Hamburg braucht eine Politik der Offenheit

Die Künstlerin und Sprecherin des Gängeviertels, Christine Ebeling, über fehlende Freiräume in der Stadt

Vor fünf Jahren besetzten mehr als 200 Künstler das Gängeviertel und erreichten, dass die Stadt das Gelände von einem Investor zurückkaufte. Christine Ebeling war eine von ihnen. Gegenwärtig wird das Gelände saniert, ein Kooperationsvertrag ist verhandelt, doch ist der Erhalt des öffentlichen Raumes dadurch noch nicht garantiert. Bei "Parlando" diskutiert Ebeling mit Michael Koch und Christoph Twickel.

Hamburger Abendblatt:

Frau Ebeling, bietet die Stadt Hamburg genügend öffentliche Freiräume?

Christine Ebeling:

Die Stadt hat noch vor Jahrzehnten eine ganze Menge Freiräume geboten, doch mit den Verkäufen von städtischen Immobilien hat die Stadt die Verantwortung gegenüber öffentlichen Räumen in die Hände privater Investoren gegeben. Das hat zwar den Vorteil, dass Geld fließt, um die Quartiere aufzuwerten, aber die Mitbestimmungsmöglichkeiten werden immer weiter beschnitten. Die Politik gibt die Verantwortung aus der Hand. Als ärgste Gefahr sehe ich die Pseudobeteiligungsverfahren. Nicht nur in Altona und St. Pauli, auch in Wilhelmsburg werden diese Möglichkeiten nutzbarer öffentlicher Räume sehr eingeschränkt, und dies versucht die Politik auch noch mit angeblichen Mitspracherechten zu legitimieren.

Es geht um Freiräume für Bürger aber auch für die Kunst?

Ebeling:

Kunst im öffentlichen Raum soll zur Zeit wieder mehr Bedeutung erfahren. Es gibt nun eine neue Stadtkuratorin, die aber mit zu wenig Mitteln ausgestattet ist. Kunst und Kultur nimmt sich in Hamburg schon lange Raum, ob über die Freiflächenkultur oder die ausgeprägte Streetartszene. Doch wird diese Kunstform noch immer gerichtlich verfolgt. Leerstände zwischen zu nutzen ist mit viel Aufwand verbunden und Besetzung ist strafbar. Da ist ein Umdenken notwendig. Man muss sich überlegen, wie Raum zu nutzen ist und welche Chancen damit verbunden sind.

Wo sind denn Freiräume in Hamburg akut gefährdet?

Ebeling:

Aktuell sehe ich die Gefahr, dass das, was an Freiräumen erkämpft wurde, nicht gefestigt wird. Auch sind in den letzten Jahren viele Chancen verpasst worden. Das Areal-Gelände, das im Herbst eröffnet werden soll, hätte die Möglichkeit geboten, innerhalb der Stadtteile St. Pauli, Altona, Schanze, ein nachbarschaftliches Konzept umzusetzen. In Wilhelmsburg ist die Zukunft der Zinnwerke nicht gesichert, die Soulkitchen-Halle wurde geschlossen. Bei den Esso-Häusern muss es einen offenen Planungsprozess geben. Der prominenteste Platz der Stadt, der Spielbudenplatz, ist zu einem privatisierten Saufbudenplatz geworden und wenn ein BID ("Business Improvement District") eingerichtet wird, dann ist St.Pauli aus meiner Sicht verloren. Die Stadt sollte die Ideen und Perspektiven der Bürger ernst nehmen und mit mehr Zeit für Gespräche zu Ergebnissen kommen. In der ganzen Welt gilt Hamburg hinsichtlich des Gängeviertels mittlerweile als Modell, und der Senat lässt diese Chancen einfach vorbeiziehen.

Wie könnte eine Elbmetropole der Zukunft aussehen?

Ebeling:

Da würde ich gar nicht in Immobilien und Infrastruktur denken. Sondern daran, wie man die Dialogkultur stärkt, Menschen Raum gibt, sich zu begegnen, Dinge zu entwickeln, sodass Gemeinschaft wieder öffentlich funktionieren kann. Die Stadt hat die Chance versäumt, in der Stadtentwicklung neue Wege zu gehen. Hamburg darf sich nicht nur als Attraktion vermarkten. Es braucht eine Politik der Offenheit. Hamburg hat verdammt viel. Man muss es nur fruchtbar machen.

"Welche Freiräume braucht die Stadt?" 20.30 bis 21.30, Seminarraum

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