Hamburg

Zwei Architekten sind Revoluzzer des sozialen Wohnungsbaus

Cord Siegel und Axel Hauschild unterhalten Büros in Kopenhagen und Hamburg.

Foto: Hauschild-Siegel archichtects / HA

Cord Siegel und Axel Hauschild unterhalten Büros in Kopenhagen und Hamburg.

Das Architekten-Büro Hauschild + Siegel plante in Wilhelmsburg und Harburg Mehrgeschossbauten. Nicht nur Juroren sind begeistert.

Hamburg.  Der Porschefahrer im schwarzen Anzug, der für Geld alles baut, der Stil-Diktator, der nur klinisch-kühle Interieurs gelten lässt, der egomane Künstler, der hauptsächlich am eigenen Denkmal interessiert ist. Kaum ein Beruf evoziert so viele Klischees wie der des Architekten. Axel Hauschild will offenbar keines davon bedienen. Während in Wilhelmsburg bei der Grundsteinlegung seines neuesten Wohnungsbauprojekts der Staatsrat für Stadtentwicklung dessen Qualitäten lobt, hält sich der Architekt diskret im Hintergrund. Und auch nach der Grundsteinlegung sucht er nicht, wie viele seiner Kollegen, die Nähe zu Bauherren und Politik.

Hauschilds lässiges Understatement, basierend auf gesundem Selbstbewusstsein und einer klaren Haltung, ist typisch für die Hipster-Generation junger Architekturbüros, zu denen auch das vor neun Jahren in Kopenhagen gegründete Büro Hauschild + Siegel gehört. Wie viele ihrer Kollegen, die sich nach einigen Lehrjahren in Großbüros selbstständig gemacht haben und jetzt um die 40 sind, sieht sich auch Axel Hauschild lieber in der Rolle des Sozialarbeiters als in der des Stilisten.

In seinem Hamburger Büro in der Schanze gibt der zweifache Familienvater, der wöchentlich zwischen Kopenhagen und Hamburg pendelt, dann auch sehr glaubwürdig den idealistischen Überzeugungstäter. Im grauen Schlabberpulli, Jeans und Sneakers erklärt er tiefenentspannt mit norddeutschem Zungenschlag ("ich komme aus der Nordheide"), dass er und sein Partner Cord Siegel nichts weniger als die Revolution des sozialen Wohnungsbaus planen.

Um Selbstdarstellung geht es dem Büro nicht

Im Gespräch wird klar: Diesem Büro geht es nicht darum, sogenannte "Architektur-Pornos" zu produzieren – geschönte Glamourfotos ikonografischer Gebäude, die primär der Selbstdarstellung von Architekt und Bauherr dienen. "Wir möchten keine Architektur machen, in der sich das Gestalterische in den Vordergrund drängt", sagt Hauschild. "Unsere Gebäude sollen in erster Linie funktional sein und in der Stadt die Menschen dazu bringen, mit Nachbarn ins Gespräch zu kommen."

Wie gut dieser integrative Ansatz gelungen ist, kann man nicht nur im Malmöer Stadtteil Westerham überprüfen, sondern auch am Schlöperstieg in Wilhelmsburg. Für die Neuen Hamburger Terrassen, ihr erster Geschosswohnungsbau, gewannen Hauschild + Siegel 2012 quasi aus dem Stand den prestigeträchtigen Preis des BDA Hamburg. "Wir haben einfach ein Einfamilienhausquartier in die Höhe gestapelt", erklärt Hauschild das ebenso einfache wie überzeugende Konzept. "Die Bürgersteige wurden zu Laubengängen, die sich jeweils vier Wohnungen teilen – und jetzt herrscht dort immer reger Betrieb, wenn ich mal wieder zu Besuch dort bin."

Tatsächlich fühlt sich der Besucher wie in einem Dorf, das nicht in die Fläche, sondern in die Höhe entwickelt wurde. Großzügige Gemeinschaftshöfe und -plätze, die auf verschiedenen Ebenen von allen Bewohnern genutzt werden können, sind nach unterschiedlichen Themen gestaltet: Garten, Feiern, Spiele. Aber da sich einige Bewohner offenbar die Nutzung nicht vorgeben lassen wollten, wird ein Platz auch ganz konventionell zum Aufhängen der Wäsche umgenutzt.

Anders als in vielen monoton gestalteten Wohnanlagen herrscht ein fröhlicher Mix verschiedener Bautypen. Es gibt vertikale Reihenhäuser genauso wie große und kleine Wohnungen, die über die verschiedenen Geschosse verteilt werden plus einer Kita. Erschwinglich ist die Großkommune auch für die meisten Menschen: 60 Prozent der Wohnungen sind gefördert.

Großsiedlungen sind nicht zu Ende gedachte Sozialutopien

Anders als vielen seiner Kollegen ist Axel Hauschild das Feedback seiner Nutzer wichtig, weshalb er immer mal wieder nach dem Rechten schaut oder bei Problemen zur Stelle ist. Kürzlich erfuhr er von einer älteren Dame, Bewohnerin des "Insellebens", einem weiteren prämierten Wohnkomplex des Büros, in diesem Fall aber auf der Harburger Schlossinsel –, wie gut ihr sein Entwurf gefällt: "Sie sagte: Wir wohnen hier so gern, vor allem wegen des Kontakts zu den anderen Leuten. Wir lassen extra 60 Zentimeter auf den Brüstungen der Balkone frei, sodass wir uns gegenseitig sehen und besuchen können."

Wie viele Architekten seiner Generation sieht Hauschild Großsiedlungen aus den 60er- und 70er-Jahren wie Steilshoop nicht als städtebauliche Schandflecke, sondern eher als architektonisch gelungene, wenn auch nicht zu Ende gedachte Sozialutopien. Zu Problemvierteln wurden solche Siedlungen nur aufgrund von politischer Ignoranz und mangelndem Facility Management. "Man hat sich einfach nicht ausreichend um die soziale Mischung gekümmert. Diese Trennung verschiedener sozialer Schichten darf es heute nicht mehr geben."

Mit Haltung den Bauherren überzeugt

Klares Veto also gegen jegliche Form der Monokultur, in der fast ausschließlich Sozialhilfeempfänger oder Besserverdienende in einem Quartier wohnen. Das produziere nur Langeweile, so der Architekt. Gut findet er deshalb, dass in Hamburg seit einiger Zeit mit dem Instrument des sogenannten Drittel-Mixes gearbeitet wird: Bei großen Bauvorhaben müssen mindestens ein Drittel Sozialwohnungen gebaut werden, die restlichen zwei Drittel dürfen auf frei finanzierte Miet- und Eigentumswohnungen entfallen.

Nonkonformistische Ideen lassen sich jedoch nur mit entsprechenden Bauherren umsetzen. Das Büro Hauschild + Siegel hatte bei allen drei seiner Hamburger Wohnungsprojekte Glück: Ohne die Zusammenarbeit mit dem Investor Holger Cassens hätte es wohl kaum die Chance gehabt, im Segment des überreglementierten geförderten Wohnungsbaus so innovativ arbeiten zu können. "Wir haben mit ihm wirklich einen netten Bauherren", sagt Hauschild.

Holger Cassens gibt das Kompliment zurück. Als die IBA Hamburg ihn auf die Neuen Hamburger Terrassen angesprochen habe, hätte ihn nicht nur der unkonventionelle Entwurf der beiden "Jungs" überzeugt, sondern auch Hauschilds Haltung. "Mich hat beeindruckt, mit welcher Überzeugung er für seine Ideale kämpft. Bei den beiden bin ich mir ziemlich sicher: Die werden sich auch in Zukunft nicht verkaufen!"

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