Meinung
Deutschstunde

Schreie der Verzweiflung drangen nach draußen

Eltern, Lehrer und Schüler kämpften mit Gemeinheiten der Rechtschreibung. Lesen Sie die Hamburger Fassung.

Recht bedeutet richtig, passend, dem Erforderlichen entsprechend: der rechte Weg, der rechte Ort, der rechte Zeitpunkt, der rechte Mann – oder die rechte Schreibweise, mit einem Wort: die Rechtschreibung. Wenn die Rechtschreibung also die Regeln für die richtige Schreibung festlegt, so stellt sich die Frage, wer dabei bestimmt, was richtig oder falsch ist. Goethes Worte, Texte und Briefe schwebten in geistigen Höhen weit über der Orthografie. Er schrieb häufig sogar innerhalb eines Satzes ein bestimmtes Wort auf verschiedene Weise. Seine Verleger und Drucker bemühten sich, seinen Veröffentlichungen eine gewisse Einheitlichkeit zu verpassen. Das Dumme war nur, dass jede Offizin (Druckerei) ihre eigene Norm entwickelte und dass selbst innerhalb ein und desselben Lehrerkollegiums verschiedene Ansichten über die gültige Schreibweise herrschten. Schließlich gab der Direktor des Gymnasiums zu Hersfeld, Dr. Konrad Duden, 1880 sein "Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache" heraus, das jetzt in der 26. Auflage vorliegt und wegen seiner weiten Verbreitung quasi normativen Charakter hat.

Auch die Rechtschreibung benötigt eine Norm, um die wir jahrzehntelang gestritten und gekämpft haben, die nicht jedem gefällt, die aber eine Einheitlichkeit und einen bestimmten Schulerfolg im Erwachsenen- und Berufsleben signalisiert. Wer sich um eine "Leerstelle" bewirbt, sollte sich nicht wundern, wenn er nicht ausgewählt wird. Nur derjenige, der in seinen Kenntnissen den Duden überholt hat, darf sich abfällig über den Duden und andere Wörterbücher äußern. Wer nach der zehnten Klavierstunde gerade den "Fröhlichen Landmann" klimpern kann, blamiert sich, wenn er nun gleich die Hammerschlag-Sonate verbessern will. Das bedeutet allerdings nicht, dass es Ziel eines jedweden Schulabschlusses sein soll, jede der gemeinen Fallen, Ausnahmen und Stolpersteine zu beherrschen, die weniger alltagstauglich denn Stoff für Quizsendungen und Diktat-Ausscheidungen sind.

Die "Frankfurter Allgemeine" berichtet über das Finale des "Großen Diktatwettbewerbs", bei dem 250 Schüler, Lehrer und Eltern so ins Schwitzen gerieten, dass ein ums andere Mal sogar Schreie der Verzweiflung nach draußen drangen. Der Text stammte von Nele Neuhaus. Ich will ihn hier nicht wiederholen, sondern eine Art Hamburger Fassung versuchen, in die ich eine Reihe von Fehlern eingebaut habe. Machen Sie sich den Spaß und streichen erst die Fehler an, die Sie gefunden haben, bevor Sie die Auflösung lesen:

"In Hamburg ist gut Leben. Nicht nur die Alteingesessenen sagen sich hier moin und Tschüß, auch Touristen aus aller Welt bevölkern die Strassen und Plätze, und dazwischen sieht man die Zugereisten aus Siryen und Lybien. Manche kommen sogar aus dem kleinen Fürstentum Lichtenstein. Auf der Plaza der neuerbauten Elbphilharmonie drängeln sich die Menschen bis zum Geht-nicht-mehr, und es herrscht ein dauerndes Löcher-in-den-Bauch-Fragen. Ein Berliner will zum xten Mal wissen, ob der Fluß unten die Donau oder der Rhein sei. Ein schlacksiger Mittfünfziger fällt durch sein fahriges Gebahren auf. Er lässt seinen Café-Becher fallen, obwohl der Fußboden bereits mit Müll übersäht ist. Der Blick auf die Elbe vermittelt eine äußerst Gänsehaut erregende Athmosphäre. Die Besichtigung der Eigentumswohnungen in den Piek-feinen Belletagen des Gebäudes war nicht gestattet. Eine Firma im Hafen liefert in rythmischen Abständen Gries, Mayonnaise, Meerrettich, Schlemmkreide und Pappplatten sowie Medikamente gegen Halskatarr und Hämmorhiden an Abnehmer in den Magreb-Staaten."

25 Rechtschreibfehler hätten Sie finden müssen. Berichtigung: … ist gut leben; Moin und Tschüs sagen; die Straßen; Syrien und Libyen; Liechtenstein; die neu erbaute Elbphilharmonie; bis zum Gehtnichtmehr; zum x-ten Mal; der Fluss; schlaksig; sein fahriges Gebaren; Kaffee­becher; übersät; eine äußerst gänsehauterregende Atmosphäre; piekfein; Beletage(n); rhythmisch; Grieß; Schlämmkreide; Halskatarrh; Hämorrhoiden; die Maghreb-Staaten (Tunesien, Algerien, Marokko).

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