Zeit für Talente

Die Ausbildung zum Illustrator an der HAW ist ebenso anspruchsvoll wie vielseitig - größte Arbeitgeber sind Verlage und Werbeagenturen

Mit gezücktem Schwert steht das kleine Mädchen hinter einem schmächtigen Jungen im Kinderzimmer. An der Wand über ihrem Bett hängt eine Piratenflagge, zu ihren Füßen liegt ein Fußball. Während sie offenbar in Rauflust den Bruder zum spielerischen Kampf animieren will, hält der sich fast verzweifelt die Augen zu. Alles in seiner Haltung sagt: "Bitte lass mich in Ruhe. Auch wenn ich ein Junge bin, möchte ich nicht mit dir kämpfen müssen."

Das Motiv stammt von der angehenden Buchillustratorin Laura von Husen. Gemeinsam mit ihren 40 Kommilitonen im Fachbereich Illustration an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) unter Leitung von Bernd Mölck-Tassel hat die 24-Jährige das Thema "Verlierer oder Helden?" - Jungenbilder in den Medien und im Kinderbuch" visualisiert. Die Ergebnisse waren erstmals im Rahmen des gleichnamigen Themenabends an der Katholischen Akademie im Dezember 2011 zu sehen. "Ich wollte zeigen, dass Mädchen sich den Raum, der vormals den Jungen vorbehalten war, ,erkämpft' haben. Sie dürften Cowboy und Indianer sein, im Leben wie im Kinderbuch", sagt die Studentin. Die Rolle der Jungen dagegen habe sich nicht ausgeweitet. "Weder im Leben noch im Kinderbuch gibt es viele Jungen, die Ballett tanzen oder reiten."

Gerade arbeitet die Wahlhamburgerin an ihrem Bachelor-Projekt - einem Kinderbuch, mit dem sie ihr vierjähriges Studium beendet. Angst vor den Herausforderungen des Freien Marktes hat sie nicht: Schon während des Studiums hat Laura von Husen für den Carlsen-Verlag ein Pixibuch illustriert, im März traf sie sich auf der Kinderbuchmesse in Bologna mit Vertretern diverser Verlage. "Die waren sehr interessiert an einer Zusammenarbeit."

Laura von Husen und ihre Mitstreiter müssen sich keine Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen: Sie gehören zu den "Auserwählten", denn der Studiengang Illustration am Department Design der HAW gilt als bundesweit einmaliges Bildungsangebot in dieser Disziplin. Er umfasst die drei thematischen Schwerpunkte Medien- und Buchillustration sowie die sogenannte "Informative Illustration". Darüber hinaus können Studenten ihre Talente in weiteren künstlerischen Disziplinen wie Malerei und Zeichnung erproben und individuell entwickeln - und sich auf dieser Basis ein eigenständiges künstlerisches Profil mit Wiedererkennungswert schaffen.

Für diesen Ansatz der freien Entfaltung steht vor allem Bernd Mölck-Tassel. Der Leiter des Departments und mit zahlreichen Auszeichnungen bedachte Kinderbuch-Illustrator sieht die intensive Beschäftigung mit den eigenen Neigungen und kreativen Möglichkeiten als wichtigste Weichenstellung für die Zukunft seiner Studenten: "Unsere Hochschule begreift sich als Oase des freien Geistes, an der die Studenten Muße und Zeit für die Entwicklung ihrer Talente finden sollen."

Die Kreativität entfaltet sich vor allem in der intensiven Auseinandersetzung mit einem Thema. Im Fall von "Verlierer oder Helden" hat Mölck-Tassel deshalb verschiedene Aspekte der "Jungen"-Problematik in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung der vergangenen Jahre in einem "Briefing" zusammengefasst. Dazu zählt die Rolle der Jungen in den Medien. Hier dominieren alarmierende Berichte über "Jungen als Verlierer", weil sie laut Statistik von leistungsstärkeren Mädchen an Schulen und Universitäten überholt werden.

Eine weitere Idee war es, die traditionelle Heldenrolle der Jungen als Ausgangspunkt für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema zu wählen. Mölck-Tassel: "Jeder Junge träumt davon, Held oder Pirat zu sein. Das zeigt sich vor allem im Spiel, in zahlreicher Jungen-Literatur und in Filmen." Andererseits kritisierten Soziologen das Fehlen männlicher Vorbilder. Weil mittlerweile viele Jungen bei alleinerziehenden Müttern aufwachsen, sie es im Kindergarten und in der Schule häufig mit weiblichem Personal zu tun hätten, fehle ihnen oft die adäquate Ansprache. "Frauen und gleichaltrige Mädchen nehmen Jungen meist zu laut, aggressiv und als Störenfriede wahr. Ein männlicher Lehrer oder ein Vater dagegen könnte das typische und altersgerechte Verhalten wahrscheinlich richtig einordnen, gelassener reagieren und anders gegensteuern", sagt Mölck-Tassel.

Die Umsetzung des spannenden Themas war ebenso facettenreich wie die Aspekte des Sujets: Alltagsszenen etwa bestimmen die Arbeiten von Niels Gille. Da kickt ein einsamer Fußballspieler im Licht der untergehenden Sonne - oder ist es bei Vollmond? - den Ball gegen eine Mauer. Die hinter ihm aufragende Großstadt-Kulisse verstärkt das Gefühl von Anonymität und Verlorenheit. Das dichte Gitter vor dem Szenario macht die Szene zu einer beklemmenden Metapher für das innere Gefängnis des Jungen sowie der Ausweglosigkeit seiner gegenwärtigen Lebenssituation.

Die Chinesin Wenra Xu zeigt ihren Helden - oder Verlierer - vor der fast erdrückenden Kulisse einer Mega-Metropole. Ein androgynes Wesen zeigt sich da, mit einem Gesichtsausdruck, in dem sich Verlorenheit und Angst zeigen, aber auch der Wille, der Welt die Stirn zu bieten.

Ihr Kommilitone Matthias Schütte dagegen wählte eine Szene aus dem Kinderbuchklassiker "das Dschungelbuch", die den im Urwald aufgewachsenen Mogli im Kampf mit seinem Widersacher Shir Khan, dem Tiger, zeigt. Auf seinem zweiten Motiv übergibt eine Autoritätsperson mit Geige unter dem Arm dem Jungen Bücher und einen Globus. Schütte: "Viele Besucher der Ausstellung zogen sofort eine Verbindung zur ,Tiger Mom', die durch den musikalischen Drill ihrer Töchter in die Schlagzeilen kam."

Für künstlerische Selbstverwirklichung bleibt den jungen Illustratoren jedoch später in ihren Jobs weniger Raum. Illustrationen für Zeitschriften und Tagespresse, Animations- und Lehrfilme, Plakate, Web, Film und Fernsehen sowie Werbekampagnen sind das tägliche Brot der Illustratoren, deren größte Arbeitgeber die Medien und Werbeagenturen sind.

Doch zunächst müssen sie die zweiteilige Aufnahmeprüfung meistern. Im ersten Schritt bewertet die Prüfungskommission die Mappe mit eingereichten Arbeiten. Wer zum zweiten Teil zulassen wird, muss während vier vierstündigen Klausuren seine künstlerisch-gestalterischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Dazu zählen Zeichentalent, Farbempfinden, Vorstellungsvermögen sowie konzeptionelles Denken. "Wie ich die Aufnahme geschafft habe, ist mir bis heute eher ein Rätsel", sagt die junge Studentin Laura von Husen. Ihre Bewerbungsmappe sei "relativ mager in einem Monat zusammengestückelt gewesen". Überzeugt habe sie dann wohl in der Eignungsprüfung.

Die Vorbereitung auf das spätere Berufsleben ist ebenfalls Teil der Ausbildung. Mölck-Tassel rät seinen Studenten, sich aktiv zu vermarkten. "Akquise auf den wichtigen Messen gehört dazu", sagt Laura von Husen.

Viele Illustratoren lassen sich außerdem von Agenturen vertreten ( www.dieillustratoren.de oder www.illustratoren-agent.de ). Auf deren Websites, die quasi wie ein Showroom fungieren, bekommen die potenziellen Auftraggeber einen ersten Eindruck von der individuellen Handschrift der jungen Künstler.

"Eine Repräsentanz ist vor allem, wenn es um Nutzungsrechte und Preisverhandlungen geht, sinnvoll", sagt Corinna Hein, Geschäftsführerin der Firma Die Illustratoren. Gerade Berufsanfänger sind noch nicht geübt im Verhandeln mit Agenturen.

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