Meinung
Frankenfelds Welt

Offenbarungseid am Hindukusch

Die geplanten Verhandlungen der USA mit den Taliban zeigen: Der Krieg in Afghanistan ist für den Westen verloren

Anfang April des Jahres 2007 ließ Kurt Beck, damals SPD-Vorsitzender, eine Bombe platzen. Der behäbige Pfälzer regte eine Afghanistan-Konferenz unter Beteiligung auch der radikalen Taliban-Miliz an. Prompt erntete Beck Hohn und Kritik von Berlin bis Kabul und wurde von einer großen deutschen Zeitung gar als "Karnevalist" verspottet, den man mit einem "Narrhallamarsch" ehren sollte. Aus damaliger Sicht noch nachvollziehbar: Hatte sich der Westen doch vorgenommen, das notorische Bürgerkriegsland am Hindukusch zu demokratischer Reife und pluralistischer Offenheit zu erziehen.

Doch nach dem Sturz der Taliban-Herrschaft durch die USA und einem multimilliarden Dollar teuren Versuch, die in verfeindete Ethnien und Stämme zersplitterten Afghanen zu Demokratie und Wohlstand zu führen, schickt sich die US-Regierung nun tatsächlich an, mit den Taliban zu verhandeln. Und zwar weitgehend an einer düpierten afghanischen Regierung unter Präsident Hamid Karsai vorbei. Zähneknirschend erklärte sich Karsai damit einverstanden, als ohnehin nichts mehr zu ändern war. Er musste es hinnehmen, dass die Taliban im Golfemirat Katar ein "Verbindungsbüro" etablierten, an dessen Tür der Name "Islamisches Emirat Afghanistan" prangte – so hieß das Land während der Terror-Herrschaft der radikalislamischen Miliz zwischen 1996 und 2001. Wer ihrer intoleranten und perversen Auslegung des Islam nicht Folge leistete, musste damit rechnen, gefoltert und hingerichtet zu werden. Frauen erhielten ein Berufsverbot, wurden in die mobilen Gefängnisse der Burka gesperrt und kaum besser als Nutzvieh behandelt.

Zwar zeigte die Jagd der Spezialeinheiten von CIA und US-Militär durchaus Wirkung auf Moral und Personaltableau der Taliban-Führung. Doch insgesamt vermochte der "Krieg gegen den Terror" die Miliz nicht zu zerschlagen. Im Gegenteil: Die Ankündigung der USA und ihrer Verbündeten, bis 2014 aus Afghanistan abgezogen zu sein, entfachte offenbar bei den Taliban neue Kräfte. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Anschläge seitens der Radikalislamisten um satte 25 Prozent. 3340 Soldaten der Nato sind bislang am Hindukusch ums Leben gekommen, darunter mehr als 50 Deutsche. Am vergangenen Dienstag drangen Taliban-Kämpfer gar bis zum Präsidentenpalast in Kabul vor und verwickelten Karsais Garde in ein 90-minütiges Feuergefecht. Tatsache ist, dass der Westen den Krieg in Afghanistan de facto verloren hat. Die Gespräche im katarischen Doha sind ein politischer Offenbarungseid. Der als korrupt und inkompetent geltenden Regierung von Hamid Karsai wird nicht zugetraut, eine massive Offensive der Taliban abwehren zu können. Im Dezember 2012 hatte eine Untersuchung des Pentagons ergeben, dass nur eine einzige von 25 afghanischen Heeresbrigaden in der Lage war, militärisch zu funktionieren. Desertionen sind an der Tagesordnung, westliche Waffen werden an die Taliban verkauft.

Im Januar – nach mehr als zwölf Jahren der Ausbildung und Ausrüstung durch den Westen – wandte sich Karsai über die CNN-Journalistin Christiane Amanpour geradezu flehentlich an die US-Regierung: "Wir benötigen eine Luftwaffe. Wir brauchen Luftbeweglichkeit. Wir brauchen vernünftige mechanisierte Kräfte – Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, all das." Die Wünsche kommen ein bisschen spät. Für viele Afghanen gilt es bereits als sicher, dass es nach dem Abzug der westlichen Truppen zu einem Bürgerkrieg und dann wohl zu einem Sieg der Taliban kommen wird. Die Verhandlungen in Doha dienen nur dem Zweck, für diesen Fall das Schlimmste zu verhindern.

Hinter den Taliban, die nun in Doha verhandeln wollen, steht die mächtige Quetta Shura, das Führungsgremium der Taliban in Pakistan, an deren Spitze noch immer der berüchtigte Mullah Mohammed Omar stehen soll.

Eine neue Taliban-Herrschaft wäre am schlimmsten für die Frauen Afghanistans. Im vergangenen Jahrzehnt durften Mädchen vielerorts wieder zur Schule gehen. Karsai selber hat wenig für Frauenrechte übrig; und sie werden das Erste sein, was er zu opfern bereit sein dürfte, um zunächst seine Macht und letztlich sein Leben zu retten. Doch selbst ein Abkommen in Doha wäre keine Garantie dafür, dass ein Bürgerkrieg in Afghanistan vermieden werden kann.

Abendblatt-Chefautor Thomas Frankenfeld greift an dieser Stelle jeden Donnerstag ein aktuelles Thema auf

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