Schluss mit den Halbgöttern in Weiß

Für Trainer Jens Hollmann hat der patriarchalische Führungsstil keine Zukunft mehr

Endlich geschafft, endlich Chefarzt. Bundesweit arbeiten rund 13 500 Chefärzte und 70 000 Oberärzte. Der Weg bis zur Spitze war hart. Gefragt waren immer Einzelleistungen statt Teamleistungen, ebenso Ellenbogenmentalität. Als Chefarzt heißt es dann, selbst ein Team zu führen. Eine Aufgabe, auf die Chefärzte jedoch nicht vorbereitet werden, weder an der Uni, noch auf ihrem weiteren Berufsweg.

Erst der zunehmende Ärztemangel schuf den notwendigen Druck für Veränderungen. "Früher gab es fünf Bewerber auf eine Stelle, heute hat sich der Markt um 180 Grad gedreht, und der junge Arzt kann sich die Stelle aussuchen", sagt Jens Hollmann, Inhaber von medplus-kompetenz. Der Führungstrainer coacht Chefärzte seit sechs Jahren in Einzelcoachings, klassischen Trainingprogrammen und führt an Kliniken auch Team-Supervisionen durch. "Wenn wir heute noch so führen würden wie wir geführt wurden, hätten wir keine Mitarbeiter mehr", sagte ihm einer der Workshopteilnehmer. Die Chefärzte haben gesehen, dass sie auf ihre Art junge Ärzte nicht erreichen, schlimmer noch, diese sogar verlieren. Sie standen einer zunehmenden Fluktuation gegenüber.

Wie ist unsere Besprechungskultur? Gibt es Tabuthemen? Wo verliert das Team unnötig Energie? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Trainer. Außerdem geht es um die Themen Motivation und Konfliktbewältigung im Klinikteam. Und die Frage, welche Skills für einen guten Chef Voraussetzung sind, der seine Mitarbeiter binden will.

Auf die Frage, ob es für sie in ihrer Laufbahn als Arzt Führungsvorbilder gebe, haben die mehr als 500 von dem Führungstrainer bislang trainierten Ärzte unisono gesagt: Medizinisch gibt es viele Vorbilder, eine motivierende Führung haben dagegen nur sehr wenige erlebt.

Aus dem bislang stark autoritär und patriarchalisch geprägten Führungsstil müsse nun ein situativer werden. "Der Chefarzt muss zunächst die Stärken und Ziele seiner Mitarbeiter erkennen und dann situativ handeln", sagt Hollmann. Es bringe nichts, einen unsicheren Mitarbeiter mit Entscheidungen allein zu lassen. Moderne gut geführte Kliniken haben Mitarbeiterjahresgespräche. Diese müssen aber auch Motivationsgespräche sein und dürften nicht nur ein Formular abfragen. Dann sei es besser, kein Gespräch zu führen, sagt Hollmann.

Im sehr komplexen und hektischen Klinikalltag sei kein Platz mehr für Narzissmus. Der Chef kann gar nicht mehr alles allein überblicken. Es gebe auch nicht den idealen Chefarzt oder den idealen Führungsstil. Dessen Entscheidungen seien auch immer von seinen Mitarbeitern und der Zusammensetzung des Ärzteteams abhängig.

Gegen Hierarchien sei grundsätzlich nichts einzuwenden, sagt der Trainer. Diese seien sinnvoll für Entscheidungen, müssten jedoch Informationen aus den verschiedenen Ebenen berücksichtigen. "Wir brauchen Hierarchien, damit Entscheidungen und Verantwortung klar sind." Die Frage sei jedoch, wie die Hierarchie im Klinikalltag gelebt werde. "Der Assistenzarzt möchte heute als Partner angesprochen werden, der etwas weiß", sagt Hollmann.