Quartiersbegehung

Berne ist die Vorzeige-Gartenstadt von Hamburg

Zur Gartenstadt-Siedlung gehören auch 540 Doppelhaushälften

Foto: Michael Rauhe

Zur Gartenstadt-Siedlung gehören auch 540 Doppelhaushälften

Zu jedem Genossenschaftshaus gehören 1000 Quadratmeter Garten. Die Miete: nur etwa 4,70 Euro pro Quadratmeter. Die Warteliste ist lang.

Hamburg.  Die Gartenstadt in Berne kennt Sönke Witt aus dem Effeff. Er ist in der Siedlung aufgewachsen und wohnt mit seiner Familie im selben Haus, in dem seine Großeltern einst lebten. Sein Großvater gehörte 1919 zu den Gründern der "Gartenstadt Hamburg Wohnungsgenossenschaft". "Und die heißt 'Gartenstadt Hamburg', weil Berne damals eine Hamburger Exklave war", erklärt Witt. "Das gesamte Umland gehörte zu Preußen. Wir nicht, wir waren Hamburger."

So sehr Sönke Witt die Geschichte der Gartenstadt kennt – noch mehr interessiert ihn die Gegenwart, denn der studierte Volkswirt ist Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft, zu der nicht nur die 540 Doppelhaushälften der Gartenstadt-Siedlung, sondern weitere 1719 Wohnungen zwischen Jenfeld und Volksdorf, überwiegend in Geschosswohnungsbauten, gehören.

400 Quadratmeter hätten für eine Familie gereicht

2013 wurde die Gartenstadt-Siedlung in Berne unter Denkmalschutz gestellt. "Wir sind mit 55 Hektar eines der größten Flächendenkmäler in Hamburg", sagt Sönke Witt. "Eigentlich ein kleiner Stadtteil für sich." Dass 540 Doppelhaushälften – es gibt auch einige kleine Reihenhaustypen – eines der größten Flächendenkmäler bilden können, wird schnell klar, wenn man durch die Siedlung spaziert.

Zu jeder Wohnung gehört ein 1000 Quadratmeter großer Garten. "Für die Selbstversorgung einer Familie hätten 400 Quadratmeter gereicht, hat mir mein Großvater erzählt. Aber die Siedlung war in der Anfangszeit nicht an die Kanalisation angeschlossen, und die 'Goldeimer' mussten auf dem eigenen Grund entsorgt worden", erklärt Witt den großzügigen Umgang mit Grund und Boden.

Auf die Miete – sie beträgt rund 4,70 Euro pro Quadratmeter – wird der Garten nicht aufgeschlagen. Er ist kostenlos, muss aber gepflegt werden. Auch wenn sich einiges im Laufe der vergangenen hundert Jahre verändert hat – neben vielen Häusern stehen Garagen oder Carports, und die alten Sprossenfenster wurden durch moderne Fenster ersetzt – , atmet die Siedlung doch noch den Geist der Gründergeneration.

"Das waren alles Sozialdemokraten und Kommunisten, die sich von der politischen Arbeit her kannten", sagt Sönke Witt. "Sie wollten raus aus der Stadt und haben deshalb nach dem Ersten Weltkrieg eine Genossenschaft gegründet." Damit beschritten sie Neuland, denn den Traum von einem Leben mit Haus und eigenem Garten konnten sich damals nur wenige Städter verwirklichen. Für das wohlhabende Bürgertum waren Villenkolonien gebaut worden – häufig außerhalb der Stadt wie in den Elbvororten oder in Aumühle.

Angestellte, Handwerker und Arbeiter mussten dagegen weiter in den beengten Verhältnissen der wachsenden Industriestädte wohnen. Doch dann wurde 1898 in England das Konzept der Gartenstadt entworfen – Städte im Speckgürtel der Stadt, in denen Häuser und Grundstücke genossenschaftlich allen Bewohnern gehören sollten. Die Konzeption fand auch in Deutschland viele begeisterte Anhänger. Durch die Gründung von Genossenschaften war das Ziel einer Siedlung im Grünen auf einmal keine unerreichbare Utopie mehr.

Ursprünglich war eine Villenkolonie angedacht worden

In Hamburg wurde 1909 eine Ortsgruppe der "Deutschen Gartenstadtgesellschaft" gegründet, und erstmals geriet Berne, wo es freie Flächen eines ehemaligen Gutes gab, in den Fokus Interessierter. Denn nicht nur genossenschaftlich orientierte Gruppen begeisterten sich für das Konzept der Gartenstadt, auch die Immobilienwirtschaft hatte das Potenzial dieser Idee erkannt.

Zwei "Terraingesellschaften" prüften, ob sich das Gut in Berne für eine bürgerliche Gartenstadt, eine Villenkolonie, eignete. Doch letztlich kamen die Genossenschaftsgründer zum Zuge und bauten ihre Siedlung, damals weit vor den Toren Hamburgs, irgendwo im Nirgendwo. Doch dieses Nirgendwo hatte einen Eisenbahnanschluss, die heutige Hochbahn-Station Berne.

Beim Gang durch die Siedlung fällt auf, dass es zwei Bauperioden gibt. "Die verputzten Häuser wurden von einem Architekten namens Prestinari gebaut. Aber sie waren zu aufwendig und damit zu teuer", erklärt Witt. Also schrieb man einen Architekten-Wettbewerb aus, den Friedlich Ostermeyer gewann, der bereits an der Steenkamp-Siedlung in Altona mitgebaut hatte und der später durch seine großen mit Klinker gebauten Arbeiterwohnhäuser bekannt wurde.

Auch in der Gartenstadt Hamburg baute er überwiegend mit dunklem Klinker. Die Walmdächer im Heimatschutzstil gaben der Siedlung ein rustikales Ambiente. In die bunten Fensterläden wurden Figuren – Vögel und Bäume – gesägt. "Jede Straße hatte ihr Motiv", erklärt Witt.

"Hatte sich ein Kind verlaufen, konnte es immerhin sagen, dass es in der Straße mit den Vögeln wohnt." Später kam eine von Fritz Schumacher gebaute Schule hinzu – sie steht heute leer und wartet auf eine neue Nutzung – und eine Feuerwehrwache. "Die Hamburger Feuerkasse wollte uns nicht mehr versichern, wenn wir keine Freiwillige Feuerwehr organisieren", sagt Witt. Sogar eine Polizeiwache habe es gegeben.

Gartenstadt-Siedlung kein Modell für die Zukunft. Da musste ich als Kind einmal hin, um mein Fahrrad vorzuführen. Ob das Licht funktionierte und so."

Die Siedler haben sich ihren "Stadtteil" damals so gestaltet, dass sie alles hatten, was sie zum Leben brauchten. Man ging zum Einkaufen in die genossenschaftlich organisierte "Produktion", es gab kleine Handwerksbetriebe, und wer aus Altersgründen das riesige Grundstück wieder aufgeben musste, konnte in ein eigens für Senioren gebautes Reihenhaus einziehen. "Kleine Wohnungen mit gefährlich steilen Treppen", sagt Witt. "Da saßen die Großmütter auf der Bank vor der Tür und haben ihre Enkel auf dem Weg zur Schule begrüßt."

Derzeit erlebt das Gartenstadtkonzept in der Hansestadt eine Renaissance, wobei man sich auf die ursprüngliche Idee beruft, statt Siedlungen mit Einzelgärten eine grüne Stadt entwickeln zu wollen. Es heißt, die deutsche Spielart der Gartenstadt-Siedlung wäre allein wegen ihres Flächenverbrauchs kein Modell mehr. Sie sei überdies ein Irrweg gewesen, so ihre schärfsten Kritiker. Ein Irrweg, der in die Tristesse der Einzelhaussiedlungen der Nachkriegszeit geführt habe. Das sehen die Bewohner der Gartenstadt Hamburg anders. Würden sonst so viele Familien bereits in der dritten Generation hier wohnen?

INFO: Traditionell werden viele Nutzungsverträge innerhalb von Familien "vererbt". Es kommt aber immer wieder vor, dass Kinder nicht die Nachfolge antreten wollen. Es gibt eine Warteliste innerhalb der Genossenschaft für die Siedlungshäuser. Mehr unter www.gartenstadt-hamburg.de oder Tel. 644 10 60.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.