Meinung
Leitartikel

Hilfesystem hat versagt: Hamburgs tote Kinder

Jan Haarmeyer

Foto: Andreas Laible Andreas Laible / HA / Laible Andreas Laible

Jan Haarmeyer

Die Stadt muss genauer hinschauen – und die Fallzahlen der Amtsmitarbeiter senken

Am vergangenen Freitag fand in der ehrwürdigen Patriotischen Gesellschaft in Hamburg ein Gedenktag für Yagmur statt. Die Dreijährige war auf den Tag genau vor zwei Jahren in Billstedt an den Folgen der massiven Schläge ihrer Mutter gestorben. Yagmur war bereits das fünfte Kind, das diese Stadt in den vergangenen elf Jahren nicht vor einem gewaltsamen Tod nach schwerer Misshandlung beschützen konnte.

"Für Yagmur kam die Hilfe zu spät, aber ihr Tod hat zu einem Umdenken in der Politik geführt. Es lässt hoffen, dass vielen Kindern in vergleichbarer Not durch ein solches Umdenken geholfen werden kann", sagte die Kinderschützerin und Pflegefamilien-Expertin Birgit Nabert auf dem Gedenktag. "Yagmur könnte ein Wendepunkt in der Kinderschutzpolitik in Hamburg werden", sagte Professor Ludwig Salgo, Familienrechtler aus Frankfurt, engagierter Kinderschützer und Gutachter der Bundesregierung.

Einen Tag später starb der kleine Tayler aus Altona an den Folgen schwerer Kindesmisshandlung. Eine Woche haben die Ärzte im Universitätsklinikum Eppendorf um sein Leben gekämpft. Vergeblich. Tayler wurde nur 13 Monate alt.

Es hat sich nichts verändert. Die Stadt zählt weiter ihre toten Kinder.

Auch Tayler wuchs in einer Familie auf, die dem Jugendamt bekannt ist. Er war bereits einmal in staatlicher Obhut, weil es nach einer Schlüsselbeinverletzung den Verdacht auf Kindeswohlgefährdung gab. Es ging um einen Knochenbruch, den sich das wenige Monate alte Baby wahrscheinlich nicht selbst zugefügt hat. Ein Knochenbruch im Brustbereich, der schon damals tödliche Folgen für den Jungen hätte haben können. So wie es aussieht, ist der kleine Tayler trotzdem zu seinen Peinigern zurückgebracht worden. Er hat die Rückführung nicht überlebt.

Professor Salgo hat auch gesagt, dass Wendemanöver manchmal lange dauern. Und dass es Zeit braucht, bis alle Vorgaben, die von oben gemacht werden, auch unten ankommen.

Aber: Seit 20 Jahren wird in Hamburg darüber gestritten, dass es eine Obergrenze für die Fälle geben muss, die jeder Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) zu bewältigen hat. Fall ist nicht gleich Fall, lautet dazu meist die lakonische Antwort aus der Sozialbehörde. Es gebe einfachere und eben auch hoch problematische Fälle in den Familien. Also stapeln sich weiter die Akten auf den Schreibtischen der ASD-Mitarbeiter, die zudem mit einem Computersystem kämpfen, das teuer und unpraktisch ist.

Eine Fallobergrenze aber gibt es weiterhin nicht. 70 Fälle pro Mitarbeiter sind keine Seltenheit, manche berichten von mehr als 100 Fällen. Zum Vergleich: In Stuttgart sind es 20 Fälle.

Dabei könnte der Senat, der sich ja auch zu einer millionenschweren Olympiabewerbung entschlossen hatte, weil er die Zukunft dieser Stadt gestalten wollte, längst seine Kräfte für die Kinder bündeln. Das ist teuer. Und auch keine Garantie dafür, dass es in Zukunft nie mehr zu tödlichen Fehlern Einzelner kommen wird. Aber natürlich vergrößert sich bei einer Halbierung der Fallzahlen die Chance enorm, dass die Sozialarbeiter genauer hinschauen können, wenn sie in die Pro­blemfamilien kommen.

Michelle, 2, starb 2004 in Lohbrügge in einer völlig verdreckten Wohnung an einem Hirnödem. Jessica, 7, starb 2005 in Jenfeld. Lara Mia, neun Monate alt, starb 2009 in Wilhelmsburg. Chantal, 11, starb 2012 in Wilhelmsburg. In jedem Fall hat das Hilfesystem versagt. Meist wurde nicht genau genug hingesehen. Zu wenig Zeit, zu viele Fälle, hieß es immer wieder. Hamburg muss sich endlich fragen, was der Stadt ihre Kinder wert sind.

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