahr kaufte, um hier zusammen mit Freunden, Verwandten und Fremden zu leben. Während der ehemalige Eigentümer ins Altenheim ging, zog die neunköpfige Wohngemeinschaft ein, um in der Villa gemeinsam alt zu werden.

Heute teilen sich neun Bewohner im Alter von 36 bis 83 Jahren die etwa 550 Quadratmeter Wohnfläche und den 5000 Quadratmeter großen Garten inklusive Teich mit zahlreichen Fröschen, Karpfen, drei Hunden, einer Katze, Geckos, Anoli-Echsen und zwei Hasen. In den kommenden Wochen sollen noch Hühner in den Stall einziehen. Müller-Hausschild ist das tierisch genug. Als ihre Schwiegertochter Sandra, die mit Sohn Jan-Peter in den obersten Stock des Hauses zog, auch noch von einer Schlange sprach, legte sie ein Veto ein. Das Reptil kommt ihr nicht ins Haus. "Wenn die mal entweicht. Nein, das will ich nicht", sagt Müller-Hausschild. Sie ist sehr resolut.

Damit eckt sie auch manchmal bei ihren neuen Mitbewohnern an. Doch für Unstimmigkeiten gibt es die Hausgespräche. Dann kommt alles auf den Tisch. "Ich glaube schon, dass ich ein gewisses Fürstentum am Leibe habe", sagt Müller-Hausschild. Sie muss lernen, mit vielen Charakteren unter einem Dach zu leben. "Wir sind eben alle Individualisten. Man muss sich auf die Gemeinschaft einlassen. Aber das hat jeder von uns gewollt. Die Hauptsache ist, man bleibt im Gespräch."

15 Jahre lang lebte die Rentnerin allein. Für ihren Traum vom Wohnen im Alter gab sie ihre Wohnung in Hamburg Blankenese auf. 40 Jahre lang lebte sie am Mühlenberg unweit der Elbe. Doch im Alter wollte sie nicht einsam sein. "Ich habe mich in Hamburg umgesehen. Mich über Wohngemeinschaft für jung und alt informiert. Dann hat mein Sohn gefragt, ob ich mir vorstellen könne, gemeinsam auf dem Land zu leben." Die Idee war geboren, das Haus im Internet schnell gefunden und die sechs geschaffenen Wohnungen in kurzer Zeit alle vergeben. Studienfreund Wolfgang, 65, wollte gleich dabei sein. Schwiegertochter Sandra nutzte die Chance und holte ihre Mutter Jovanka, 75, zu sich. Sie wohnt im Erdgeschoss gleich neben Inge und Thomas Pruß, 53 und 54 Jahre alt. Sie pflegen die (Schwieger-)mutter Annemarie, 84, die im Rollstuhl sitzt. Das Spielzeug in der Gemeinschaftsküche ist für die Kinder von Mitbewohner Mauro, 37, und Müller-Hausschilds Enkelkind Emily, 3, die manchmal zu Besuch sind.

Langweilig ist es in dem alten Haus aus dem Jahr 1912 nie. Wer einmal klönen will, läuft durchs Haus und klopft an einer der Türen, die nie verschlossenen sind. Einer ist immer da. Mit irgendjemandem kann man einen Kaffeetrinken. Irgendwer hilft aus oder packt mit an. "Wenn man in Not ist, ist immer einer für mich da. Jeder hilft hier jedem", sagt Inge Pruß. So handhabt es die Wohngemeinschaft in vielerlei Hinsicht, auch in Sachen Miete.

Wer mehr hat, der zahlt auch mehr. Wem nur eine kleine Rente zur Verfügung steht, der arbeitet dafür mehr im großen Garten oder bringt sich anders in die Gemeinschaft ein. Wie viel das Leben auf dem Land die Bewohner genau kostet, darüber möchte Müller-Hausschild nicht sprechen. Nur so viel: "Jeder zahlt so viel, dass es zum Leben reicht." Den Kauf und die Sanierung des Hauses hat sie durch den Verkauf ihrer Blankeneser Wohnung mitfinanziert. Von den Mieten lebt sie teilweise auch. "Wir haben Mitbewohner mit sehr niedrigen Renten und Vollzeitbeschäftigte. Wir haben versucht, einen gerechten Ausgleich zu finden", erklärt Sandra Martinovic.

Für die Einzelhandelverkäuferin habe sich das Leben um 360 Grad gedreht. Früher verlief ihr Sonntag sehr ruhig. Damit ist jetzt Schluss. Sonntags versammeln sich alle Bewohner am Küchentisch. Das gemeinsame Frühstück ist zum Ritual geworden. Wolfgang macht dafür selbstgemachte Marmelade. Die 85 Jahre alte Annemarie sorgt für frisch gebackenes Brot. Obst gibt es beim benachbarten Hofladen. Manchmal stöhnen die Bewohner etwas über die schlechte Anbindung des Dorfes an den öffentlichen Nahverkehr. Abends fährt der Bus eben nicht mehr. Ob sie das Stadtleben nicht vermisst? "Nein", sagt Müller-Hausschild. Die Landschaft entschädige für alles. In Blankenese fühlte sie sich am Ende beengt. In Haselau genießt sie die Weite der Elbmarsch, die sie aus dem Wohnzimmer sehen kann.

Inge Pruß bringt das Leben in der Wohngemeinschaft auf den Punkt: "Wir sind wie eine Großfamilie. Manchmal knallen Türen, manchmal fließen Tränen, aber am Ende ist alles wieder gut."

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