Meinung
Kommentar

Deserteurdenkmal: Im Wegsehen läge die Schande

Foto: Michael Rauhe

Das Deserteurdenkmal verdient Anerkennung.

Dieser Kommentar ist, auch wenn er nur kurz ist, eine Schande. 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten und 69 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges sollte man in diesem Land nun wirklich nicht mehr erklären müssen, dass jedes Deserteurdenkmal richtig ist. Und wichtig. Und dass diese Deserteure keine charakterlosen Vaterlandsverräter waren, sondern mutige Menschen, die auf ihr Gewissen gehört haben statt ohne Wenn und Aber auf einen Befehl. Rund 30.000 Männer sind in den zwölf Jahren des Tausendjährigen Reichs deswegen gestorben. Jeder Einzelne verdient seine Anerkennung.

Und da wenig so verräterisch ist wie der Gebrauch von Sprache, muss man sich nur zwei sehr deutsche Formulierungen ansehen, um zu erkennen, welche Konsequenzen kriegerische Auseinandersetzungen haben: "Blinder Gehorsam" ist das Gegenteil dessen, was eine aufgeklärte Gesellschaft moralisch vertretbar finden darf. Und "Kadavergehorsam" zeigt, wo alles enden kann, wenn zu den Waffen gerufen wird.

Damit wären wir bei der aktuellen Frage, ob Hamburg das Richtige tut, wenn es ein Denkmal für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz errichtet. Es gibt nur eine Antwort: Natürlich ist das richtig. Natürlich ist es eine Würdigung von Einzelnen, die durch ihre Haltung zu einer Schicksalsgemeinschaft wurden. Und endlich ist es auch eine unübersehbare Anklage jener, die für ihr Tun nach Kriegsende nicht oder nur sehr sanft bestraft wurden, während andere für ihr Lassen büßen mussten.

Dass Volker Langs Denkmal nun zwischen dem Militaria-Klotz von 1936 und Hrdlickas tapferem Widerspruch gegen diesen Hurra-Quader seinen Platz findet, ist eine kluge Entscheidung, weil sie es niemandem leicht macht. Nähe erzwingt Kommunikation. Reibung erzeugt Hitze. Die tumbe Heldenverehrung neben der Würdigung der Neinsager, das ist eine klare Ansage.

Denn aus keinem Blickwinkel kann man in diesem Spannungsdreieck am Stephansplatz einen Teil dieser Geschichte übersehen, die uns alle angeht. Nicht im Gedenken, im Wegsehen läge die Schande.

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