Bendestorf. Barbieland in Bendestorf: Dreharbeiten für Filmklassiker verwandeln Gemeinde 1950 in Zirkusarena. Was am Set für den Kreisch-Effekt sorgte.

Es waren turbulente Tage im kleinen Bendestorf bei Hamburg: Die Produktion des Filmklassikers „Königin der Arena“ versetzte das Heide-Dorf Bendestorf im Landkreis Harburg Anfang der 1950er-Jahre in einen Ausnahmezustand. Elefanten, Kamele und sogar ein Löwe bevölkerten plötzlich die kleine Gemeinde südlich von Hamburg, Primaballerinas gaben sich die Ehre, Komparsen wurden gesucht – ein Hauch von Abenteuer lag in der Luft.

Monika Götze war damals ein Teenager und sofort infiziert. Von ihrem Vater, Mitarbeiter der Bendestorfer Filmstudios, hatte sie erfahren, dass für eine Filmproduktion von Kult-Regisseur Rolf Meyer Komparsen gesucht wurden. Mit ihrer Mutter Gertrud fuhr sie als 16-Jährige mit dem Postbus vom Wohnort Fleestedt nach Harmstorf.

Dort trafen sie auf weitere Komparsen-Aspiranten aus Hamburg, die sich zu Fuß zu den Filmstudios am Bendestorfer Schierenberg aufgemacht hatten. „Wie eine Karawane“ sei das gewesen.

Filmdreh in der Lüneburger Heide: 10 Mark pro Tag für die Komparsen

Elefanten und Kamele brachten die heile Dorfwelt von Bendestorf durcheinander.
Elefanten und Kamele brachten die heile Dorfwelt von Bendestorf durcheinander. © HA | nanette franke

Monika und Gertrud hatten Glück. Sie wurden genommen, sollten Zirkus-Zuschauerinnen darstellen, fleißig applaudieren und bekamen dafür einen Platz in der Loge des Zirkuszeltes, das mitten im Klecker Wald aufgebaut war. Ihr Honorar: 10 Mark pro Tag und Person, insgesamt vier Tage lang. Vor mehr als 70 Jahren, als Familienvater Schröder monatlich 360 Mark Gehalt nach Hause brachte, ein kleines Vermögen.

Weniger Glamour als bei Marika Rökk: „Es ging sehr rustikal und familiär zu“

Von wegen Heide-Hollywood: Von Glamour waren die Filmstudios Bendestorf damals offenbar meilenweit entfernt. „Die waren arm, Farbfilme drehte nur Superstar Marika Rökk. Es ging sehr rustikal und familiär zu“, erzählt Götze. Während der Dreharbeiten zu „Königin der Arena“ war in dem Heidedorf der Teufel los, berichtete die heute 86-Jährige bei einer Vorführung des Films im Produzentenkino des Filmmuseums.

Hatten Spaß an der Filmpremiere: Monika Götze und Tommy Smidt.
Hatten Spaß an der Filmpremiere: Monika Götze und Tommy Smidt. © HA | nanette franke

Nicht nur Schauspieler und Statisten, auch Tiere kamen in den Ort: Pferde, Kamele, Elefanten und sogar ein Löwe. Die Filmmitarbeiter gaben sich redlich Mühe, Tiere und Schauspieler aneinander und an das grelle Scheinwerferlicht zu gewöhnen – Pferdeäpfel und Elefantendung inklusive. Manchmal landeten die Hinterlassenschaften auch auf den Taschen und Schuhen der Tänzerinnen, was für akuten Kreisch-Alarm sorgte.

Elefant wittert Kuchen in der Loge und nimmt Kostprobe mit dem Rüssel

Die Drehtage seien lang gewesen, so Götze. Also nahmen ihre Mutter und sie Kuchen mit in die Loge. Ein Elefant witterte die Köstlichkeit, rannte schnurstracks auf das Mutter-Tochter-Duo zu und sabberte mit dem Rüssel die Kuchenplatte voll. Verzweifelt griff Mutter Schröder nach dem Rüssel, ein Dompteur rettete schließlich die Situation. Der Kuchen allerdings war ein Fall für den Kompost.

Mitten in der Produktion erlitt Regisseur Rolf Meyer, der 1946 in Bendestorf die „Junge Film Union“ gegründet hatte, einen Verkehrsunfall. Er wurde schwer verletzt, konnte nicht mehr weiterdrehen. Beim Unfall in Meyers Auto saß auch Hauptdarstellerin Maria Litto, eine Primaballerina.

Tanzszenen wie diese mit Maria Litto bilden den Schwerpunkt des Films.
Tanzszenen wie diese mit Maria Litto bilden den Schwerpunkt des Films. © HA | nanette franke

Nach einer Woche kämpfte sie sich mit gebrochenem Kiefer zurück an den Set, was ihr, so Zeitzeugin Götze, großen Respekt eintrug. Komponist Michael Jary, der durch Welthits für Stars von Hans Albers bis Zarah Leander bekannt geworden war, übernahm die Regie des Films von Rolf Meyer.

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Welche wichtige Rolle der Geiger Helmut Zacharias beim Soundtrack zu „Königin der Arena“ spielte, erläuterte in Bedestorf der Hamburger Musikwissenschaftler Andreas Jacubczik. Er hat den Musiker zum Thema seiner Doktorarbeit gemacht und erforscht darin den Beitrag von Zacharias zum Jazz. Eine Musikrichtung, die – weil amerikanisch geprägt – im Nationalsozialismus verboten war.

Geiger Helmut Zacharias bringt neue Produktionstechnik in den Film ein

Zacharias galt als Jarys Protegé. In den 1950er-Jahren startete Zacharias im Jazz durch, gewann Preise, trat in London und den USA auf, komponierte für die BBC. Und er spielte im Filmorchester für „Königin der Arena“ mit. Kenner wie Jacubczik hören den typischen Zacharias-Sound aus der historischen Tonaufnahme deutlich heraus.

Der bekannte Geiger Helmut Zacharias spielte eine wichtige Rolle beim Soundtrack.
Der bekannte Geiger Helmut Zacharias spielte eine wichtige Rolle beim Soundtrack. © HA | nanette franke

Mit einem Kurzauftritt brachte der Geiger sogar eine weltläufige Swing-Nummer in den Film, dessen üppige Orchestrierung noch heute besticht. Das Geheimnis: eine besondere Aufnahmetechnik, bei der einzelne Stimmen überlagert und vervielfacht wurden. Helmut Zacharias hat diese Technik – verzauberte Geigen genannt – damals entwickelt und im Film erstmals eingesetzt, so Jacubczik. Eine technische Premiere.

Viele Jahrzehnte galt der Film „Königin der Arena“ als verschollen

Dass auch die aktuelle Filmvorführung als Premiere bezeichnet werden darf, ist der Aktivität des Bendestorfer Filmmuseums zu verdanken. Lange Jahre galt der Film „Königin der Arena“ als verschollen. Schließlich wurde er in einem Filmmuseum im bayrischen Murnau aufgespürt, wie Andreas Hellmann-Zick, zweiter Vorsitzender des Vereins Filmmuseum, berichtet.

Bei der Film-Einführung (von links): Zeitzeugin Monika Götze, Tommy Smidt (Filmvereinsvorsitzender), Musikwissenschaftler Andreas Jacubczik, Andreas Hellmann-Zick (stellvertretender Filmvereinsvorsitzender) und Digitalisierungsfachmann Christoph Trageser.
Bei der Film-Einführung (von links): Zeitzeugin Monika Götze, Tommy Smidt (Filmvereinsvorsitzender), Musikwissenschaftler Andreas Jacubczik, Andreas Hellmann-Zick (stellvertretender Filmvereinsvorsitzender) und Digitalisierungsfachmann Christoph Trageser. © HA | nanette franke

„Wir fanden zwei Kartons mit 16 Rollen und wir haben viel Geld dafür bezahlt. Doch was wir dafür bekamen, wussten wir damals nicht.“ Zum Glück stellte sich die Qualität des Schwarz-Weiß-Films als „durchaus ordentlich“ heraus, so das Urteil von Christoph Trageser aus Hamburg, der den Film in einem aufwendigen Verfahren digitalisiert, in Bendestorf nachbearbeitet und für die Gegenwart gerettet hat.

81 Minuten Herz und Schmerz, Zirkusatmosphäre und Verwicklungen

Die Zuschauer der Vorführung genossen 81 Minuten Herz und Schmerz, Zirkusatmosphäre und Verwicklungen, in deren Mittelpunkt Margarita, eine junge Frau, steht, die sich zwischen einem peitschenknallenden Artistenmacho und einem Kunstprofessor entscheiden muss. Am Ende siegt die Liebe zur Show, zum großen Auftritt.

Original erhalten: Merchandising-Artikel und Filmplakate aus dem Jahr 1952.
Original erhalten: Merchandising-Artikel und Filmplakate aus dem Jahr 1952. © HA | nanette franke

Margarita, das erkennen die beiden Männer schmerzvoll, gehört keinem von ihnen, sondern nur sich selbst und dem Zirkus. Eine von wirbelnden Tanzszenen durchzogene, in ihrer Darstellung Italiens, in dem Teile des Films gedreht wurden, oft anrührende Revue.

Bestsellerautorin verpasst Filmabend: Neuer Termin am 15. Mai

Wer die Premiere verpasst hat: Am Mittwoch, 15. Mai, um 19 Uhr folgt eine weitere Vorstellung. Dann wollen auch die Tochter von Michael Jary, die Bestsellerautorin Micaela Jary, und Stefan Zacharias, der Sohn des Wundergeigers Helmut Zacharias, dabei sein.

Ihr Premierenbesuch musste ausfallen, weil just an diesem Tag kein Zug fuhr und kein Flugzeug flog. Karten im Vorverkauf für den Film „Königin der Arena“ gibt es online unter https://buchholz-erleben.de in der Rubrik „Erlebnisse buchen“.