05.02.13

Ostfriesland

Moorleiche "Bernie" bekommt ein neues Bett

Derzeit kuschelt "Bernie" mit Moorleiche "Moora". In ein paar Monaten soll er aber ins Emder Museum zurückkehren – auf ein neues Bett.

Von Hans-Christian Wöste
Foto: dpa
Emder Moorleiche "Bernie"
ARCHIV - Rekonstruierte Schädelfragmente der Emder Moorleiche "Bernie" werden am 18.11.2011 im Ostfriesischen Landesmuseum in Emden während einer Pressekonferenz vorgestellt. Der "Mann vom Bernuthsfeld" aus dem Ostfriesischen Landesmuseum Emden wird derzeit mit modernsten wissenschaftlichen Methoden erforscht. Foto: Ingo Wagner/dpa (zu "Emder Moorleiche Bernie kommt nicht zur Ruhe" vom 05.02.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Emden. Der "Mann vom Bernuthsfeld" hat schon zu Lebzeiten arg gelitten. Nach 100 Jahren Forschung an Ostfrieslands berühmtester Moorleiche mit dem Spitznamen "Bernie" wissen die Forscher: Der Mann aus dem achten Jahrhundert nach Christus hatte Arthrose und vermutlich auch Krebs. Doch die Leidensgeschichte ging nach seinem Tod erst richtig los. Denn die Wissenschaftler gingen bei ihren Untersuchungen früher alles andere als zimperlich vor.

1907 entdeckten zwei Torfstecher im Bernuthsfeld bei Aurich die Leiche im Moor und dachten zunächst an ein Verbrechen. Aus Angst, unter Verdacht zu geraten, vergruben sie die sterblichen Überreste außerhalb ihres Grundstückes. Doch irgendwann beim Bier in der Kneipe plauderten die Männer ihr Geheimnis aus. "Gendarmeriemeister Bruns meldete den Fund und brachte den Fall ins Rollen", weiß Archäologe Jürgen Bär vom Ostfriesischen Landesmuseum in Emden.

Der "Mann vom Bernuthsfeld" hatte da schon durch die hastige Umbettung verdrehte Knochen, sein Körper veränderte sich durch die Berührung mit Luft und durch eine Trocknungsprozedur. "Andere Moorleichen wurden gar in einen Backofen geschoben oder mit diversen Chemikalien traktiert", hat Bär herausgefunden. "Manchmal blieben nur noch Haarbüschel übrig."

Für "Bernie" begann eine schlechte Zeit: 1910 wurde er nach Kiel zu Johanna Mestorf verschickt, die Begründerin der deutschen Moorleichenforschung. Ihre Untersuchungen weckten das Interesse eines Forschers in Berlin, der die Moorleiche aus Ostfriesland ins Völkerkunde-Museum der Hauptstadt holen wollte. "Wäre das geschehen, wäre "Bernies" Ruhestätte dort vermutlich im Zweiten Weltkrieg noch ausgebombt worden", vermutet Bär. Stattdessen musste die Moorleiche zur Konservierung noch etliche Prozeduren erdulden.

Die Knochen wurden mit Eisenstiften gedübelt, mit Löchern durchbohrt und mit Drähten durchstochen. "Wie eine Marionette", vergleicht Bär den Zustand des Skelettes, das durch die rostigen Drähte litt. Den fragwürdigen Abschluss bildete eine aufgeklebte Kunstharzschicht. Auch an seinem Ausstellungsort im Emder Museum musste Bernie noch einiges aushalten: Jahrzehntelang warfen Besucher durch einen Schlitz Münzen neben den Leichnam: Dieser Brauch sollte Glück bringen, führte aber auch zu Korrosionsschäden.

Heutzutage erforschen Paläopathologen mit modernen naturwissenschaftlichen Methoden Skelette, Mumien und Moorleichen. Nach Untersuchungen in Hamburg und Göttingen hat "Bernie" derzeit noch etwas Zeit zum Kuscheln mit "Moora": Beim Landesamt für Denkmalpflege wird er neben der berühmten Teenager-Moorleiche vorsichtig behandelt, um den schwarz verfärbten Kunstharz abzulösen.

In der zweiten Jahreshälfte soll das 1200 Jahre alte Skelett endlich wieder ins Emder Museum zurückkehren und auf einem neuen Bett, einer neutralen Unterlage, ruhen. In zwei bis drei Jahren könnte es sogar als lebensgroßen Modell wieder erstehen: Großrechner bei VW haben dafür riesige Datenpakete für dreidimensionale Bilder aufgezeichnet. "Weltweit ist er die vielleicht am besten untersuchte antike Leiche", vermutet der Archäologe.

"Untersuchungen an Moorleichen sind immer auch ein Spiegel über den aktuellen wissenschaftlichen Stand der Forschung. Das sollte am Beispiel von "Bernie" erstmals dargestellt werden."

Das Schicksal von Bernie hat aber auch wieder eine Diskussion über Ethik in der Forschung angestoßen. Das Emder Museum macht sich Gedanken über eine angemessene Präsentation in der Zukunft. "Die Moorleiche sollte nicht mehr wie früher nur zur Schau gestellt werden", sagt Museumsdirektor Carsten Jöhnk. Besucher sollten beim Anblick der Knochen nicht einfach erschaudern, sondern einen gestorbenen Menschen in seinem damaligen Umfeld erleben.

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