07.11.12

Mordfall Lena

Mörder muss in die Psychiatrie - keine Revision geplant

Der Mörder von Lena aus Emden muss für lange Zeit in die Psychiatrie. Was ihn zu der Tat trieb, konnte der Prozess nicht eindeutig klären.

Von Irena Güttel
Foto: dpa
Prozess im Mordfall Lena
Wegen Mordes an der elfjährigen Lena aus Emden ist David H. (M.) vom Landgericht Aurich zu dauerhafter Unterbringung in der Psychiatrie und Schadensersatzzahlung verurteilt worden

Aurich. Ein Video zeigt die letzten Momente in Lenas Leben. Vertrauensvoll folgt die Elfjährige ihrem Mörder durch das Parkhaus in Emden. Was anschließend passiert, nehmen die Überwachungskameras nicht mehr auf: In einem abgelegenen Treppenhaus reißt der junge Mann dem Mädchen Hose und Slip herunter, sticht mit einem Messer in den Hals seines Opfers und erwürgt das Kind. Die Eltern selbst finden später die Leiche ihrer Tochter, unter ihr eine große Blutlache.

Ein letztes Mal müssen Lenas Mutter und ihr Stiefvater am Mittwoch dem Mann gegenübertreten, der ihnen unfassbares Leid zugefügt hat. Das Landgericht in Aurich verurteilt den 19-Jährigen wegen Mordes und versuchten sexuellen Missbrauchs. Der junge Mann wird für lange Zeit, vielleicht für immer, in einer Psychiatrie untergebracht. Lenas Eltern können danach versuchen, endlich einen Schlussstrich zu ziehen, doch vorher müssen sie noch einmal geballt die Schmerzen ertragen, die seit dem 24. März zu ihrem Alltag gehören.

Weinend kommen beiden kurz vor der Urteilsverkündung durch einen Nebeneingang in den Gerichtssaal, ihre Gesichter aschfahl. Der Vorsitzende Richter Werner Brederlow schildert, wie Lena ihren Mörder trifft und freiwillig mit ihm mitgeht. Erst als es zu spät ist, merkt das Mädchen, dass der fremde Mann Böses mit ihr vorhat. "Lena hat angefangen sich zu wehren – durch Schreien, Rufen, Weinen", berichtet der Richter. Der Täter drückt ihren Hals zu, um nicht entdeckt zu werden. "Dabei war ihm klar, dass das zum Tode führen wird."

Lenas Mutter schluchzt, eine junge Frau an ihrer Seite stützt sie. Die Eltern haben jetzt Gewissheit, wie ihre geliebte Tochter ums Leben kam. Doch was den jungen Mann zu der schrecklichen Tat trieb, kann auch der Prozess nicht eindeutig klären. "Der Angeklagte hat es uns hier nicht erlaubt, einen tieferen Einblick in sein Inneres zu geben", erläutert der Richter. Das Urteil nimmt der 19-jährige Mörder regungslos hin. Er ist blass. Den Blick hält er gesenkt, die Schultern sind nach vorne gekrümmt.

Ein Experte hat bei ihm eine Persönlichkeitsstörung festgestellt, die seit seiner Kindheit nicht richtig behandelt wurde. Außerdem könnte er pädophil sein. Doch das ist nur ein Verdacht, keine Diagnose – denn dafür hat er den Psychiater nicht nah genug an sich herangelassen. Auch deshalb hält das Gericht eine Behandlung über viele Jahre für nötig. "Es wird ganz schwer für die Therapeuten, an ihn heranzukommen", meint der Richter.

Vor dem Mord an Lena hatte der junge Mann bereits eine Therapie in einer Jugendpsychiatrie gemacht. Kurz danach zeigte er sich selbst bei der Polizei an, weil er eine Siebenjährige nackt fotografierte. Eine gerichtlich angeordnete Hausdurchsuchung blieb jedoch monatelang unbearbeitet liegen. Eine Ermittlungspanne, die in ganz Deutschland für Entsetzen sorgte. Könnte Lena noch leben? Das hat viele Menschen nach den schockierenden Ereignissen im Frühjahr beschäftigt.

Im Prozess wurde diese Frage nicht direkt behandelt und auch nicht beantwortet. Der Richter gab trotzdem eine Antwort: Selbst bei einem optimalen Verlauf der Ermittlungen wäre der junge Mann nach der Selbstanzeige weiter auf freiem Fuß geblieben. Denn für eine Festnahme oder eine Einweisung in eine Psychiatrie hätten die Vorwürfe nicht ausgereicht.

Für Lenas Eltern ist das Urteil ein Abschluss, sagt ihr Anwalt. Sie könnten jetzt versuchen, ein neues Leben beginnen – ohne Lena.

Keine Revision geplant

Das Urteil wird voraussichtlich nicht angefochten werden. Das erklärten Verteidigung und Staatsanwaltschaft nach dem Richterspruch im Landgericht Aurich. Der Verteidiger des Angeklagten, Rainer Nitschke, sagte, er werde seinem Mandaten nicht raten, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen. Oberstaatsanwältin Annette Hüfner erklärte, sie wolle keine Revision. Das Gericht sei mit dem Urteil den Forderungen der Anklage gefolgt.

Der Mord an der elfjährigen Lena aus Emden

24. März: Am Abend wird in einem Parkhaus im ostfriesischen Emden die Leiche eines elfjährigen Mädchens gefunden. Die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus.

25. März: Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigen, dass das Mädchen getötet wurde. Die Auffindesituation und das Obduktionsergebnis wiesen eindeutig auf ein Gewaltverbrechen hin, heißt es.

26. März: Die Ermittler bestätigen, dass Lena Opfer einer Sexualstraftat wurde. Sie beginnen mit der Fahndung nach einem dunkel gekleideten jungen Mann. In Emden gedenken die Menschen der getöteten Lena mit einer Schweigeminute.

27. März: Die Polizei veröffentlicht Ausschnitte von Videoaufnahmen aus dem Parkhaus. Am Abend nehmen die Ermittler einen 17-jährigen Tatverdächtigen fest. Nach einem Lynchaufruf im Internet versammeln sich rund 50 Menschen vor dem Emder Polizeirevier.

28. März: Der Tatverdächtige sagt aus, legt aber kein Geständnis ab. Am Abend wird Haftbefehl gegen den 17-Jährigen erlassen.

29. März: Die Polizei teilt mit, dass der Verdächtige kein Alibi zur Tatzeit hat und veröffentlicht erneut eine Videoaufnahme.

30. März: Der bis zu diesem Zeitpunkt tatverdächtige 17-Jährige wird aus der Untersuchungshaft entlassen. Neuen Ermittlungsergebnissen zufolge könne er nicht der Täter sein, heißt es. Lena wird auf einem städtischen Friedhof in Emden beigesetzt.

31. März: Die Polizei nimmt einen 18-Jährigen fest. Nach weiteren Hinweisen aus der Bevölkerung habe sich der Verdacht gegen den jungen Mann konkretisiert, heißt es vonseiten der Ermittler.

1. April: Der 18-Jährige gesteht die Tat. Der Richter erlässt Haftbefehl gegen den Mann wegen dringenden Mordverdachts zur Verdeckung eines Sexualdeliktes. Am Tatort gesicherte DNA-Spuren untermauern den Verdacht.

3. April: Die Polizei räumt schwere Fehler im Vorfeld der Tat ein. Der mutmaßliche Täter hatte sich im Herbst vergangenen Jahres wegen seiner pädophilen Neigung selbst angezeigt, die Beamten ermittelten jedoch nicht konsequent genug gegen ihn. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) kündigt eine umfassende Untersuchung der Vorwürfe an.

4. April: Gegen mehrere Polizeisachbearbeiter sowie zwei Vorgesetzte werden Disziplinarverfahren wegen Ermittlungspannen im Zusammenhang mit dem 18-jährigen Tatverdächtigen eingeleitet. Taucher beginnen in Emden mit der Suche nach der Tatwaffe.

12. April: In Emden versammeln sich Schüler, Lehrkräfte und Eltern an der Emsschule zu einer Gedenkveranstaltung. Gegen vier weitere Beamte werden Disziplinarverfahren eingeleitet.

10. Mai: Die Staatsanwaltschaft Aurich erhebt Anklage gegen einen 18-Jährigen aus Emden. Der Mann soll am 27. März im Internet zum Lynchmord gegen den damals unter Verdacht stehenden 17-Jährigen aufgerufen haben.

30. Mai: Der 18-Jährige, der im Internet zum Lynchmord aufgerufen hatte, wird zu zwei Wochen in Dauerarrest verurteilt und erhält zudem eine Verwarnung nach Jugendstrafrecht.

27. Juli: Die Staatsanwaltschaft Aurich erhebt Anklage gegen den 18-jährigen Tatverdächtigen.

20. August: Mit einer Schweigeminute beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder vor dem Landgericht Aurich.

30. August: Die Staatsanwaltschaft Aurich erhebt Anklage wegen eines weiteren Aufrufs zur Selbstjustiz gegen einen 18-Jährigen.

6. September: Die Disziplinarverfahren gegen zwei Polizisten aus Aurich wegen Ermittlungspannen im Zusammenhang mit dem Mordfall werden eingestellt.

7. November: Urteilsverkündung vor dem Landgericht Aurich.

(dapd)

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