Mit 60 das erste Instrument lernen

Es gibt keine unmusikalischen Menschen, sagen Experten. Musizieren steigert die Lebensqualität und beugt sogar Demenz vor. Elf wichtige Fragen und Antworten

Trommeln als Rentner, eine Rockband im Altenheim gründen wie in der TV-Tragikomödie "Die Spätzünder" oder als Anfänger mit 70 Jahren endlich Mozart auf dem Klavier spielen: Sind das nur Fantasien der Fernsehmacher und unerfüllbare Träume? Mitnichten, sagen Musikpädagogen und Wissenschaftler übereinstimmend. Und machen jedem älteren Erwachsenen Mut, auch als Anfänger seinen Traum zu verwirklichen.

Wie viele Senioren musizieren ?

Immer mehr ältere Menschen entdecken die Musik für sich. Bundesweit beträgt der Anteil von erwachsenen Schülern an Musikschulen etwa zehn Prozent. Nach Angaben des Verbandes deutscher Musikschulen steigt die Zahl der älteren Menschen, die sich unter Anleitung für das aktive Musizieren entscheiden. Insgesamt musizieren aktuell bundesweit 15.784 Schüler über 60 Jahren (1,54 Prozent der Gesamtschülerzahl). 1998 lag die Zahl noch bei 4795 (0,56 Prozent).

Welche Instrumente eignen sich für ältere Anfänger ohne Vorkenntnisse?

"Jedes Instrument", sagt Theo Hartogh, Professor für Musikpädagogik an der Universität Vechta. "Eine Ausnahme bilden Instrumente mit einem hohen Blasdruck wie die Oboe." Bei der Frage nach der Eignung sollte man nicht so sehr vom Instrument her denken, sondern von der Person, die es erlernen möchte. Entscheidend sei die biografische Passung. "Wenn jemand den Wunsch hat, Horn zu erlernen, soll er auch dieses Instrument wählen." Es können in der Regel alle Instrumente wie Querflöte, Harfe, Geige, Klavier und auch Mundharmonika im Alter erlernt werden. Die Erfahrungen vieler Instrumentallehrer zeigen: Es ist nie zu spät. So gibt es eine Reihe über 60-Jähriger, die im Alter Geige erlernen und nun erfolgreich in (Senior-)Amateurorchestern mitspielen.

Für den erwachsenen Einsteiger ohne Vorkenntnisse sind vor allem Blockflöte, Klavier, Trommel oder Gitarre geeignet, sagt Professor Wolfhagen Sobirey, Präsidiumsmitglied im Deutschen Musikrat und früherer Direktor der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg, der sich seit Langem mit Musik im dritten Lebensabschnitt beschäftigt. "Vorteil beim Tasteninstrument ist, das die Töne bereits vorhanden sind." Aber auch das Saxofon eigne sich für Anfänger. Mundharmonika und Akkordeon werden laut Sobirey vielfach als Instrument unterschätzt. "Die Mundharmonika ist ein Volksinstrument, das fürs Alltagsmusizieren gemacht ist." Auf der Mundharmonika lassen sich mit Anleitungsbüchern sogar von Autodidakten mit etwas Geduld Lieder lernen. Nachteil: Es ist eher ein Instrument, das man allein spielt. Vorteil ist die leichte Transportierbarkeit – ebenso wie bei der Blockflöte. Beim Akkordeon ist ein Nachteil das Gewicht. Aber hier gibt es Hilfsmittel und spezielle Stützen.

Passen Senioren nur zu Senioren?

Nein – wie gut Senioren Blasinstrumente lernen und dass sogar Alt und Jung sehr gut zusammenpassen können, zeigt das Beispiel von Tanja Domes, Dirigentin und Ausbilderin des Musikvereins Gartenstadt-Bad Neustadt, die Erwachsenenbläserklassen und Seniorenprojekte betreut, so auch ein integratives Projekt aus sechs Kindern einer Bläserklasse (sechs bis elf Jahre) und zehn Senioren (59–73 Jahre) Die Senioren spielen Tuba, Klarinette, Trompete, Akkordeon, Banjo und Tenorsaxofon. Die Gruppe tritt regelmäßig in Altenheimen auf.

Was sagen Studien?

Einige Studien, die sich mit der Wirkung des Instrumentalspiels auf verschiedene Bereiche beziehen, belegen die positiven Wirkungen des Musizierens: Die Bugos-Studie (2004) belegt nach sechsmonatigem Klavierunterricht signifikante Verbesserungen von Gedächtnisleistungen bei über 60-Jährigen. Die Spahn-Studie (2011) zeigt, dass aktives Musizieren gegen Einsamkeit und Depression wirkt. In der Verghese-Studie (2003) wurde die gesundheitliche Entwicklung von 469 Personen über 75 Jahre in Beziehung zu ihrem Verhalten untersucht. Das Ergebnis: starke Reduktion des Demenzrisikos durch aktives Musizieren.

Zu einem besonders erstaunlichen Ergebnis kommt die empirische Untersuchung von Eva-Maria Kehrer an der Universität Vechta (2013). Sie weist nach, dass selbst demenzerkrankte Anfänger noch das Klavierspielen neu erlernen können.

Was sind die Motive älterer Menschen?

Gerade ältere Menschen wissen häufig sehr genau, was sie wollen und was nicht. Die meisten streben keine Musikkarriere mehr an oder wollen auch nicht auftreten. So sagen viele Musikschulen, dass ältere Schüler nicht Solist sein wollen, sondern in der Gruppe spielen möchten. Häufig sind Träume oder aufgeschobene Ziele das Motiv. "Die Motive älterer Menschen bestehen vor allem darin, mit Gleichgesinnten zu spielen und sich eine Sehnsucht zu erfüllen, statt Virtuosität im Spiel zu erlangen", sagt Sobirey. "Und gute Lehrer gehen genau darauf ein."

Wie lernen Erwachsene?

"Instrumentalunterricht mit älteren Schülern ist sehr individuell", sagt Theo Hartogh. "Der eine Schüler benötigt aufgrund nachlassender Sehschärfe ein größeres Notenbild, ein anderer aufgrund der nachlassenden Feinmotorik ein vereinfachtes Arrangement eines Klavierstücks." Die Herausforderungen für die Lehrer seien daher vielfältig und bedürfen individueller Lösungen. Das Sprichwort "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" gilt nicht, sondern es muss heißen: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans anders." Außerdem entscheidet die pädagogische Qualität des Unterrichts über den Lernfortschritt. Ältere Schüler bringen ihre große Lebenserfahrung und biografisch gewachsene Wünsche mit, die zu berücksichtigen sind.

Sehr wichtig ist laut Sobirey – wie bei allem Unterricht – eine zeitnahe Korrektur durch den anwesenden Lehrer. Nur so könne vermieden werden, dass sich der erwachsene Einsteiger Fehler aneigne, in der Handhaltung, der Körperhaltung oder auch beim Atmen.

Was sagt die Musiklehrerin?

Die Hamburger Musikpädagogin Serena Kahnert unterrichtet Schüler zwischen sechs und 90 Jahren im Klavierspiel. Bei ihr geht es gleich mit einem richtigen Stück, zum Beispiel einem Menuett, los. Zuvor testet Kahnert die Handhaltung, macht Fingerübungen und erkundet dabei die Kraft in den Fingern des älteren Schülers. "Die Fingerkraft nimmt übrigens im Alter nicht ab", sagt Kahnert. Sie erlebe immer wieder Überraschungen. So wollte ein 65-Jähriger unbedingt das Stück "Für Elise" von Beethoven lernen. Der Mann ist heute knapp 80, spielte auch nach einem Schlaganfall mithilfe seiner Lehrerin weiter. "Als er aufhören wollte, habe ich zu ihm gesagt, gerade jetzt müssen Sie weiterspielen." Kahnert empfiehlt ihren erwachsenen Schülern mindestens 30 Minuten Üben pro Tag. Das Stück "Für Elise" spielte der 65-Jährige bereits nach sechs Monaten.

Und: "Das Klavierspiel beugt sogar Demenz vor, da viele Teile des Gehirns am Spiel beteiligt sind – Noten lesen, das Gelesene auf das Klavier übertragen, das Koordinieren von zwei Händen und zehn Fingern, das Pedal muss bedient werden", sagt Kahnert. Die Konzentrationsfähigkeit werde enorm gefördert. Zudem bringe jedes neue Stück neue Herausforderungen mit sich.

Was weiß die Forschung?

Die Hirnforschung belegt, dass das menschliche Gehirn bis zum Lebensende lernen kann. Neuropsychologen der Universität Zürich weisen sogar nach, dass Musizieren gegen geistigen Abbau schützt. Sie bringen 70-Jährigen, die noch nie in ihrem Leben etwas mit Musik zu tun hatten, das Klavierspielen bei.

"Musizieren auf hohem Niveau gehört mit zu den schwierigsten menschlichen Leistungen", sagt Professor Eckart Altenmüller, Neurologe und Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule Hannover. So werden dabei Gehörsinn, Motorik, Körperwahrnehmung, aber auch Hirnzentren, die Emotionen verarbeiten, gleichzeitig beansprucht.

Wie wirkt Musizieren?

Es hat sowohl eine physische als auch ein psychische Wirkung. Außerdem erfüllt es eine wichtige Ventilfunktion. Es kann Gefühle ausdrücken und Aggressionen abbauen helfen. Zudem steigert es die Motivation und regt die Selbstbelohnungskräfte an, sagt Wolfhagen Sobirey. Voraussetzung ist jedoch, dass sich der erwachsene Anfänger nicht überfordert und die Freude an seinem Instrument behält. In jedem Fall hat das Musizieren positive Wirkungen. Es dient dem seelischen Ausgleich, der Selbstverwirklichung und steigert die Lebensqualität. Zudem wirkt sich das Erlernen eines Instruments auch in höherem Alter günstig auf die geistige Leistungsfähigkeit aus. Prof. Hans Hermann Wickel, Musikgeragoge an der Fachhochschule Münster: "Beweglichkeit, Toleranz und Verständnis für nicht biografieorientierte Musik sind ebenfalls nicht zu unterschätzende positive Folgen beim Musizieren. Überdies wirkt es als Antidepressivum."

Was hilft bei Problemen?

Gibt es Einschränkungen in der Beweglichkeit oder Konzentrationsfähigkeit, können Lockerungs- und Entspannungsübungen, Atemgymnastik oder körperliche Bewegung helfen. Die Mitglieder von Seniorenorchestern gaben bei einer Befragung folgende mentale Kompensationsstrategien an: sich nicht entmutigen lassen, Akzeptieren der Einschränkungen, Geduld, Gelassenheit und Humor.

Worauf kommt es vor allem an?

Auf die innere Motivation und Leidenschaft des Schülers. Und nicht auf hochgesteckte Ziele. Ein zu hoher Erwartungsdruck an sich selbst ist eher hinderlich. "Ältere Menschen genieren sich schneller und sind empfindlicher als jüngere", sagt Sobirey. Wichtig sei ein einfühlsamer Musiklehrer und die Gruppe. Sobirey: "Wie im Chor ziehen die anderen einen mit."

Buchtipp Hans Hermann Wickel: "Musik kennt kein Alter". Stuttgart: Carus/Reclam 2013, 160 Seiten, 16,95 Euro.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.