Pinneberg
10.01.13

Prisdorf

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt

Margret Lieser zeigt vom 20. Januar an ihre hintersinnigen "Menschenbilder" im Museum Langes Tannen in Uetersen.

Prisdorf . Wer hereinkommt, erschrickt. Hinter der Tür zu Margret Liesers Dachatelier in Prisdorf sitzt jemand. Eine Frau, zusammengesunken, ohne Körperspannung. Es ist eine lebensgroße Puppe, die die Künstlerin genäht und ausgestopft hat und die wie eine stille Beobachterin ihr Stoffgesicht in Richtung Staffelei wendet. Menschen sind Margret Liesers Thema. Ob auf Leinwand und, in Ausnahmefällen, aus hautfarbener Baumwolle.

Die Puppe hinter der Ateliertür hat durchaus etwas mit Margret Liesers Malerei zu tun. Denn ihre Bilder - viele extrem großformatig - sind wie Momentaufnahmen der Gesellschaft aus dem Blickwinkel einer solchen stillen Beobachterin. Der Mann, der auf ihrem Bild "Die Weihnachtsgans" an einem verschneiten Winterabend einen gerupften Gänsekörper auf dem Schlitten abtransportiert - Lieser hat ihn selbst gesehen. "Im Stau" klappen tätowierte Männer in Badeschlappen den Picknicktisch auf zum Kartenspielen und Tangaträgerinnen bücken sich zu tief in Richtung Rücksitzbänke: Als die Künstlerin mit einer Freundin mal stundenlang in einer Blechwarteschlange festsaß, habe sie viel zu lachen gehabt. Dass auf Vernissagen manche Besucher mehr an Selbstinszenierung als an den Kunst interessiert sind und drangvolle Enge freie Sicht auf die Bilder verhindert, nimmt sie einfach mit dem Pinsel auf die Schippe. Was Margret Lieser im Umgang mit Menschen erlebt oder was sie bewegt, etwa aus Politik oder Umweltschutz, inspiriert die 71-Jährige.

Wie Margret Lieser die Menschen sieht, davon bekommen Besucher vom 20. Januar an im Museum Langes Tannen in Uetersen einen Eindruck. Etwa 30 Ölbilder, Skizzen und Zeichnungen bringt das renommierte Künstlergilde-Mitglied in die Scheune an der Heidgrabener Straße, zum ersten Mal in einer Einzelausstellung.

Was dort hängt oder in Vitrinen ausgestellt ist, könnte die Betrachter zunächst ein kleines bisschen erschrecken, dann aber zu einem Schmunzeln verleiten. Wie die Stoffpuppe hinter der Ateliertür.

Margret Liesers Menschen sind oft übergewichtig, glotzen durch dicke Brillen oder tragen arrogante Karrieristen-Mienen. Die Bilder sind komisch, ein subtiler Sarkasmus prägt ihre Arbeiten. Daher auch der Ausstellungstitel "Mit Scharfblick und Hintersinn". "Fast alle meine Motive sind doppelbödig zu verstehen", sagt sie. Trotzdem bricht die Prisdorferin nie den Stab über die Schwächen anderer: "Ich will niemanden verunglimpfen", sagt sie. Die dicke Sonnenanbeterin auf dem Bild "Pause" zum Beispiel. Sie strahle doch Zufriedenheit aus, oder? Korpulente Personen male sie einfach gern, die hätten so schön viel Haut.

Menschen zu malen, hat Margret Lieser von klein auf fasziniert. Ihre Mitschülerinnen im Spielkreis, perspektivisch korrekt in Seiten- und Rückenansicht, hat sie schon in der ersten Klasse immer wieder gezeichnet. Fast schon perfekt wirkt eine Bleistiftstudie, die ihre beste Freundin beim Lesen zeigt. Da war Margret Lieser 14 Jahre alt. Am liebsten hätte sie Malerei studiert, "aber Geld für so etwas oder eine besondere Förderung konnten mir meine Eltern damals nicht geben", erinnert sie sich. Sie lernte etwas Handfestes, machte eine Ausbildung zur Technischen Zeichnerin. Als Ausgleich zu Schaltskizzen malte sie daheim Landschaften, Blumen, später immer wieder ihren Sohn Olaf. Von 1977 bis 1979 besuchte sie die Schule im Atelier des Hamburger Malers Walter Mensch, zum Talent kamen die Techniken, aus Beobachtungsgabe wurde künstlerischer Blick. Margret Liesers erste Ölbilder entstanden in den frühen 80er-Jahren, an der renommierten Sommerakademie Pentiment entwickelte sie zehn Jahre später den Mut zur komischen Kunst. Viele dieser Frühwerke bringt Margret Lieser mit in die Museumsscheune: alte Skizzenbücher voller Raritäten wie Frankreich-Landschaften in Kugelschreiber und Aquarell, ihre nebenbei entstandenen Hühner-Cartoons.

Wer genau hinsieht, könnte in ihren Ölgemälden auch Margret Liesers künstlerisches Vorbild wieder erkennen: der große Otto Dix, einer der bedeutendsten deutschen Vertreter der Neuen Sachlichkeit. "Der kann Menschen malen", habe sie immer gedacht. In Farbkraft und Duktus hat sie sich offensichtlich an ihm orientiert, aber nachgemalt oder kopiert sei nichts. Die scharfe Beobachterin hat schließlich ihre eigenen Inspirationsquellen.

Nur in diesen Wochen fehle ihr eine zündende Idee, gibt sie zu. "Ich hab den Kopf gerade nicht frei."

Dabei könnte sich Margret Lieser für einen passenden Einfall diesmal ausnahmsweise einfach in ihrem Dachzimmer umzusehen. Hinter Keilrahmen und Kartons versteckt sich noch jemand. Eine zweite handgenähte Stoffpuppe. Es ist der zerknautschte und vergessene männliche Partner der Türwächterin. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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