Meinung
Neue Kolumne

Mein Leben in den wilden Zwanzigern

Haben Sie auch eine "Bucketlist"? Annabell Behrmann über den Trend, Träume zu verwirklichen – nur um sie abzuhaken.

Als eine Freundin Ende April nach ihrem ersten Marathon im Ziel ankam, schnappte sie nach Luft. Ihr hochroter Kopf drohte zu platzen, sie schwankte wie ein angeschossenes Reh. "Das muss ich zu Hause unbedingt auf meiner Bucketlist abhaken", röchelte sie, als seien es ihre letzten Worte. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Da ist sie allen Ernstes gerade über 42 Kilometer durch Hamburg gelaufen und denkt als Erstes an ihre Bucketlist! Nicht zu fassen.

"Kick the bucket" heißt frei übersetzt "den Löffel abgeben". Wie passend. Das hätte meine Freundin auch fast. In meinem Bekanntenkreis entwickelt es sich zum Trend, seine Lebensträume in einer Liste zu fixieren. Eine Auswahl an Beispielen, die auf keiner Löffelliste fehlen dürfen: auf den Bahamas mit Delfinen schwimmen, am Bungee-Seil von der 134 Meter hohen Nevis Highwire Platform in Neuseeland springen und ein Selfie vor dem Tadsch Mahal in Indien knipsen. Dicht gefolgt von: Chinesisch lernen, eine App programmieren und nackt im See baden.

Aber muss ich all das wirklich gemacht haben, um glücklich zu sein? Als ich Montagabend in meinem rosa-flauschigen Jumpsuit mit einer Tafel Schokolade auf dem Sofa lag und mir "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" im Fernsehen reinzog, scrollte ich mit meinem Handy durch die sozialen Netzwerke. Meine Facebook- und Instagram-Freunde schnorchelten gerade im Great Barrier Reef vor der Nordküste Australiens, wanderten in den Dolomiten, bauten ein Haus – und posteten doch tatsächlich ein Selfie mit dem Tadsch Mahal. Ich hingegen schob mir noch ein Stück Schokolade in die Figur. Sollte ich vielleicht auch eine Löffelliste schreiben?

Klar kann es sinnvoll sein, sich Ziele zu setzen. Wenn eine Liste hilft, sie zu erreichen, dann nur zu. Trotzdem hake ich das Leben doch nicht wie einen Einkaufszettel ab. Delfinschwimmen – check. Segeln lernen – check. Familie gründen – check. Was als Nächstes? Und was ist, wenn ich hinter allem ein Haken gesetzt habe?

Träume verändern sich im Laufe eines Lebens. Hätten sich meine Kindheitswünsche bewahrheitet, würde ich heute eine erfolgreiche Tierarztpraxis betreiben – im Disneyland Paris. Dort wollte ich nämlich einziehen, als ich sechs war. Ich werde nie vergessen, wie ich mit Mickymaus-Ohren auf dem Kopf heulend durch die Hotelhalle stampfte, weil mich meine Rabeneltern nach fünf Tagen wieder mit nach Hause nehmen wollten. Mit Bibi Blocksberg bin ich bis heute noch nicht befreundet, und mit mir als sechstem Mitglied hätte sich die Girlband No Angels wohl noch früher aufgelöst. Eine glückliche Kindheit hatte ich trotzdem.

Heute, mit fast 25 Jahren, würden auf meiner Bucketlist eine Weltreise, ein Besuch von Olympischen Spielen und Wimbledon, in Weiß heiraten und ein Champions-League-Spiel des HSV stehen – manche Träume sind halt unrealistisch. Aber kann eine Weltreise wirklich meine Gesundheit und die meiner Liebsten ersetzen? Ich muss keine Bucketlist erstellen, nur weil das gerade hip und trendy ist. Darum geht es nicht. Viel wichtiger ist mir, jeden Moment zu genießen und möglichst viel von der Welt zu sehen. Reisen. Kulturen kennenlernen. Den Horizont erweitern. Davon hat jeder Mensch seine eigene Vorstellung. Und das ist gut so. Niemand muss einen Delfin küssen, nur weil ein Drittel seiner Facebook-Freunde für so ein Bild 100 "Likes" ergattert hat.

Das habe ich am eigenen Leib erfahren: Seit ich im Alter von drei Jahren zum ersten Mal die Fernsehserie "Flipper" gesehen hatte, träumte ich davon, mit einem Delfin zu schwimmen. Als ich vor eineinhalb Jahren dann mit meinem Freund auf den Bahamas war, buchte ich für 130 Dollar (!) meinen Kindheitstraum – der sich schnell in einen Albtraum verwandelte. Mit 40 wildfremden Menschen streichelte ich einem Delfin in einem viel zu kleinen Becken für zehn Sekunden über den Bauch und knipste das berühmte Kuss-Foto, das ich anschließend für weitere 80 Dollar hätte kaufen können. Nein, danke.

Ich finde mein Leben genauso in Ordnung, wenn ich es nicht schaffe, alle Punkte auf meiner To-do-Liste abzuhaken. Ich muss nicht irgendeinen doofen Marathon laufen – bei dem ich fast den Löffel abgebe –, nur um ihn von meiner Bucketlist zu streichen.

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