13.11.12

Welterbestadt Stralsund

Verkauf von historischer Bibliothek sorgt für Empörung

Stralsund trägt seit 2002 den Titel einer Welterbestadt. Heimlich hat sie sich nun von einem antiken Bibliotheksbestand getrennt.

Von Martina Rathke
Foto: ZB/DPA
Stadtarchiv Stralsund
Knapp 6000 Bände einer umfassenden historischen Bibliothek aus dem Stadtarchiv Stralsund wurden an einen privaten Antiquar verkauft

Stralsund. Die Kritik am Verkauf einer knapp 6000 Bücher umfassenden historischen Bibliothek durch die Hansestadt Stralsund wächst. Der Vorstand des Museumsverbandes Mecklenburg-Vorpommern bezeichnete den Verkauf an einen privaten Antiquar am Dienstag "als Präzedenzfall der Missachtung immaterieller kultureller Werte". Die Veräußerung sei ein für eine Kulturnation inakzeptabler Vorgang.

Die Bücher der im Jahr 1627 gegründeten Stralsunder Gymnasialbibliothek gehen zum Teil auf das 16. Jahrhundert zurück. Sie gehörte nach Einschätzung von Experten zu den bedeutendsten weitgehend erhaltenen historischen Schulbibliotheken in Deutschland.

Der Hauptausschuss der Hansestadt hatte im Juni 2012 den Verkauf der Bücher beschlossen. Öffentlich wurde der Verkauf erst Mitte September, als Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU) einen plötzlichen Schimmelbefall beklagte, der beim Verkauf der Sammlung aufgefallen sei. Wie die Ostsee-Zeitung (Stralsunder Ausgabe) am Dienstag berichtete, hat die Stadt für den Verkauf der Bände rund 95 000 Euro erhalten. Ein Stadtsprecher wollte die Angaben weder bestätigen noch dementieren. Das Innenministerium befasst sich inzwischen mit dem Vorgang und prüft, ob die Welterbestadt Stralsund mit dem Verkauf gegen Rechtsvorschriften verstoßen hat.

Die Veräußerung sorgt mittlerweile nicht nur bei deutschen Fachverbänden, sondern auch im Ausland für Empörung. Einer Petition im Internet haben sich rund 1900 Menschen angeschlossen, darunter aus Kanada, Großbritannien oder den USA. Zuvor hatte der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) Aufklärung über den Verkauf gefordert.

Die Stadt hält sich weiter bedeckt und macht weder Angaben zum Kaufpreis, zum Grund des Verkaufs oder zur Liste der verkauften Bücher. Stadtsprecher Peter Koslik sprach am Dienstag von einem "Stau an offenen Fragen" und verwies auf das externe Gutachten, dass die Stadt erstellen lassen will, um die Vorgänge aufzuklären.

Indes gehen Fachleute davon aus, dass die Bibliothek unwiederbringlich zerschlagen ist. "Die Gymnasialbibliothek ist in ihrer Gesamtheit verloren", sagte Landesarchivar Martin Schoebel in seiner Funktion als Vorsitzender der Historischen Kommission für Pommern. Bücher aus dem verkauften Bestand werden seit einigen Tagen über das Internet – teilweise zu vierstelligen Kaufpreisen - angeboten und verkauft.

Das Innenministerium als kommunale Rechtsaufsichtsbehörde hat das Kultusministerium und die Stadt Stralsund um Stellungnahmen gebeten. Das Ministerium setze alles daran, zu klären ob gegen die geltende Satzung des Archivs und das Archivrecht verstoßen wurde, sagte eine Sprecherin. Das Ministerium habe weder dem Kultusministerium noch der Stadt eine Frist für die Stellungnahmen gestellt. Es sei nicht üblich, anderen Behörden Fristen zu setzen.

Der Museumsverband Mecklenburg-Vorpommerns kritisierte, dass mit Einführung der doppelten Haushaltsführung die Museen zur finanziellen Bewertung des Kulturgutbestandes gezwungen seien. Dies führe "zu einer Ersetzung von Werten durch Preise im administrativen Verständnis" und befördere "ein rein ökonomisches Verständnis öffentlicher Aufgaben und die Aufkündigung der als Generationenvertrag zu verstehenden Pflicht zur Bewahrung des Patrimoniums."

Zuvor hatte der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare Kommunen vor einer Haushaltskonsolidierung durch Verkauf von Kulturgut gewarnt. Gerade in strukturschwachen Regionen sehe der Verband dieser Entwicklung "mit großer Sorge" entgegen.

Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alles über Ihre Straße

Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. WirtschaftKreml-PolitikRusslands Konzernchefs klagen über "Sowjet-Diktatur"
  2. 2. AuslandKampf um DonezkUkraine soll Streubomben eingesetzt haben
  3. 3. WirtschaftUnglück in MoskauTotal-Chef stirbt bei Flugzeugunfall mit Schneepflug
  4. 4. Webwelt & TechnikSmartphonesApple übertrifft durch iPhone 6 alle Erwartungen
  5. 5. PolitikSyrienIS greift Kobani "an allen Fronten" an
Top Video Alle Videos

Diese Kurden, die in Düsseldorf demonstrieren, fordern auch die Freilassung des in der Türkei inhaftierten PKK-Chefs Öcalan
Brightcove Videos

Sie fordern Unterstützung für Kobani: In Düsseldorf sind rund 21.000 Menschen gegen die Terrormiliz IS auf die Straße gegangen. Viele kritisieren dabei auch die Zurückhaltung der Türkei. mehr »

Top Bildergalerien mehr
2. Bundesliga

Rückschlag für St. Pauli gegen Düsseldorf

Hamburg

Unbekannte überfallen Juwelier in der City

Unfall

Schiff fährt gegen Elbbrücke

Bundesliga

HSV erkämpft sich Punkt gegen Hoffenheim

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr