Messe

Ein Hauch von Nostalgie in der Möbel- und Einrichtungswelt

Die 1960er-Jahre sind für aktuelle Einrichtungstrends stilbildend

Foto: Bethune / HA

Die 1960er-Jahre sind für aktuelle Einrichtungstrends stilbildend

Auf der Imm Cologne ist die Sehnsucht nach Vergangenem spürbar. Viele neue Möbelentwürfe überzeugen zugleich mit Raffinesse.

Der Retrolook liegt weiter voll im Trend. Das zeigt ein Besuch der Imm Cologne, der wichtigsten Messe zu Beginn eines jeden Jahres für die internationale Möbel- und Einrichtungswelt. Wo man auch hinschaut: Überall finden sich Anlehnungen an das sogenannte Mid-Century-Design, an den Einrichtungsstil zwischen 1940 und 1960.

Was heißt das konkret? Sitzmöbel mit zierlichem Aussehen, Poufs in diversen Ausführungen sind ebenso zu sehen wie Sideboards und Tischchen auf Drahtgestell. Ursula Geismann, Trendanalystin des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie, weiß dafür gleich mehrere Gründe zu benennen: "Nostalgie ist derzeit so beliebt, weil sie große Sicherheit in einer Zeit gibt, in der sich alles und jeder ständig selbst überholt und in der die Beschleunigung des Alltags zu nerven beginnt." Außerdem spiegele sich in diesen Möbeln die Tatsache wider, dass viele Menschen angesichts hoher Mieten in Großstädten auf kleinere Wohnungen ausweichen müssten.

Funktionalität und Verwandelbarkeit sind die großen Themen

Das bedeutet jedoch nicht, dass Möbel im XXS-Format einen Verzicht auf Komfort und Raffinesse mit sich bringen. Ganz im Gegenteil: Die Firma Klafs hat eine Sauna entwickelt, die sich auf Knopfdruck binnen weniger Sekunden – quasi wie das Zoomobjektiv einer Kamera – von 60 auf bis zu 180 Zentimeter ein- und ausfahren lässt. Auf der Messe kann man diese Innovation (ab 9900 Euro) in weißer Optik bewundern. Es verwundert nicht, dass die Sauna gleich in fünf Kategorien ausgezeichnet wurde und darüber hinaus den Titel "Bestes Produkt 2015/2016" in seiner Gattung erhalten hat.

Funktionalität und Verwandelbarkeit sind überhaupt das große Thema bei Möbeln. So wirbt die dänische Firma Tvilum mit Snackboards, die in schmalen und kleinen Räumen viel Stauraum und die Möglichkeit bieten, Arbeitsplatten aus- und einzuklappen. Regale – viele davon auf Rollen – präsentieren sich dabei nicht nur als leicht stapelbare Raumteiler, sie können auch beidseitig genutzt werden. "Wir wollen damit junge Menschen ansprechen, die mobil bleiben und sich mit wenig Raum begnügen müssen", sagt Firmenvertreter Tobias Dibowski.

Doch auch Markenhersteller wie Natuzzi, bekannt für Sitzmöbel aus feinstem Leder, setzen mittlerweile auf grazile Entwürfe, die ihre Raffinesse – zusätzlicher Komfort ergibt sich auf Knopfdruck – erst bei zweitem Hinsehen preisgeben. "Viele unserer Kunden leben wie Nomaden. Möbel müssen ein solches Leben erlauben", heißt es.

Dass das Leben manchmal so einfach sein kann, zeigt Jungdesigner Petter Thörne mit seinen Möbeln der Linie Wedge, was übersetzt so viel heißt wie Ein- oder Festkeilen. Der Name nimmt Bezug auf die simple Idee, Stoffe mithilfe von Holzdübeln auf Sitzmöbeln zu befestigen. Teures und zeitaufwendiges Polstern entfällt damit. Mal sehen, ob sich die Idee des bereits mehrfach ausgezeichneten 31-jährigen Schweden durchsetzen wird. Er sucht noch nach einem Hersteller. Dies trifft auch auf Industriedesigner Florian Schreiner aus Berlin zu. Der 30-Jährige stellt in Köln seine Abschlussarbeit "Frame" vor: Es handelt sich um einen Rahmen aus Holz, der mit Modulen nach Lust und Laune "bespielt" werden kann. An Seilen befestigt verwandeln sich diese Module aus Holz in Nullkommanix von einer festen Seitenwand, an der man alles Mögliche (Teller, Pflanzen etc.) befestigen kann, zu einer Sitzbank, Hochebene oder zu einem Tisch. Alles ähnelt einer Schaukel. Das Möbel begeistert durch seine spielerische Multifunktionalität.

Radikal auf die eigentliche Funktion heruntergebrochen und skulptural wirken auch die Esszimmermöbel der niederländischen Designerin Monika Mulder. Hersteller Tenzo stellt sie unter dem Namen Grain vor. Die puristisch anmutenden Möbel gibt es in Weiß, Schwarz und Rot.

Ein Produkt zu entwickeln, dass die praktischen Anforderungen erfüllt, kann durch gute Überlegungen erreicht werden, aber ein Produkt zu schaffen, dass die Seele berührt, das erfordert echte Gefühle und ist meine Vorstellung von anspruchsvollem Design", wird die Niederländerin zitiert. Sollte der Eindruck entstanden sein, Sitzmöbel seien nicht mehr bequem, so ist dies falsch. Nach wie vor gibt es auch ausladende Sitzlandschaften zu sehen, doch Trendanalystin Geismann hebt mit Recht hervor: "Die Messe zeigt, dass Möbel einen Schub in Richtung gesunder Bequemlichkeit erleben. Höhenverstellbare Küchentheken, Schreibtische und Betten werden verstärkt kommen, ebenso wie Wellness-Apps, die uns zu sportlichen Aktivitäten im eigenen Zuhause motivieren." Und über das Smartphone überprüfen wir zunehmend mehr diverse Abläufe im Haus.