10.11.12

Die Gersters brauchen keine Heizung

Im Rahmen der bundesweiten Passivhaustage an diesem Wochenende erlaubt die Familie in Schnelsen Einblicke in ihren Wohnalltag

Von Hans-Jörg Munke

Familie Gerster sitzt im Warmen - und das ohne Heizung. Geheizt wird mit Aquarium, Wasserbett, kleinem Ethanol-Kamin und Besuch. Wie das geht? Ein Passivhaus macht's möglich.

"Weihnachten ist es hier richtig bullig. Ein Weihnachtsbaum mit echten Kerzen, dann kommt noch Familie, da muss man schon für Abkühlung sorgen und die Haustür aufmachen", erzählt Yvonne Gerster. Auch an Silvester 2009, den ersten Jahreswechsel im neuen Haus, erinnern sich die Gersters noch gut. "Damals", ergänzt Yvonnes Mann Nisse, "waren draußen minus zehn Grad. Wir hatten rund 20 Gäste hier, die ausprobieren wollten, ob man in einem Passivhaus frieren muss. Im Raum stieg das Thermometer bis auf 24 Grad, obwohl es ein ständiges Rein und Raus an diesem Abend war."

Nisse Gerster ist als Architekt spezialisiert auf Passivhäuser und hat das eigene Doppelhaus selbst entworfen. "Es ist zwar zweigeschossig, das Dachgeschoss wirkt aber sehr groß und ist ausgebaut. Insgesamt sind es rund 300 Quadratmeter Wohnfläche. Davon gehören drei Fünftel zur vorderen und zwei Fünftel, etwa 125 Quadratmeter, zur hinteren Wohnung, die vermietet ist", sagt der 36-Jährige

Ein Passivhaus ist ein Gebäude, das aufgrund seiner guten Wärmedämmung in der Regel keine klassische Heizung benötigt. Schon die Bauphase unterscheidet sich deshalb deutlich vom konventionellen Bau. Gersters entschieden sich für ein Holzständerhaus. "Als Erstes kamen 24 Zentimeter Dämmung in den Boden. Darin wurde dann die Betonsohle eingegossen", erinnert sich der Bauherr. Anschließend wurde das Ständerwerk aufgebaut, es folgten hoch gedämmte Bauteile wie Fenster, Dach und Fassade. "Den Trockenausbau habe ich mit der Familie selbst gemacht. Das dauerte gut ein Jahr. Als junger Architekt habe ich einen guten Eindruck bekommen, wie lange was wirklich dauert. Gebäudetechnik, Elektrik, Lüftung haben wir dagegen ausführen lassen", sagt der Architekt. Seit 2009 ist es fertig, das purpurrote Zuhause der Gersters im Hamburger Stadtteil Schnelsen.

Auch Nele und Merle, die beiden Kinder, fühlen sich pudelwohl. Innen gehen im Erdgeschoss Flur, Küche und Wohnbereich ineinander über. Eine Lüftungsanlage sorgt ständig für frische Luft, die Wärme verlässt das Haus aber nicht. Das stellt ein Wärmetauscher sicher, über den die Abluft ihre Energie auf die kalte, frische Zuluft überträgt. Von diesem durchdachten Kreislauf profitiert auch die offene Küche. "Im Passivhaus ist es so, dass sich nach spätestens drei Stunden der komplette Luftinhalt ausgetauscht hat. Es gibt keine Gerüche, die zurückbleiben. Knoblauch, Soßen, Fisch, alles wird kontinuierlich herausgelüftet", freut sich Yvonne Gerster. "Wir haben deshalb auch nur eine Umlufthaube über dem Herd, die der Kochluft den Fettanteil entzieht. Mehr benötigt man nicht."

Trotz der kontinuierlichen Lüftung zieht es im Haus nicht. Dafür sorgen nicht zuletzt die dreifach verglasten Holz-Alu-Fenster. Innen auf der Oberseite des Glases sind selbst bei winterlichen Minusgraden noch angenehme 18°C. Es gibt also keine kalten Flächen im Haus und damit keine Luftzirkulation. Das Ergebnis: Behaglichkeit.

Im Sommer muss man darauf achten, dass die Räume nicht überhitzen. Da macht es Sinn, die Türen und Fenster geschlossen zu halten, damit keine Wärme hineinkommt. Gerade im Sommer ein kleines Manko, denn auch das Vogelgezwitscher und die anderen sommerlichen Geräusche bleiben so draußen. "Dank Merle und Nele verpassen wir trotzdem nichts, die rennen eh immer rein und raus", sagt Yvonne Gerster. "Dann muss man eben abends mal unten und oben die Fenster öffnen, damit die warme Luft wieder entweicht."

Ganz ohne Wärmezufuhr können jedoch auch die Gersters nicht leben, nämlich dann, wenn es um warmes Wasser geht. Dafür sorgen Sonne und Erde. "Wir haben Solarthermie auf dem Dach und eine Erdwärmepumpe installiert. Beides sorgt für heißes Wasser für beide Haushälften. Im ersten Stock steht ein Wasserspeicher, der 40 Grad im Winter oder auch 90 Grad im Sommer hat und über einen Wärmetauscher Frischwasser erwärmt."

Rund 800 000 Euro hat das Zuhause der Gersters ohne Eigenleistung gekostet. "Wenn man bedenkt, dass Häuser mit etwa 160 Quadratmeter Wohnfläche etwa 400 000 bis 500 000 Euro kosten, dann ist diese Doppelhaus-Variante günstig, denn so kann ich die nächsten 50 Jahre eine Hälfte vermieten", sagt Bauherr Nisse Gerster.

Erfahrungen zeigen, dass Passivhäuser etwa 15 Prozent teurer sind als konventionell gebaute Gebäude, die dem derzeit gültigen Niedrigenergiestandard nach EnEV folgen. Die kostspieligsten Posten bilden dabei die Isolierverglasung und die Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung.

Um den finanziellen Mehraufwand in Grenzen zu halten, können Bauherren entsprechende Förderprogramme in Anspruch nehmen, etwa von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Sie fördert den Bau oder den Ersterwerb von Passivhäusern durch zinsgünstige Darlehen. Der Finanzierungsumfang beträgt dabei 50 000 Euro je Wohneinheit, maximal 100 Prozent der förderfähigen Kosten, bei einer Laufzeit von bis zu 30 Jahren.

Gibt es da etwas, was die Gersters im Nachhinein anders machen würden? Kaum, doch ein kleiner Aspekt fällt Yvonne Gerster dann doch noch ein: "Ich bin ein Barfußmensch. Das ist im Winter nicht so angenehm. Früher hatten wir eine Fußbodenheizung; die vermisse ich." Ein Aufwand, der in einem Passivhaus wegen der kleinen benötigten Wärmemenge kaum lohnt. Wenn es den Gersters an eisigen Tagen wirklich mal zu kalt wird, dann helfen der Ethanol-Kamin und manchmal auch ein Heizlüfter. "Kein Problem", so Nisse Gerster. "Die Stromkosten liegen dann bei 40 Cent pro Tag. Das ist wirklich keine Dimension für eine Heizung."

Wer sich über diese innovative Bautechnik informieren möchte, kann das im Rahmen der bundesweiten Passivhaustage von heute an bis 11. November tun. Neben vielen anderen Projekten in und um Hamburg öffnen auch die Gersters ihr Haus für Besichtigungen, um ihre Wohnerfahrungen weiterzugeben.

Alle Besichtigungstermine - die Objektadresse wird jeweils nur bei der Anmeldung bekannt gegeben - sind unter www.passivhaustag.de oder unter www.tag-des-passivhauses.de hinterlegt.

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