Meinung
Gastbeitrag

E-Gesundheitskarte: So verlieren Patienten das Vertrauen

Foto: dpa/ZGBZGH

Die Telemedizin ist kein Ausweg aus dem Ärztemangel. Und die elektronische Gesundheitskarte eröffnet zu große Datenrisiken.

Vor einigen Tagen war Hamburg Gastgeber der eHealth Conference 2014. Allein der Name eHealth, also elektronische Gesundheit, suggeriert schon Bedeutung, Modernität und Visionen. Nach meinem Eindruck kamen 90 Prozent der Teilnehmer aus Politik, Verwaltung, Industrie und von den Kassen. Ärzte waren kaum vertreten. Die Beiträge drehten sich darum, dass in Anbetracht des drohenden Ärztemangels auf dem Land die Medizin in Metropolen zentralisiert werden solle. Die Patienten müssten dann per Telemedizin am Wohnort behandelt werden. Und das ginge wiederum nur, wenn alle Daten elektronisch konzentriert und online zugänglich gemacht würden.

Die älter werdende Bevölkerung müsse in den eigenen vier Wänden bleiben können. Wenn auch ganz allein zu Hause, könnten sie aber von zentralisierten Überwachungsstellen mit Videokameras und multiplen, in Fußmatten und Betten eingebauten Sensoren oder unter die Haut eingebrachten Chips überwacht und somit umfassend geschützt werden. Die Referenten der eHealth waren sich einig: Das erhöht eindeutig die Lebensqualität. In einer kürzlich erstellten großen Studie aus den Niederlanden wurde aber etwas anderes festgestellt: nämlich dass die Zufriedenheit und die Lebensqualität der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen dort sogar deutlich höher sind als die der Menschen, die teilweise vereinsamt in ihrem eigenen Zuhause leben.

Erschreckend war, dass der Datenschutz bei den eHealth-Verfechtern zwar verschiedentlich zur Sprache kommt. Nicht selten aber wird von völlig übertriebenen deutschen Datenschutzverordnungen gesprochen, die endlich abgebaut werden müssten. In der ärztlichen Berufsordnung müsse das vorsintflutliche Fernbehandlungsverbot beseitigt und im Sozialgesetzbuch 5 § 291 die dort vorhandenen genauen Schilderungen der Voraussetzungen für die elektronische Gesundheitskarte "gestrafft" werden. Auch der neue Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) droht unverhohlen: Wenn sich die Selbstverwaltung aus Kassen und Ärzten bei der Gesundheitskarte nicht endlich einigt, würde der Staat kurzfristig regelnd eingreifen.

Die Ober- und Chefärzte in den Universitätskliniken gelten als besonders technikaffin, weil sie auf Telemedizin setzen. Wir Praxisärzte behandeln 90 Prozent aller Krankheitsfälle in Deutschland. Angeblich sind wir technikfeindlich. Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks lobte zuletzt das papierlose Krankenhaus UKE. Dass es Praxen wie unsere gibt, die schon seit 1993 papierlos sind, weiß die Senatorin sicher gar nicht.

In der jetzt wieder aufgeflammten Debatte um die Gesundheitskarte wird klar, dass man auch nach zehn Jahren nicht weitergekommen ist: Über 60 Millionen neue, teure Karten mit einem nicht identitätsgeprüften Foto. Ein juristisches Gutachten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ergab, dass die Karte im Prinzip illegal ist. Milliarden wurden investiert, die in meinen Augen besser in gute Medizin geflossen wären. Als Fachärztin für Allgemeinmedizin, die seit 20 Jahren in einer Praxis in Hamburg arbeitet, bin ich mir hier einig mit der großen Mehrheit von 150.000 Haus- und Fachärzten.

Wir erkennen einen klaren Paradigmenwechsel von einem Gesundheitswesen in eine Gesundheitswirtschaft. Wir erleben Renditedruck durch Geschäftsführungen in privatisierten Klinikkonzernen mit zweistelligen Renditeforderungen. Wir sehen, wie Patienten "blutig" entlassen werden.

Bisher ist die Telemedizin nur sinnvoll in sehr eingeschränkten Gebieten wie Teleradiologie und Telepathologie, in Norwegen oder in der Antarktis sicher auch. Für die Behandlung der großen Volkskrankheiten gibt es keinen einzigen Nachweis ihrer Wirksamkeit.

Natürlich spielen die Krankheitsdaten eine immense Rolle in jeder Praxis. Aber ein Patient, der nicht mehr darauf vertrauen kann, dass das, was er mir in der Sprechstunde berichtet, unter uns bleibt, wird sich künftig nicht mehr öffnen, und damit wird unserer Arbeit ihre wichtigste Grundlage entzogen: das Vertrauen. Daten heilen nicht. Auch online übertragene nicht.

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