Mordfall Lena Mörder muss in die Psychiatrie - keine Revision geplant

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Der Mörder von Lena aus Emden muss für lange Zeit in die Psychiatrie. Was ihn zu der Tat trieb, konnte der Prozess nicht eindeutig klären.

Aurich. Ein Video zeigt die letzten Momente in Lenas Leben. Vertrauensvoll folgt die Elfjährige ihrem Mörder durch das Parkhaus in Emden. Was anschließend passiert, nehmen die Überwachungskameras nicht mehr auf: In einem abgelegenen Treppenhaus reißt der junge Mann dem Mädchen Hose und Slip herunter, sticht mit einem Messer in den Hals seines Opfers und erwürgt das Kind. Die Eltern selbst finden später die Leiche ihrer Tochter, unter ihr eine große Blutlache.

Ein letztes Mal müssen Lenas Mutter und ihr Stiefvater am Mittwoch dem Mann gegenübertreten, der ihnen unfassbares Leid zugefügt hat. Das Landgericht in Aurich verurteilt den 19-Jährigen wegen Mordes und versuchten sexuellen Missbrauchs. Der junge Mann wird für lange Zeit, vielleicht für immer, in einer Psychiatrie untergebracht. Lenas Eltern können danach versuchen, endlich einen Schlussstrich zu ziehen, doch vorher müssen sie noch einmal geballt die Schmerzen ertragen, die seit dem 24. März zu ihrem Alltag gehören.

Weinend kommen beiden kurz vor der Urteilsverkündung durch einen Nebeneingang in den Gerichtssaal, ihre Gesichter aschfahl. Der Vorsitzende Richter Werner Brederlow schildert, wie Lena ihren Mörder trifft und freiwillig mit ihm mitgeht. Erst als es zu spät ist, merkt das Mädchen, dass der fremde Mann Böses mit ihr vorhat. "Lena hat angefangen sich zu wehren – durch Schreien, Rufen, Weinen", berichtet der Richter. Der Täter drückt ihren Hals zu, um nicht entdeckt zu werden. "Dabei war ihm klar, dass das zum Tode führen wird."

Lenas Mutter schluchzt, eine junge Frau an ihrer Seite stützt sie. Die Eltern haben jetzt Gewissheit, wie ihre geliebte Tochter ums Leben kam. Doch was den jungen Mann zu der schrecklichen Tat trieb, kann auch der Prozess nicht eindeutig klären. "Der Angeklagte hat es uns hier nicht erlaubt, einen tieferen Einblick in sein Inneres zu geben", erläutert der Richter. Das Urteil nimmt der 19-jährige Mörder regungslos hin. Er ist blass. Den Blick hält er gesenkt, die Schultern sind nach vorne gekrümmt.

Ein Experte hat bei ihm eine Persönlichkeitsstörung festgestellt, die seit seiner Kindheit nicht richtig behandelt wurde. Außerdem könnte er pädophil sein. Doch das ist nur ein Verdacht, keine Diagnose – denn dafür hat er den Psychiater nicht nah genug an sich herangelassen. Auch deshalb hält das Gericht eine Behandlung über viele Jahre für nötig. "Es wird ganz schwer für die Therapeuten, an ihn heranzukommen", meint der Richter.

Vor dem Mord an Lena hatte der junge Mann bereits eine Therapie in einer Jugendpsychiatrie gemacht. Kurz danach zeigte er sich selbst bei der Polizei an, weil er eine Siebenjährige nackt fotografierte. Eine gerichtlich angeordnete Hausdurchsuchung blieb jedoch monatelang unbearbeitet liegen. Eine Ermittlungspanne, die in ganz Deutschland für Entsetzen sorgte. Könnte Lena noch leben? Das hat viele Menschen nach den schockierenden Ereignissen im Frühjahr beschäftigt.

Im Prozess wurde diese Frage nicht direkt behandelt und auch nicht beantwortet. Der Richter gab trotzdem eine Antwort: Selbst bei einem optimalen Verlauf der Ermittlungen wäre der junge Mann nach der Selbstanzeige weiter auf freiem Fuß geblieben. Denn für eine Festnahme oder eine Einweisung in eine Psychiatrie hätten die Vorwürfe nicht ausgereicht.

Für Lenas Eltern ist das Urteil ein Abschluss, sagt ihr Anwalt. Sie könnten jetzt versuchen, ein neues Leben beginnen – ohne Lena.

Keine Revision geplant

Das Urteil wird voraussichtlich nicht angefochten werden. Das erklärten Verteidigung und Staatsanwaltschaft nach dem Richterspruch im Landgericht Aurich. Der Verteidiger des Angeklagten, Rainer Nitschke, sagte, er werde seinem Mandaten nicht raten, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. Oberstaatsanwältin Annette Hüfner erklärte, sie wolle keine Revision. Das Gericht sei mit dem Urteil den Forderungen der Anklage gefolgt.