Science-Fiction ist eine beliebte Projektionsfläche für die Hoffnungen und Ängste einer Zeit. Im Hier und Jetzt erzählt, rücken einem verstörende Einsichten manchmal arg nah. Im All der Zukunft lassen sie sich noch etwas besser auf Distanz halten. Etwa die Grundschuld des Daseins: Jedes Individuum lebt nur, weil es sich ständig die Überreste anderer Individuen einverleibt.

Daniel Espinosas „Life“ führt vor Augen, dass nicht nur Menschen und Tiere schuldig zur Welt kommen – sondern auch jedes Alien. Der Film spielt auf einer recht originalgetreu nachgebauten Internationalen Raumstation (ISS) wenige Jahre in der Zukunft. Dort machen sechs Raumfahrer (Jake Gyllenhaal, Rebecca Ferguson, Ryan Reynolds, Hiroyuki Sanada, Ariyon Bakare und Olga Dihovichnaya) die blutige Erfahrung, dass man besser nicht mit einem Elektroschocker an einem rapide wachsenden Superzellhaufen vom Mars herumdoktert. Und dass man sich dessen Selbsterhaltungstrieb lieber nicht in den Weg stellt.

Der Prolog ist noch demonstrativ unbeschwert: Zu optimistischer Musik (Jon Ekstrand) schweben Kamerablick (Seamus McGarvey) und Raumfahrer kreuz und quer durch die Korridore der ISS. Die mit viel Training und Drahtseilen geschaffene Illusion der Schwerelosigkeit ist perfekt. Schon nach zwei Minuten fällt einem nicht mehr auf, dass die Figuren da kopfüber vor den Bildschirmen sitzen.

Alle arbeiten im erhebenden Bewusstsein, dass in der ankommenden Marssonde die Antwort auf eine Menschheitsfrage warten könnte: Gibt es außerirdisches Leben? Als die in einem Schockschlaf liegende Kreatur im Brutkasten ist, schaut alles hoffnungsfroh auf das von Schleimpilzen inspirierte Ding, das zu Anfang noch wie ein halbtransparentes Designobjekt aussieht: Es bewegt sich! Geschichte wird soeben geschrieben. In schönen Einstellungen schwebt die Crew vor dem Panoramafenster mit Erdblick. „Die ISS ist eines der letzten grund-idealistischen Projekte, das die Menschheit in den vergangenen 50 Jahren auf die Beine gestellt hat“, sagt Daniel Espinosa.

Dann beginnt der letzte Tag der Mission. Es kommt zum Überlebenskampf zwischen den Raumfahrern und dem fremden Wesen. Den größten Teil des Films sehen die Zuschauer dem brutalen Lauf der Natur zu, bei dem einiges an Blut durch die Korridore der ISS schwebt. Auch das ist übrigens schön anzusehen.

„Das Raumschiff ist voll“ – dieser Stoff ist nicht neu. Doch Espinosa und seine Drehbuchautoren Rhett Reese und Paul Wernick bringen eine zeitgemäße Aufarbeitung ins Kino. Sie ist zu aufgeklärt, um einseitig Partei für die Menschen oder das Alien zu ergreifen. Sie erlaubt es sich, philosophisch zu sein und unversöhnlicher als zuletzt „Arrival“.

„Der Film ist eine Verneigung vor dem Mut, dem Unbekannten ohne Angst zu begegnen“, erklärt Espinosa, „zugleich verweist er auf die Geschichte der Menschheit – wie wir mit Fremdem umgehen, ist keine glorreiche Geschichte. Die Frage ist also vielleicht nicht, was das Fremde uns antut, sondern was wir dem Fremden antun.“ Darüber kann man mal 103 Minuten nachdenken.

LifeUSA 2017, 103 Minuten, ab 12 Jahren, Regie: Daniel Espinosa, Darsteller: Jake Gyllenhaal, Ryan Reynolds, Rebecca Ferguson, täglich im Cinemaxx Dammtor/Harburg/Wandsbek, Hansa, Savoy (OF) und UCI Mundsburg/Othmarschen Park/Wandsbek