Pinneberg

Computerspiele - Blutrausch im Kinderzimmer

"COUNTERSTRIKE" war das Lieblingsspiel des Amokschützen. Diente es ihm als Vorbild?

Hamburg Alles, was sich bewegt, wird erschossen. Nur wer schneller schießt, kommt weiter. Die Opfer schlagen blutüberströmt einen Salto rückwärts. Wer sich den Weg freiballert, bekommt einen Bonus. Kinderwagen mit Großmüttern bringen Extra-Punkte. Der Blutfluss kann programmiert werden - für Anfänger normal, für Fortgeschrittene schnell und heftig. "Für heute reichts, Herr Heise." Das erste Szenario entstammt Videospielen, wie sie heute nach statistischen Untersuchungen knapp 90 Prozent aller Heranwachsenden zwischen sieben und 15 Jahren spielen. Das Zitat sind die letzten Worte des Amokschützen von Erfurt, der nicht nur ein Waffennarr, sondern auch ein Freak von so genannten Baller-Videos gewesen sein soll. Hatte er genug, als er zum letzten Male seinem einstigen Lehrer gegenüberstand, hatte er im Geiste "den Computer ausgeschaltet"? Die Diskussion, ob und wie weit derartige Spiele Täter zu Massakern animieren, ist seit Erfurt neu entbrannt. Wie weit virtuelles Spiel und Realität ineinander greifen, das eine das andere beeinflusst, darüber streiten die Fachleute, seit Computerspiele heruntergeladen werden beziehungsweise über die Ladentische gehen. Denn für die Industrie sind Videospiele ein Bombengeschäft. Auf eine Milliarde Euro wird der Umsatz der Branche pro Jahr geschätzt. Steinhäuser, der Erfurter Todesschütze, war nach Auskunft seiner ehemaligen Mitschüler ein begeisterter Spieler von "Counterstrike". Es ist das meistgespiele Computer-Online-Spiel der Welt; rund um die Uhr sind nach Angaben des Herstellers (Sierra Entertainment) 500 000 Spieler eingeloggt. Sie besetzen Gelände, nehmen - oder befreien - Geiseln, sprengen Autos in die Luft. Und schießen, wobei die Wahl der Waffen - Gewehre, Pistole, Revolver - eingegeben werden kann. Am begehrtesten sind Pumpguns, denn die bringen die meisten Punkte - Steinhäuser hatte bei seinem Amoklauf auch eine solche Waffe dabei. Dabei gilt - bittere Ironie in diesem makabren Mörderspiel - "Counterstrike" nicht als Killer-Spiel. Es gibt schlimmere Sachen. Dieses gehört zu den LAN-Spielen. Die Initialen stehen für "Local Area Network". Auf so genannten LAN-Partys treffen sich Hunderte von Spielern zum gegenseitigen Auslöschen. Die größte in Europa fand unlängst in Offenbach mit 2500 Teilnehmern statt. Dazu werden verschiedene PCs zusammengeschaltet, und man tritt als Teams gegeneinander an. Wer die meisten Punkte macht, kommt weiter. Punkte werden gemacht, indem man einen Gegner aus dem Kampf bringt, im Klartext: erschießt. Dies geschieht nicht so bestialisch wie eingangs geschildert, sondern der Gegner steht nach einem Treffer sogleich wieder auf. "Beim Geländespiel, wie man es vor Generationen kannte, war es nicht anders", behauptete der Wissenschaftler Jürgen Fritz einmal im "Stern". "Sie treffen auf andere Spieler. Nicht auf richtige Menschen, sondern auf deren Spielfiguren. Stellen Sie sich zwei Jungen vor, die mit Plastikfiguren Indianer und Cowboy spielen. Sie lauern sich auf und rufen ,Peng, du bist jetzt tot! Ich habe dich erwischt!' So läuft das: Er steht sofort wieder auf, und dann wird gezählt, wie oft ich ihn erledigt habe. Und er mich. Das ist ein digitales Indianer-und-Cowboy-Spiel." Weit heftiger sind die Computer-Spiele aus der so genannten "Ego-Shooter"-Familie. Da kämpft einer gegen alle, mit allen Mitteln. Ihnen entstammen die eingangs geschilderten Szenarien. Schulpsychologen wie der Hannoveraner Berd Jötten sehen zwischen solchen Gewalt verherrlichenden Computerspielen und Gewalttaten von Jugendlichen einen deutlichen Zusammenhang. Gipfel der Perversion ist ein "Spiel" namens "Perfect Dark" (Totale Finsternis). Dabei kann das Gesicht einer verhassten Person aus einem Foto in einen virtuellen Körper kopiert und per Mausklick gejagt, gequält, gemordet werden: Frauen, Chefs - und Lehrer. Die Polizei hat gestern Steinhäusers Computeranlage sichergestellt. Vielleicht bringt die Untersuchung etwas Licht in die Finsternis.

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