Wohnen

Wie viel Platz braucht der Mensch?

Foto: Nico Binde

In Hamburg ist die Wohnfläche pro Kopf seit 2002 gesunken. Doch Enge muss nicht krank machen. Rückzugsmöglichkeiten sind wichtig.

Angenommen, Sie hätten die Feiertage mit Kindern und Eltern in einer 50-Quadratmeter-Wohnung verbracht. Drei Tage oder eine ganze Woche zu sechst oder siebt? Wäre das gut gegangen? Auf Dauer können beengte Wohnverhältnisse auch für gesellige Menschen Stress bedeuten. "Wir brauchen alle Privatsphäre und Freiraum", sagt die Hamburger Psychologin, Wohnforscherin und Buchautorin Dr. Antje Flade. "Es entlastet emotional, wenn man nicht immer den Blicken der anderen ausgesetzt ist und Rücksicht nehmen muss." Wichtiger als die Größe der Räume sei, "dass es überhaupt eine Rückzugsmöglichkeit gibt".

In Deutschland gehe man, so Antje Flade, davon aus, dass ein Mensch ein Zimmer von mindestens 12 bis 14 Quadratmetern für sich haben sollte. "Kleine Kinder brauchen nicht unbedingt ein eigenes Zimmer, aber ab der Pubertät ist es empfehlenswert. Wenn ein Platz fehlt, an dem man nur für sich sein kann, ist die natürliche Reaktion: Man sucht sich entweder außerhalb der Wohnung Freiräume oder man zieht sich zurück."

Aussagen über die Wohnraumversorgung richten sich entweder nach Quadratmeterzahl pro Kopf oder nach der Anzahl der Wohnräume pro Kopf (ohne Bad, Küche und Kammern mit weniger als sechs Quadratmetern). Laut Statistischem Bundesamt verfügten die Deutschen 2010 im Durchschnitt über 42,8 Quadratmeter und 2,2 Wohnräume. Unterversorgung herrscht dort, wo weniger als ein Zimmer pro Kopf zur Verfügung steht. Dies ist nur noch in 3,5 Prozent der Haushalte der Fall, oft bei Paaren mit Kindern bis 16 Jahren.

Seit 1965 hat sich die Wohnfläche pro Kopf verdoppelt. Dabei verfügen ältere Menschen über mehr Raum als junge (abgesehen von Altersheim-Bewohnern mit oft kleinen Zimmern), Eigenheimbesitzer und Landbewohner dagegen über mehr als Großstädter. Die durchschnittliche Wohnfläche für einen Hamburger lag 2010 laut Statistikamt Nord bei 37 Quadratmetern, laut Statistischem Bundesamt bei 36,2 Quadratmetern. 2002 waren es noch 39,9 Quadratmeter. Den wenigsten Platz pro Kopf hat man in Billbrook (25,2 m²) und auf der Veddel (25,4 m²), am anderen Ende der Messlatte liegen die HafenCity (80,9 m²) und Wohldorf-Ohlstedt (57,4 m²).

Statistisch gesehen haben Ein-Personen-Haushalte mehr Platz als Haushalte mit Kindern. Der Grund liegt auf der Hand: Kinder verdienen kein Geld, und die Hamburger Mieten stiegen allein zwischen 2009 und 2011 um 5,8 Prozent. Aber was tun, wenn man mit Kindern in einer kleinen Wohnung leben muss? "Wenn in der Wohnung kein Platz zum Toben ist, sollten die Kinder sich draußen, in der Kita oder im Sportverein viel bewegen", erklärt Psychologin Flade. "Bewegungsmangel kann sich auf die körperliche und geistige Entwicklung auswirken."

Paradox ist auch, dass Menschen, die wenig Zeit zu Hause verbringen, häufig in großen Wohnungen leben, während Arbeitslose, die oft zu Hause sind und kein Geld für Freizeitaktivitäten haben, kleine Wohnungen bewohnen. Die Flächenhöchstwerte für Arbeitslosengeld-II-Empfänger (ALG-II) liegen in Hamburg bei 50 Quadratmetern für eine Person, 60 Quadratmetern für zwei Personen und 75 Quadratmetern für drei Personen, wobei diese Werte auch von der Miethöhe und Kinderzahl abhängig sein können. In Stadtteilen, in denen weniger als zehn Prozent ALG-II-Empfänger wohnen, wie in Alsterdorf, Harvestehude oder Wohldorf-Ohlstedt, gilt eine Überschreitung des Höchstwertes um bis zu zehn Prozent als angemessen.

Kann man sich an wenig Wohnraum gewöhnen? "Bis zu einem gewissen Grad, ja", meint Antje Flade. "Wenn es einen Ausgleich dazu gibt. Der Mensch ist sehr anpassungsfähig." Für die Umstellung brauche man jedoch Zeit. Aber: Große Wohnungen seien kein Grundbedürfnis. Dass ein Leben auf engstem Raum nicht unbedingt krank machen müsse, sehe man an Tokio. "Japaner haben entsprechende Wohnformen entwickelt, viele haben Klappmöbel und treiben viel Sport".

Da in verschiedenen Weltregionen die Vorstellungen vom Raumbedarf weit auseinandergehen, gibt es, so die Bundeszentrale für Politische Bildung, keine universelle Definition von Wohnraummangel und Überbelegung. Bei der Bemessung eines "ausreichenden" Wohnraums spielt auch das Klima eine Rolle: Wenn ein Großteil des Lebens draußen stattfindet, braucht man in der Wohnung weniger Bewegungsfreiheit. Dennoch: Laut Vereinter Nationen gilt eine Wohnung als überbelegt, wenn sich mehr als drei Personen einen Raum teilen. Demnach leben weltweit 19 Prozent oder 400 Millionen Stadtbewohner in überbelegten Wohnungen.