Wahlkampf der Bundeskanzlerin

Merkel wirbt in neuer Wahlkreisstadt Greifswald

Foto: Stefan Sauer / dpa

Die Stadt gehört erstmals zum Wahlkreis der Kanzlerin. Sie hielt eine Rede auf dem Greifswalder Fischmarkt und sucht direkten Kontakt zu den Bürgern.

Greifswald. Kurz nach 11.00 Uhr, Greifswalder Fischmarkt: Eine Frau im cremefarbenen Blazer bahnt sich einen Weg durch die Menge. "Hier kommt unsere Kanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel", skandiert ein Moderator in das Mikrofon. "Wo", fragt eine ältere Dame und reckt ihren Hals. Hinten links beginnt die Masse zu wogen. Sicherheitsbeamte, mindestens einen Kopf größer als die Frau im cremefarbenen Blazer, öffnen der Kanzlerin eine Schneise zur Bühne.

Als Bundestagsabgeordnete macht Angela Merkel in Greifswald Straßenwahlkampf und der beginnt auf dem Podest. Alles ist etwas größer, etwas professioneller als bei den Mitbewerbern, die den Bürgern in der Regel selbst ihre Flyer in die Hand drücken. Merkel lässt verteilen: Neben der Bühne in einem weißen CDU-Pavillon reichen CDU-Wahlkämpfer Wahlprogramme und Broschüren an Interessierte aus. Schornsteinfeger-Innungsmeister Ingo Ziola, bekennender Merkel-Fan, hat seine Galauniform angezogen. "Frau Merkel soll mehr auf Schwarz setzen", zeigt er auf die Farbe seiner Kleidung und lächelt.

Merkel besteigt die Bühne, vor der sich rund 400 Neugierige zum Kanzler-Gucken eingefunden haben. Am Rand der Menge recken sechs Mitglieder des Protestforums Greifswald Plakate in die Höhe. "Vereinigte Daten von Amerika" steht auf den Protestschildern oder "Rentenangleichung Ost und West – wie versprochen, so gebrochen." Doch es bleibt ruhig. Greifswald wird schwarz regiert.

"Ich möchte auch Ihre Abgeordnete sein", eröffnet Merkel ihre Charmeoffensive in der Hansestadt. Mit der Bundestagswahl 2013 gehört Greifswald erstmals zum Wahlkreis der Kanzlerin, der bislang die Nachbarstadt Stralsund und die Insel Rügen umfasste und den sie seit 1990 stets souverän für sich gewann. Merkel schwärmt von der Lebens- und Bildungsqualität in der Universitätsstadt. Greifswalds Oberbürgermeister Arthur König (CDU) goutiert die Aussage mit einem zufriedenen Lächeln. Dann fliegt Merkel routiniert durch das CDU-Wahlprogramm von der Finanzpolitik ("Wir dürfen nicht auf Pump leben") über Mindestlöhne (tarifliche Mindestlöhne, die Gewerkschaften und Arbeitgeber aushandeln) bis zu den Mütterrenten. "Der Rede hat der Pep gefehlt", resümiert später der Greifswalder Jura-Student Alexander Schmidt.

Doch nach der Ansprache wird es spannend. Die Kanzlerin steigt von der Bühne zum Autogrammegeben. "Sie können Frau Merkel gern Fragen stellen", muntert der Moderator die Zuschauer auf. Rentnerin Monika Dörband schiebt sich durch die Massen. Die frühere Ingenieurin hat zwei Kinder geboren. Von der Anhebung der Mütterrenten, die die CDU Müttern für vor 1992 geborene Kinder verspricht, hätten Ost-Mütter wenig, klagt Dörband der Kanzlerin. Merkel notiert sich die Mail-Adresse und nickt besorgt. "Ich fürchte, dass Sie Recht haben."

Ein junger Mann in Parka und ausgewaschenem T-Shirt steht auf einmal neben der Kanzlerin. Wie sie finde, dass Stefan Raab beim Kanzlerduell Fragen stellen wird. "Mir ist egal, wer das macht. Jede Frage ist eine gute Frage", schmunzelt Merkel. Mit Autogramm in der Hand verlässt der Parkaträger den hart umkämpften Platz neben der CDU-Bundestagsabgeordneten. Er wirkt zufrieden.

Studenten zwängen sich an den Tisch. Merkel möge eine Petition für bessere Bildungsbedingungen an den Hochschulen unterschreiben. Sie könne doch nicht eine Petition an sich selbst unterschreiben, kontert Merkel und verspricht, sich die Situation an der Greifswalder Uni einmal genau vor Ort anzuschauen. Dann schiebt sie einen Tipp nach: "Genießen Sie auch Ihr Studium!"

Mitarbeiter des Merkel-Teams drängen nach einer Stunde dezent zum Aufbruch. "Will noch jemand ein Autogramm?", fragt Merkel und verteilt die letzten Postkarten an die Wartenden. Dann verschwindet die Frau im cremefarbenen Blazer.

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