Meinung
Leitartikel

Frauen sollten sich nicht verstecken

Der Autor ist Flüchtlingsreporter des Abendblatts. Er kommt aus Afghanistan

Foto: Michael Rauhe / HA

Der Autor ist Flüchtlingsreporter des Abendblatts. Er kommt aus Afghanistan

Flüchtlinge belästigen FKK-Baderan der Ostsee – das ist inakzeptabel

Als ich gerade nach Deutschland gekommen war, bin ich mit meiner Gastfamilie an einen See in Niedersachsen gefahren, um dort schwimmen zu gehen. Dort waren selbstverständlich auch Frauen in Badeanzügen und Bikinis. So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen. In Afghanistan, wo ich herkomme, sind die meisten Frauen verschleiert, tragen etwa eine blaue Burka.

Für mich war das trotzdem nicht seltsam, diese Freizügigkeit zu sehen. Ich bin in einer liberalen Familie aufgewachsen und habe von meinen Eltern gelernt, dass Frauen und Männer gleichgestellt sind.

An meinem ersten Badeseetag passierte dann Folgendes: Die Mutter meiner Gastfamilie wollte nicht mit uns – mir und einem anderen Flüchtling – zusammen schwimmen gehen. Sie ging so weit entfernt von uns ins Wasser, dass wir sie nicht mehr sehen konnten. Das tat sie, denke ich, weil sie glaubte, dass wir als junge Männer aus Afghanistan damit nicht zurechtkommen würden, sie so leicht bekleidet zu sehen. Und so hat sie sich vor uns versteckt.

Aber das kann nicht die Lösung sein. Und zwar vollkommen unabhängig davon, dass es mit Sicherheit für einige Flüchtlinge verstörend sein könnte. Für viele ist es das sogar ganz sicher. Im Grunde für fast alle, die in den vergangenen 20 oder 25 Jahren in Afghanistan aufgewachsen sind.

Diese Männer sind als Jungen nämlich nicht auf eine normale Schule gegangen, sondern auf eine Koranschule in einer Moschee. Dort lehrten die Taliban, die aus Pakistan gekommen sind, das islamische Recht beziehungsweise ihre fanatische Auslegung davon.

Meine Familie war in Afghanistan eine Ausnahme, weil wir an die Freiheit geglaubt haben. Meine Mutter war zum Beispiel eine der ersten Frauen in Afghanistan, die Auto gefahren ist.

In der Zeit, in der Afghanistan ins Mittelalter zurückgefallen ist, hat es in Deutschland eine ganz andere Bewegung gegeben. Frauen kämpften für ihre Rechte, erstritten Gleichberechtigung in der Ehe, im Beruf, in der Gesellschaft. Das ist eine außerordentliche Errungenschaft, von der man keinen Millimeter abrücken darf.

Und jetzt muss ich erfahren, dass sich Flüchtlinge an der Nord- und Ostsee daneben benehmen, Frauen fotografieren und sie damit belästigen. Das ist inakzeptabel. Und zwar ohne Ausnahme. Die Männer wissen schließlich, dass sie in ein Land gekommen sind, in dem es eine andere Kultur gibt. Das ist ganz sicher für niemanden eine Überraschung. Auch in Afghanistan gibt es Internet und Fernsehen, wo Bilder und Nachrichten aus der westlichen Welt gezeigt werden – eine Welt, in der Frauen im Badeanzug schwimmen gehen können oder unbekleidet, oder in einem Ganzkörper-Anzug oder gar nicht. Freiheit eben.

Jetzt Info-Broschüren auf Arabisch zu verteilen, ist sicher wichtig, und bei manchen Männern wird das auch Wirkung zeigen. Aber bei anderen mache ich mir leider wenig Hoffnungen. Diejenigen, die an eine völlig verzerrte und abartige Auslegung des Islam glauben, die werden nicht plötzlich den Inhalt irgendeiner Informationsbroschüre lesen und denken: Ach, das ist ja toll, wie das hier geregelt ist.

Das sind aus meiner Sicht hoffnungslose Fälle. Und solche müssen aus meiner Sicht das Land verlassen. Sonst werden Leute denken, dass sich alle Flüchtlinge so verhalten, wie sie es tun. Für mich und all die, die sich hier wirklich integrieren wollen, macht es das Leben schwerer, als es ohnehin schon ist. Und ich möchte nicht noch mal erleben, dass sich eine Frau aus Angst vor meiner Kultur versteckt – weder im Schwimmbad noch am norddeutschen Strand oder sonst wo.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit unserer Redakteurin Juliane Kmieciak.