Göttingen Nahm Transplantations-Patientin Wodka mit in Klinik?

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Vor einer Leber-Transplantation müssen alkoholkranke Patienten sechs Monate lang trocken sein. In Göttingen wurde jedoch offenbar eine Frau transplantiert, in deren Reisetasche am Tag vor dem Eingriff eine Flasche Alkohol entdeckt wurde.

Göttingen. Im Göttinger Transplantationsskandal soll eine Patientin eine neue Leber erhalten haben, obwohl sie mit einer Flasche Wodka in die Klinik kam. Eine Krankenschwester sagte am Montag als Zeugin vor dem Landgericht, sie habe in der Reisetasche der Frau eine mit Wodka gefüllte Flasche entdeckt. Der Alkohol sei möglicherweise mit Wasser verdünnt gewesen. Sie habe den Inhalt dann weggeschüttet, sagte die Zeugin. Die Patientin sei bereits am nächsten Tag "weg gewesen zur Transplantation".

In dem Prozess muss sich der Ex-Chef der Göttinger Transplantationsmedizin an der Uniklinik verantworten. Dort sollen auch Patienten Lebern erhalten haben, die zuvor nicht – wie vorgeschrieben – sechs Monate trocken waren. In anderen Fällen soll der Arzt mit falschen Angaben vorzeitig Spenderlebern für seine Patienten bekommen haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem versuchten Totschlag in elf Fällen vor. Andere schwer kranke Patienten hätten wegen seiner Machenschaften keine Organe erhalten und seien deshalb möglicherweise gestorben.

Die Zeugin berichtete, die aus dem Raum Oldenburg stammende Patientin habe davon berichtet, täglich mindestens eine Flasche Wodka getrunken zu haben. Was aus der Frau nach der Transplantation geworden ist, wisse sie nicht. Verteidiger Steffen Stern berichtete, der Mutter zweier kleiner Kinder gehe es heute gut. "Sie trinkt nicht mehr."

In ihrer Aussage erhob die Krankenschwester schwere Vorwürfe gegen einen früheren Chefarzt. Auf der Privatstation des Leber-Experten, gegen den die Staatsanwaltschaft seit Monaten ermittelt, hätten immer wieder Patienten gelegen, die eigentlich auf Intensivstationen gehört hätten, sagte die Zeugin.

Der Medizinprofessor habe aber darauf gedrungen, die Schwerkranken auf seiner Station zu behalten. Dort sollte sich ihr Zustand so weit verschlechtern, dass sie schnell eine Spenderleber erhielten, sagte die Zeugin. "Das war aus menschlicher Sicht unerträglich." Kritik seiner Mitarbeiter an diesem Vorgehen habe der Chefarzt abgebügelt. Der Mann hatte mit dem Angeklagten eng zusammengearbeitet.

Darüber hinaus verteidigte die am Montag ebenfalls gehörte frühere Verwaltungsdirektorin der Klinikums den Arbeitsvertrag mit dem angeklagten Transplantationsarzt. Er hatte neben einem Fixgehalt ab der 21. bis zur 60. Lebertransplantation jeweils zusätzlich 1500 Euro bekommen. Vorstand und Rechtsabteilung des Klinikums hätten das nicht als anrüchig empfunden. Dem Angeklagten bescheinigte sie, trotz der extrem hohen Belastung "immer sehr engagiert und einsatzbereit" gewesen zu sein.

Zum Ende des 26. Prozesstages lieferten sich Verteidigung und Staatsanwaltschaft ein Wortgefecht. Anwalt Stern warf den Anklägern vor, hinter dem Rücken der übrigen Prozessbeteiligten mit Sachverständigen und Zeugen zu sprechen. Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff wies das als "Unverfrorenheit" zurück. Der Prozess wird am 30. Januar fortgesetzt.