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Kommentar

Inklusion darf in Hamburg kein Geheimnis sein

Foto: Andreas Laible

Senator sollte Förderdaten schnell veröffentlichen

Man darf Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) zugute halten, dass er das Schulschiff mit seinen bisweilen aufgeregten und empörungsgeneigten Passagieren und Crewmitgliedern an Bord insgesamt besonnen durch die vier Jahre der ablaufenden Legislaturperiode gesteuert hat. Doch in einem Punkt leistet sich Rabe eine Hängepartie, die letztlich zulasten der Kinder geht, die es ohnehin schon besonders schwer in der Schule haben.

Seit drei Jahren tobt unter Fachleuten, Lehrern, Eltern und Politikern der Streit über die tatsächliche Zahl der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Auf den ersten Blick ist es ein Paradox: Im Zuge des Rechts auf Inklusion ist der Anteil der Schüler mit Defiziten in den Bereichen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung (LSE) an den Regelschulen sprunghaft angestiegen, ohne dass die Sonderschulen in gleichem Umfang Schüler verloren hätten.

Rabe misstraute dem Zuwachs von Anfang an und vermutete eine zu schnelle und leichtfertige Bereitschaft der Pädagogen, LSE-Defizite anzunehmen. Immerhin geht es ja nicht zuletzt um zusätzliche Förderstunden in Form von Lehrerstellen, die an Schulen immer willkommen sind. Schulleiter und Lehrer hielten dagegen.

Es gibt nur einen Ausweg aus diesem Dilemma: Unabhängige Experten müssen per Gutachten entscheiden, ob jeder einzelne Schüler zu Recht als LSE-förderbedürftig eingestuft wurde oder nicht. Genau diese Einzelgutachten hatte Rabe abgeschafft und durch eine pauschale Förderressource ersetzt, die sich am Sozialindex der Schulen orientiert. Letztlich war der Senator jedoch bereit, den Weg der Überprüfung jedes Einzelfalls zu gehen. Nun liegen die Ergebnisse vor, aber die Behörde rückt die Daten nicht heraus. Das ist unverständlich.

Lehrer, Eltern und Politiker fordern zu Recht Transparenz in Sachen Inklusion, deren Gewährleistung vor allem an den Stadtteilschulen längst zum großen Problem geworden ist. Wenn die Zahl der LSE-Kinder nicht "künstlich" hochgerechnet worden ist, muss bei der Förderung nachgesteuert werden. Die Diskussion muss jetzt, rechtzeitig vor der Wahl, und nicht danach geführt werden.

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