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E-Mails zwischen Hamburg und Berlin

Ein E-Mail-Wechsel von Abendblatt und "Cicero"

Christoph Schwennicke, Chefredakteur des in Berlin produzierten Magazins "Cicero", und Lars Haider, Chefredakteur des Abendblatts, pflegen eine E-Mail-Freundschaft, die wir jeden Sonnabend an dieser Stelle veröffentlichen.

Haider: Lieber Christoph, bei der Wahl haben die Holländer alles richtig gemacht, oder?

Schwennicke: Die extrem hohe Wahlbeteiligung ist erfreulich. Das Ergebnis für Pro-Europäer auch. Herr Rutte sollte Erdogan ein Dankesschreiben schicken.

Haider: Rutte hat gesagt, die Wahl sei das Viertelfinale für Europa gewesen. Jetzt kommt das Halbfinale in Frankreich. Wird Frau Le Pen eine ähnliche Enttäuschung wie Wilders erleben?

Schwennicke: An diese Dominotheorie glaube ich nicht so. Jedes Land ist anders. Aber Macron macht einen kraftvollen Eindruck. Der müsste das packen.

Haider: Und dann hat doch Europa wieder alle Chancen. Wer hätte das vor anderthalb Jahren gedacht?

Schwennicke: Jetzt mal langsam. Gerade ging es noch unter, und kaum hat Herr Rutte einen mühsamen Sieg errungen (bei starken Verlusten), und schon ist wieder alles gut? So ist es auch nicht. Der Druck auf Europa bleibt enorm, die Flüchtlingsfrage ist weder gelöst, noch beteiligen sich andere Länder an der gemeinsamen Behebung von Merkels Fehler im Herbst 2015. Und der radikale und militante Islam wird die Bevölkerungen der Mitgliedsländer weiter beunruhigen. Jetzt kündigt schon der türkische Außenminister den Dschihad für Europa an. Das war bislang ein Monopol des IS.

Haider: Heißt für die europafreundlichen Politiker was?

Schwennicke: Mehr Rückgrat zeigen. Bitte jetzt kein falsches Verstehertum. Darüber lacht Erdogan und wendet sich den Islamisten noch weiter zu. Seine Grüße mit Handzeichen sind schon unmissverständlich.

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