09.01.13

Verkehrserziehung

Klaus unterm Lkw: Schockbilder sollen junge Raser bremsen

Mit erschütternden Polizeifotos stützt das Projekt "Crash Kurs" die Verkehrserziehung bei Jugendlichen – Tränen sind inklusive.

Von Iris Leithold
Foto: dpa
Neue Verkehrserziehung setzt auf Unfallfotos
Feuerwehrleute bergen einen zerstörten Pkw nach einem Autounfall an der Bundesstraße 96 bei Ralswiek auf der Ostseeinsel Rügen, bei dem vier junge Menschen ihr Leben verloren. Mit Schock-Unfallfotos und schlimmen Erfahrungsberichten startet in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) das Präventionsprojekt "Crash Kurs MV" um junge Autofahrer von den Gefahren des Rasens zu überzeugen

Schwerin. "Klaus wollte nur abbiegen, konnte sein Motorrad nicht halten und rutschte unter einen Lastwagen. Aber das merkte er nicht mehr." 240 junge Leute verfolgen in der Aula einer Schweriner Berufsschule schweigend eine Diashow mit Polizeifotos schwerer Unfälle in Mecklenburg-Vorpommern. Texte von der Länge einer SMS erklären, was passiert ist. Eine Aufnahme zeigt Klaus, wie er in schwarzer Montur auf der Straße liegt, über ihm eine weiße Plane. Eindringliche Musik untermalt die Bilderfolgen.

Auf schockierende Bilder und mindestens ebenso erschütternde Erlebnisberichte von Rettern, Polizisten, Feuerwehrleuten und Seelsorgern setzt das Verkehrserziehungsprojekt "Crash Kurs - Tatsachen ungeschönt. Hautnah.". Vor zwei Jahren startete es in Nordrhein-Westfalen, am Mittwoch hatte es in Mecklenburg-Vorpommern als zweitem Bundesland Premiere. Die Zielgruppe sind 16- bis 24-Jährige.

Der Hintergrund: Alle sieben Minuten verunglückt in Deutschland statistisch gesehen ein junger Verkehrsteilnehmer zwischen 18 und 24 Jahren und wird dabei verletzt. Alle zwölf Stunden kommt einer ums Leben. Allein in Mecklenburg-Vorpommern waren im vergangenen Jahr zwölf Unfalltote in dieser Altersgruppe zu beklagen, wie Innenminister Lorenz Caffier (CDU) sagt. Bei 985 Unfällen seien zudem 18- bis 24-Jährige verletzt worden. Junge Leute seien doppelt so häufig an Unfällen beteiligt wie ihr Anteil an der Bevölkerung vermuten ließe. Eine häufige Ursache ist Selbstüberschätzung, gepaart mit fehlender Erfahrung. "Da ist unendlich viel Leid", sagt der Minister, der selbst vierfacher Vater und Großvater ist.

Anhand der Geschichten von Blut, Tod und Schmerzen könnten die Jugendlichen nachvollziehen, dass sie selbst verletzlich und sterblich sind und welches Leid risikoreiches Verhalten im Straßenverkehr mit sich bringen kann, hofft die Verkehrssicherheitskommission des Landes. Das Projekt wandele auf einem Grat zwischen heilsamem Schock und einem Zuviel an Härte.

Uwe Ganz aus dem Düsseldorfer Innenministerium zieht eine positive Zwischenbilanz des dortigen Projekts, das wissenschaftlich von Universitäten in Köln und Zürich begleitet wird. Die Jugendlichen erinnerten sich noch ein halbes Jahr nach den Veranstaltungen an die Kernaussagen, berichtet er in Schwerin. Das sei ein sehr gutes Ergebnis. Allerdings sei man bei der Auswahl der Bilder "softer" geworden. "Eine zerrissene Kette kann mehr sagen als ein abgerissenes Bein", sagt er. Zu harte Bilder könnten dazu führen, dass Zuschauer "zumachen" und für die Botschaft nicht mehr erreichbar sind.

Diese Erfahrung machen die Veranstalter auch in Schwerin: Als der Rostocker Notfallmediziner Gernot Rücker von der schwerstverletzten Niki erzählt, die mit ihrem Auto bei Tempo 130 gegen einen Straßenbaum geprallt war, verlassen einige Mädchen weinend den Saal. Die 22-jährige Niki kämpfte sich mühsam ins Leben zurück, ein Bein ist heute sechs Zentimeter kürzer als das andere.

Schockbilder werden in einigen Ländern bereits zur Warnung vor Tabakkonsum eingesetzt, etwa in Australien und Kanada. Untersuchungen dort hätten gezeigt, dass solche Bilder wirksamer seien als Aufschriften auf den Zigarettenpackungen, sagt der Rostocker Psychologie-Professor Olaf Reis. Ob das auch bei Unfallfotos so funktioniere, wisse er allerdings nicht. Die beiden "Crash Kurs"-Teams in Mecklenburg-Vorpommern glauben daran. Sie haben in diesem Jahr acht Veranstaltungen im Kalender. Angeboten wird zur Vertiefung zudem ein Projekttag "Aktion Junge Fahrer" je zwei Monate später.

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