Meinung

Hamburger Kritiken Schluss mit der "Anti-Bullen-Folklore"

Foto: Reto Klar

Ausgrenzung und Ablehnung von Polizisten gilt in linken Kreisen als schick. Demokraten sollten gegen Gewalt zusammenstehen.

Die Reaktion der Hamburger macht Mut: Die Solidarisierung mit den angegriffenen Polizisten rollt, es wird demonstriert und diskutiert, die große Mehrheit redet nichts mehr schön. Der unerträgliche Angriff von rund 30 vermummten Extremisten auf drei Polizisten ist ein Fanal. Er ging weiter als die ritualhafte Gewalt bei Schanzenfest oder Flora-Demo, dieser Angriff sah aus wie ein Tötungsversuch. Die Mordkommission ermittelt. Wer seinem Gegenüber in dieser Überzahl entgegentritt, einem Menschen einen Stein ins Gesicht schlägt und auf den am Boden Liegenden eintrampelt, nimmt dessen Tod billigend in Kauf. Die Tat geschah nicht aus dem Affekt, sie war geplant. Das erinnert fast an den unsäglichen Satz der Terroristin Ulrike Meinhof: "Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden."

Es wurde nicht geschossen. Das sollte bei aller Aufregung nicht vergessen werden. Deshalb sollten sich auch Politiker oder Polizeigewerkschaften nun nicht auf überzogene Forderungen nach Elektroschockwaffen oder Gummigeschossen versteigen. Trotzdem kann man nach dem Angriff vor der Davidwache am 29. Dezember nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Es ist die Pflicht aller Demokraten, diesen Anfängen zu wehren.

Da besteht Nachholbedarf. Wer die politische Debatte, aber auch die mediale Aufarbeitung des Autonomen-Aufmarsches vom 21. Dezember vor der Roten Flora anschaut, kommt ins Staunen. Direkt von der Demo twitterte beispielsweise die "innen- und rechtspolitische Sprecherin" (sic!) der Linkspartei, Christiane Schneider, über "harte Schlagstockeinsätze und brutale Festnahme, unprovozierte Polizeiangriffe. Stinkesauer". Von Autonomen auf Aggro berichtet sie nichts. Erst nach der Davidwachen-Attacke ringt sie sich zu einer verschwurbelten Distanzierung zur Gewalt durch, aber offenbar ist sie mehr in Sorge um die "öffentliche Meinung" als um die Gesundheit der Polizisten. Auf Facebook gewährt sie Einblicke in ihre Grenzgänge demokratischen Denkens, wenn sie statt einem klaren Nein zur Gewalt schon wieder Erklärungen sucht und Sätze postet wie: "800 Millionen für die Elphi, und was für die Rote Flora? In welchem Verhältnis steht das denn eigentlich noch?"

Überhaupt versteht man kaum mehr, wie es viele Erklärungsakrobaten in den Medien immer wieder schaffen, selbst Hooligan-Umzüge politisch aufzuhübschen – und mit dem weit verbreiteten Unbehagen über Flora-Räumung und Flüchtlingspolitik, hohen Mieten oder einer vermeintlichen "Kälte in Hamburg" zu entschuldigen.

Genauso absurd ist die weit verbreitete Lesart, beide Seiten hätten zur Eskalation beigetragen und trügen Mitschuld. Kein Zweifel, es gab in dieser Stadt Demonstrationen, in denen Polizisten unangemessen brutal reagiert haben, etwa beim Schweinske-Cup. Dieser Autonomen-Aufmarsch vom 21. Dezember aber wäre so oder so ausgeartet: Man erinnere an die Schanzenfestdemo von 2009, bei der sich die Polizei zurückgehalten hatte und alles friedlich blieb, bis Vermummte die Wache an der Lerchenstraße angriffen, um der Eskalation endlich den Weg zu bahnen. Die Angreifer vor der Davidwache riefen übrigens nun: "Scheißbullen. Habt ihr immer noch nicht genug?"

Seien wir ehrlich: In der Vergangenheit fanden die Autonomen zu viel, die Beamten zu wenig Verständnis. Hamburg ist aber weder Kairo noch Kiew noch Istanbul.

Auch die gesamte "Anti-Bullen-Folklore" wirkt inzwischen geschmacklos: Der weit verbreitete Slogan ACAB "All Cops are Bastards" ist nicht lustig, sondern Zeichen eines entmenschlichten Denkens. Trotzdem gehören in der Szene T-Shirts mit dem Spruch zum Chic und gelten als Rebellentum. Auch die Ultras vom FC St. Pauli, die einen Polizisten wegen dessen Berufs ausgeschlossen haben, benötigen Gegenwind. Dieser unerträgliche Mangel an Toleranz, das Ausgrenzen, das Entmenschlichen können Hass und Gewalt den Weg bereiten. Wer das alles harmlos und übertrieben findet, sollte einfach den Begriff "Polizist" durch "Ausländer" ersetzen. Dann sieht man die Verwandtschaft im Denken der Radikalen.

Matthias Iken beleuchtet in der Kolumne "Hamburger KRITiken" jeden Montag Hamburg und die Welt