24.11.12

Paarung

Die modernen Gladiatoren

Rivalen der Rennbahn: Fernando Alonso und Sebastian Vettel könnten verschiedener nicht sein. Sonntag fahren sie um den WM-Titel

Muhammad Ali brauchte seinen Joe Frazier, Boris Becker seinen Michael Stich, und im Wettstreit der Doper auch Lance Armstrong seinen Jan Ullrich. Große Sportler definieren sich durch ihre epischen Duelle. Am Sonntag heißt es: Sebastian Vettel gegen Fernando Alonso.

Die Rivalen der Rennbahn fahren an diesem Sonntag in São Paulo um die Formel-1-Weltmeisterschaft. Aber sie stehen sich in ihrem Zweikampf nicht Auge in Auge gegenüber. Wenn sich die beiden modernen Gladiatoren auf der Straße begegnen, liegen sie in feuerfester Montur in einer unzerstörbaren Schale aus Kohlefaserstruktur, umgeben von 200 Litern Benzin und sündhaft teuren aerodynamischen Teilen, die verhindern sollen, dass das Fahrzeug abhebt. Ihre Gesichter, ihre Mienen bleiben unter dem Helm verborgen. Vettel, 25, und Alonso, 31, zwei kleine Männer mit Jockeyfiguren, sind herausragende Fahrtalente, beide von unstillbarem Ehrgeiz beseelt. Und doch könnten sie verschiedener nicht sein.

Sebastian Vettel ist in Heppenheim an der Bergstraße aufgewachsen, einer südhessischen Kreisstadt, die den Asphalt schon im Namen trägt. In dem schmucken Fachwerk-Ort wurde 1948 die FDP gegründet. Vettel hielt es aber, was sein Vorankommen betraf, lieber mit dem Namen eines Heppenheimer Ehrenbürgers: Der verdiente Sanitätsrat hieß tatsächlich Otto Ferrari.

Längst hat Vettel die Bergstraße gegen echte Berge im Schweizer Kanton Thurgau eingetauscht. Der "Baby-Schumi", wie ihn die Engländer tauften, war in allem, was ihm gelang, immer der Jüngste. Der Jüngste, der einen WM-Punkt holte, der ein Rennen gewann, der Weltmeister wurde. Er versucht jetzt, ein bisschen kantiger zu werden, lässt den Bart wuchern, bleibt aber Muttis Liebling. Nur manchmal, wenn nicht alles nach seinen Wünschen läuft, geht er mit kleinen Niederlagen noch etwas unsouverän um, etwa wenn er einen Rivalen als "Gurke" beschimpft. Über seine sportliche Familie, den Rennstall des Brauseherstellers Red Bull, kommt ihm dagegen kein kritisches Wort über die Lippen. Vettel weiß, dass er dem Mäzen alles zu verdanken hat, dessen Dollarmillionen ihm einst den Schritt in die große weite Rennsportwelt ermöglichten.

Alonso tickt anders. Vettels Gegenspieler will nicht lieb sein, zu niemandem. Selbst seinen Arbeitgeber, die Motorsportlegende Ferrari, stachelt er immer wieder zu Höchstleistungen an. Die Spanier verehren den spröden Macho mit den verspiegelten Sonnenbrillen und dem Dreitagebart, weil er aus dem Schweizer Steuerparadies in seine Heimat nach Oviedo zurückgekehrt ist, weltmännisch in vier Sprachen parlierend und mit einer neuen Frau an seiner Seite, dem Fotomodell Dasha Kapustina (Vettel sieht seine Freundin Hanna als Teil seiner Privatsphäre).

Die Ehrentitel auf Oviedos Stadtwappen verraten martialisch, wie die 225 000 Einwohner, die natürlich auch dem Stierkampf frönen, zu leben haben: "Edel, treu, verdienstvoll, unbesiegt, heldenhaft und gut". Der "Prinz von Asturien", wie sie Alonso nennen, lebt diesen Stil. Er twittert schon mal kryptische Samurai-Botschaften à la "Wenn das Schwert bricht, kämpfe mit deinen Händen". Er lässt sich sogar mit einem Paintball-Gewehr ablichten, wenn es der Motivation dient. Beinahe wäre es ihm gelungen, Vettel mit seinen Sticheleien aus dem Konzept zu bringen.

Dass die beiden Alphatiere, wie immer wieder kolportiert wird, eines Tages gemeinsam für Ferrari fahren, ist kaum vorstellbar. Beide haben sich gemütlich eingerichtet. Vettel ist der Mann, der mit dem besten Auto Michael Schumachers Rekorde jagt. Alonso ist derjenige, dem mit einem unterlegenen Fahrzeug Geniestreiche gelingen. Freunde werden die beiden nie. Sie reden nur miteinander, wenn sie die Formel-1-Regie nebeneinander gesetzt hat. Auch wenn es nicht so aussieht: Anders als Himmelsstürmer Vettel hat Alonso verlieren gelernt. 2006 war er zuletzt Weltmeister. Im Sport eine Ewigkeit.

Vor zwei Jahren kämpften die beiden schon einmal um den Titel. Damals war Vettel der Verfolger - und gewann. Diesmal ist die Ausgangslage genau umgekehrt.

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