Norderstedt
29.01.13

Norderstedt

Wohnungsknappheit: die Stadt als sozialer Bauherr

Um die Wohnungsnot zu bekämpfen, will die Politik die Stadt zum "Spieler auf dem Wohnungsmarkt" machen. Tausende Wohnungen fehlen.

Von Andreas Burgmayer
Foto: dpa
Wohnungsgesuch in Köln
Die aussichtslose Suche nach einer bezahlbaren Wohnung. Bis 2020 muss Norderstedt etwa 3500 Wohnungen bauen, um den Markt zu befriedigen

Norderstedt. Wer eine bezahlbare Wohnung hat, darf sich glücklich schätzen. Wer eine bezahlbare Wohnung sucht, verzweifelt auf einem immer enger werdenden Wohnungsmarkt. Betroffen sind Rentner mit niedrigen Renten, Familien mit kleinem Einkommen, Alleinerziehende ohne Vollzeitjob, Studenten oder Auszubildende, Hartz-IV- oder Sozialhilfe-Empfänger. Die Frage nach günstigem und sozial zumutbarem Wohnraum birgt zunehmend sozialen Sprengstoff.

In Norderstedt nimmt nun die Debatte über die Wohnungsmarktsituation Fahrt auf. Und die Tatsache, dass sich private Wohnungsbaugesellschaften nur noch in homöopathischen Dosen am sozialen Wohnungsbau beteiligen, sorgt für seltene politische Allianzen. Miro Berbig, Fraktionschef der Linken in der Norderstedter Stadtvertretung, hatte schon vor Monaten die Gründung einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft gefordert. Im Sozialausschuss bekam die Idee nun Rückendeckung von den Christdemokraten. Der CDU-Stadtvertreter Karl-Heinrich Senckel: "Ich würde mir einen dritten Spieler auf dem Wohnungsmarkt wünschen." Senckel geht nicht so weit, die Gründung einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft zu fordern. Er stellt sich eher ein Genossenschaftsmodell vor, das von der Stadt mit einer Starthilfe versehen werde.

Doch bis städtische Wohnungsbaugesellschaften oder Genossenschaften gegründet sind und Wohnraum schaffen, gehen zu viele Jahre ins Land. Bis 2020 muss Norderstedt zwischen 3200 und 3800 neue Wohnungen schaffen, mehr als die Hälfte davon in Ein- und Zweifamilienhäusern, der Rest in Mehrfamilienhäusern. So lautete das Ergebnis einer von der Stadt beim unabhängigen Beratungsinstitut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung Gewos in Hamburg 2009 in Auftrag gegebenen Studie.

Das Frauenhaus ist voll, Notunterkünfte werden zu Dauerwohnsitzen

Die Wohnungsnot sorgt jetzt bereits für drastische Einzelschicksale, die den Politikern im Sozialausschuss präsentiert wurden. Verlesen wurde der offene Brief der Bewohnerinnen des Norderstedter Frauenhauses. Die Zuflucht für Frauen, die der häuslichen Gewalt in den eigenen vier Wänden entkommen sind, ist völlig überlastet. Weil die Frauen auf dem Wohnungsmarkt keine Chance haben und deswegen ihre Zimmer nicht räumen können. Es habe Frauen gegeben, die nach monatlanger, erfolgloser Wohnungssuche wieder zu ihren gewalttätigen Ehemännern zurückgezogen seien (wir berichteten). Aussichtslos auf dem Wohnungsmarkt seien zunehmend alle Menschen ohne gültigen Mietvertrag, die somit vor dem Gesetz als Obdachlos gelten. Sozialdezernentin Anette Reinders spricht in ihrer aktuellen Analyse der Wohnungslosigkeit in Norderstedt von 160 Menschen, die der Stadt offiziell als Obdachlos bekannt seien. "Die Dunkelziffer der Menschen, die bei Freunden oder Bekannten Unterschlupf finden oder im Sommer unter freiem Himmel, ist viel größer", sagt Reinders. Darunter seien auch Familien mit Kindern.

147 Menschen seien derzeit in den Notunterkünften der Stadt am Langenharmer Weg, am Buchenweg und an der Lawaetzstraße untergebracht. "Erschreckend ist die Verweildauer in diesen Unterkünften. Nicht wenige wohnen hier inzwischen dauerhaft", sagt Reinders. 40 Personen leben hier zwischen drei und zehn Jahre, die meisten seit fünf Jahren und in Einzelfällen seit 15 oder 18 Jahren. "Wir müssen mittel- und langfristig bezahlbaren Wohnraum erhalten, und es müssen neue, geförderte Wohnungen gebaut werden können. Dafür brauchen wir nicht nur Planungsrecht, sondern auch die Bereitstellung der notwendigen Fördermittel durch Land und Stadt", sagt Jürgen Lange, Fraktionschef der SPD. Für zusätzlichen Druck auf dem Wohnungsmarkt sorge, dass viele Sozialwohnungen aus der Mietpreisbindung fallen und bei Neuvermietung teurer werden. Auf Antrag der SPD habe der Sozialausschuss deswegen beschlossen, dass die an die Stadt zurückfließenden Mittel aus der Wohnbau-Förderung in Höhe von 4,5 Millionen Euro im Haushalt für den Bau neuer Sozialwohnungen bereitzustellen sind. "Leider wurden diese Gelder im Hauptausschuss von der CDU/FDP-Mehrheit wieder einkassiert, um damit den Haushalt auszugleichen", sagt Lange. Eine große Chance sei vertan, mittelfristig bezahlbaren Wohnraum in Norderstedt zu schaffen."

Miro Berbig und die Linke wollen als "wirkungsvolle Sofortmaßnahme" Investoren und Bauträger baurechtlich verpflichten, mindestens 30 Prozent der erstellten Wohnungen als Sozialwohnung zu bauen. "Die Hansestadt Hamburg hat damit erste große Erfolge", sagt Berbig. Außerdem wollen die Linken in wenigen Wochen ein konkretes Modell für die Gründung einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft oder einer von der Stadt unterstützten Genossenschaft vorlegen.

Lesen Sie morgen die Reportage über die aussichtslose Suche von Obdachlosen nach einer Wohnung in Norderstedt.

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