Meinung
Mamas & Papas

Kinder zu haben bedeutet, Demut zu lernen

Große Probleme werden plötzlich ganz klein, wenn die Tochter mit einem dicken Knie aus der Schule kommt

Kürzlich wollte ich im Wald joggen. Der Hund ist alt genug für ein paar Kilometer um den See, und ich auch. Ich war aufgeregt. Mein neues Leben als Sportler. Wenn ich jetzt noch einen weißen SUV zum Geburtstag bekomme, bin ich angekommen. Morgens in engen Trainingsleggins das Kind damit zur Schule fahren, kann ich mir in ein paar Kilos prima vorstellen. Bis dahin fahre ich leider noch unseren zerbeulten Familienkombi. Immerhin habe ich bei unserem Sportausrüster schon die Goldene Einkaufskarte. Wenn das kein Zeichen ist.

Ich stand also mit neuester Jogging-Technologie an den Füßen und überzeugend sportlichem, aber nicht ZU sportlichem Outfit an der Haustür, da bog der Dreijährige um die Ecke: "Was hast du an, Mama?" Ich: "Sportzeug! Mama wird jetzt Sport machen." Dreijähriger: "Das sieht aber blöd aus!" Ich: "Nein, Schätzchen, das sieht sportlich aus!" Aus dem ersten Stockwerk hörte ich leises Lachen. Der Dreijährige hörte es auch. Er rief: "Dein Jognierzeug ist auch blöd, Papa!" So ein kleiner Satz zur richtigen Zeit, holt einen doch immer schnell auf den Boden der Realität zurück. Und das ist ja das Tollste an kleinen Kindern. Das beste Mittel gegen Vorfrühlingsblues, gegen Anflüge von Verzweiflung angesichts der viel zu vielen frei herumlaufenden Irren in der Welt, ist, es sich zu Hause in aller langweiligen Normalität gemütlich zu machen. Da werden die großen Probleme plötzlich ganz klein und die kleinen ganz groß.

Wenn die Sechsjährige zum Beispiel zum dritten Mal in der Woche humpelnd aus der Schule kommt, weil der Todesabsprung vom Reck wieder nicht geklappt hat, dann ist man ganz schnell mit anderen Dingen beschäftigt, und während man eine elastische Binde um das aufs Doppelte angeschwollene Knie wickelt, verschwendet man garantiert keinen einzigen Gedanken daran, ob Trump der Anti-Christ ist oder vielleicht doch eher der Irre aus Nordkorea. Kein türkischer Despot kommt gegen die Allmachtsfantasien eines Dreijährigen an, der nicht einfach mit seinen Kuscheltieren spricht, sondern die Kuscheltiere zu sich sprechen lässt. Kuscheltier Haio zum Dreijährigen: "Danke, du bist toll. Danke, dass du mich mit in die Kita nimmst. Du bist der beste Junge der Welt!"

Und wenn man zwischendurch, an Regentagen oder wenn die Geschwister sich wieder mal streiten, denken sollte, dass man doch eigentlich überqualifiziert dafür ist, den halben Tag mit so beschränkten Wesen zu verbringen, lernt man schnell wieder Demut. Ich: "Jodaiii, Jodaaa ..." Dreijähriger: "Nein, Mama!!! Jodaiiiiii, Jodaaaaa ..." Ich: "Jodaiiiii, Jodaaaa ..." Er: "Nein, total falsch. Du kannst das nicht." Seit dem letzten Skiurlaub glaubt der Dreijährige, er sei der Einzige in der Familie, der jodeln kann.

Manchmal komme ich mir mit all meiner praktizierten Di­plomatie vor wie ein Botschafter der Vernunft. Kürzlich hat der Dreijährige ein Bild gemalt. Viele grüne Striche auf weißem Blatt. Ich: "Toll hast du das gemacht." Dreijähriger: "Das müssen wir aufhängen!" Ich: "Ähem, ja gern, das machen wir." Man will ihn bei seinen ersten Malversuchen ja auch nicht gleich frustrieren. Der Dreijährige hielt das Bild an die Wand neben der Treppe, mit der weißen Seite nach vorn. Ich: "Das ist falsch rum, so sieht man dein schönes Bild ja gar nicht." Der Dreijährige schaute mich an, als hätte ich den Verstand verloren und sagte dann: "Nein, so rum. Ich mag kein Krickelkrakel."

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