Meinung
Kommentar

Die Energiewende ist nicht teuer

Die Autorin leitet die Abteilung Energie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin

Foto: Heidi Michel-Debor

Die Autorin leitet die Abteilung Energie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin

Aber das Gegenteil wird behauptet – auch vom Wirtschaftsministerium. Notwendige Investitionen darf man nicht als Kosten verteufeln.

Die Energiewende sei teuer, viel zu teuer: Sie koste die deutsche Volkswirtschaft 24 Milliarden Euro im Jahr, der Strompreis explodiere nur wegen der Energiewende – das ist die häufig gehörte, einhellige Meinung.

Was die Gespensterdebatte um angebliche Kosten und Strompreise dabei vornehmlich verschweigt: Bei den genannten 24 Milliarden Euro handelt es sich nicht um Kosten im klassischen Sinne, sondern vielmehr um Investitionen, welche in der deutschen Volkswirtschaft Wertschöpfung und Arbeitsplätze hervorbringen.

Leider schließt sich das Bundeswirtschaftsministerium auch dieses Mal der hysterisch geführten Debatte an und will die Förderung der erneuerbaren Energien über die sogenannte Einspeisevergütung (EEG) so schnell wie möglich abschaffen; sie soll durch Ausschreibungen ersetzt werden. Derartige Ausschreibungen sollen den Preis für erneuerbare Energien und somit auch die Kosten senken, meinen die Experten im Wirtschaftsministerium.

In anderen Ländern hat sich diese Erwartung allerdings bisher nicht bewahrheitet, im Gegenteil. Der Strompreis ist ohnehin kein Kosten-Indikator, er wird durch viele Faktoren beeinflusst. Die Strombörsen-Preise, die immerhin ein Fünftel des Preises für den Endkunden ausmachen, sind derzeit sehr niedrig, diese werden jedoch nur selten an die Stromkunden weitergegeben.

Der Strompreis steigt vor allem, weil der Kohle-Lobby milliardenschwere Subventions-Geschenke vom Staat gemacht worden sind. Die wahren Energiekosten-Tsunamis entstehen ohnehin woanders: durch Altlasten der Atomenergie, durch die Folgen der Umweltverschmutzung und durch den Klimawandel.

Auch das frühere Atom- und Kohle-basierte Energiesystem wurde über Jahrzehnte mit sehr hohen Beträgen subventioniert, die sich schnell im dreistelligen Milliardenbereich summieren. Und die Schlussrechnung ist noch offen. Die hohen Kosten für Rückbau und Endlagerung stehen erst noch an.

Hätte man in der Vergangenheit diese Kosten den Strompreisen einfach übergestülpt, wie man es derzeit bei den Investitionen in den Umbau des Energiesystems tut, dann wäre der Strompreis wirklich explodiert. Durch die Energiewende werden weniger fossile Energien importiert, dies hat die Energiekosten im letzten Jahr um circa 15 Milliarden Euro gesenkt.

Wenn man in unserem Land auf konsequentes Energiesparen setzen würde, würden sich die "Kosten" der Energiewende schlagartig um weitere Milliarden vermindern. Es gibt nämlich zwei Komponenten der Energiekosten: den Preis und den Verbrauch. Je niedriger Preis und/oder Verbrauch sind, desto geringer auch die Energiekosten. Der niedrige Ölpreis verschafft der Wirtschaft momentan eine Atempause und führt schon zu einer Senkung der Energiekosten von über zwölf Milliarden Euro jährlich.

Der Kampf ums Öl, um Macht und um Marktanteile führt derzeit zu einem Ausverkauf von Öl. Jedes Öl exportierende Land fördert Öl bis zum Anschlag, was ein deutliches Überangebot und sinkende Preise zur Folge hat.

Niedrige Ölpreise verleiten jedoch zu Verschwendung; notwendige Energieeffizienz-Investitionen im Gebäudebereich wie energetische Gebäudesanierung oder im Bereich nachhaltige Mobilität werden dadurch unattraktiv.. Der niedrige Ölpreis ist für die Energiewende hinderlich. Der Umstieg auf nachhaltige Mobilität, erneuerbare Energien und mehr Energiesparen droht verschoben zu werden. Das verteuert den Prozess maßgeblich.

Fossile Energien sind aufgrund ihrer Begrenztheit und Klimaschädlichkeit mittel- bis langfristig aber keine Option mehr. Der Umstieg braucht Zeit – daher sind jetzt Investitionen erforderlich und von so großer Bedeutung. Die heutigen Investitionen sind Investitionen in die Zukunft. Je länger wir sie verschieben, desto teurer wird es am Ende.

Nicht die Energiewende an sich ist teuer, sondern eine hysterische Kosten-Strompreis-Debatte macht sie teuer: Abrupte Änderungen gefährden den Erfolg, sind ineffizient und teuer. Eine kluge Energiewende schafft hingegen eine langfristig und dauerhaft nachhaltige Energieversorgung.