Leserbriefe

Briefe an die Redaktion: 19. April 2017

Schwache Haltung zur Demokratie

18. April: Klare Mehrheit für Erdogan in Hamburg. 57 Prozent der Türken stimmen im Generalkonsulat für den Präsidenten – deutlich mehr als im Heimatland

Am meisten wundert mich, dass so viele Türken, die in EU-Ländern leben, für Erdogan gestimmt haben. Somit haben die Auslandstürken das Referendum für Erdogan gewonnen. Die Wahl zeigt eindrücklich, wie es um die Verfassungstreue und die Haltung zur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit der hier lebenden Türken bestellt ist.

Peter Groth, Ellerau

Falsche Richtung eingeschlagen

Nun hat er seinen Willen und die knappe Mehrheit des Wahlvolkes auch. Das Wahlvolk dürfte das Wort "Erfolg" bald neu definieren müssen. Todesstrafe? Zusammenbruch des Tourismus? Fehlende Investitionen im Land? Kopftuch statt Laizismus? Meinungsunterdrückung statt -freiheit? Was bitte ist daran Erfolg? Das ist mehr als ein Schritt in die falsche Richtung, zu dem die in Deutschland lebenden Jasager offenbar deutlich beigetragen haben. Diese sollten dann auch gehen – dorthin, wo sie hautnah erleben werden, was türkische Zukunft bedeutet, um sich dann irgendwann reuevoll an die Freiheit in Deutschland zu erinnern.

Detlef Lange, per E-Mail

EU-Politik trägt Mitschuld

Keine Überraschung, der Sieger stand schon vor der Wahl fest. Für die derzeitigen Verhältnisse in der Türkei waren das wohl die letzten "fairen" Wahlen, denn der türkische Wähler hat sich selbst entmündigt. Die EU trägt durch ihre Politik eine Mitschuld. Die Türkei hatte nie eine echte Chance auf eine Mitgliedschaft. Dafür konnte es mit dem gesamten "alten Ostblock" nicht schnell genug gehen, was wiederum zur Verärgerung von Russland führte. Eine "privilegierte Partnerschaft" führte zu dieser Wahl, die Flüchtlingspolitik zum Brexit der Briten und zum Rechtsruck in Europa.

Fred Bonkowski, per E-Mail

Bundesregierung reagiert zu weich

Es dreht sich einem der Magen um, von Merkel und Gabriel die an Erdogan gerichtete Ermahnung hören zu müssen, er solle doch "einen respektvollen Umgang" mit der Opposition suchen. So wie bisher? Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die den deutschen Wirtschaftsinteressen und dem "Flüchtlings-Deal" geschuldete Beschwichtigungspolitik letztlich der türkischen Opposition dort und den oppositionellen Deutschtürken hier geschadet und ihre knappe Niederlage mitverursacht hat, zumal sie seitens der Vertreter der westlichen Demokratien keinerlei Unterstützung erfuhren. Und so zynisch es klingen mag: Es ist nicht einmal unwahrscheinlich, dass im Fall der nun zu erwartenden Wiedereinführung der Todesstrafe die Bundesregierung Erdogan auffordern könnte, doch bitte die Menschenrechte zu wahren.

Ulrich Reppenhagen, per E-Mail

Doppelpass abschaffen

Die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft im Jahr 2002 erweist sich immer mehr als Fehler: Statt die Integration der Türken zu fördern, ist sie zu einem Hemmnis geworden. Sie war auch völlig unnötig. Denn ob Geschichte, Tradition oder Wurzeln – nichts geht verloren, wenn man eine neue Staatsbürgerschaft annimmt und die alte ablegt. Die Nachfahren der Iren und die Italiener, die nach Amerika ausgewandert sind, haben weder ihre Geschichte noch ihre Tradition noch ihre Wurzeln verloren, auch wenn sie Amerikaner geworden sind. Es wird höchste Zeit, dass dieser Fehler erkannt und berichtigt wird.

Thorsten Thiel, Ahrensburg

Rechte freiwillig abgegeben

Fast könnte man meinen: "Die Kälber suchen sich ihren Schlachter selber." Was mag Menschen dazu bewegen, ihre Rechte "an der Haustür abzugeben" und der Änderung eines Systems vom demokratischen hin zu einem diktatorischen zuzustimmen und sich damit quasi selbst in ihren Rechten zu beschneiden? Mangelnde Bildung? Das Referendum und sein vorläufiger Ausgang haben aber auch etwas Positives: Es handelt sich um ein sehr knappes Votum für Erdogan. Fast die Hälfte der Türken sind gegen das Präsidialsystem, sodass selbst die möglichen Manipulationen der Regierung Erdogan nur begrenzte Wirkung entfalten konnten. Vielleicht gelingt es den oppositionellen türkischen Parteien ja, eine Neuauszählung zu veranlassen; große Hoffnung habe ich nicht, weil ein Ergebnis, welches Erdogan und seine AKP bloßstellen könnte, nicht gewollt ist und daher um jeden Preis verhindert wird. Das wird einfach per Dekret und Willkür entschieden – von Erdogan.

Sven Jösting, Hamburg

Erdogan-Wähler in die Türkei?

Wie Frau Hasselfeldt von der CSU ganz richtig sagt, nehmen die in Deutschland lebenden Türken alle demokratischen Freiheiten in Anspruch. Wenn sie aber für Erdogan, seine Unfreiheit und die Todesstrafe sind, warum gehen sie dann nicht zurück in die Türkei?

Michael Liedtke, per E-Mail

Trauriges Ergebnis

Es ist erschreckend und traurig zugleich, wie viele der hier lebenden Türken offensichtlich unsere Demokratie, auf die wir zu Recht stolz sein können, ablehnen und diktatorischen Verhältnissen den Vorzug geben. Da wäre es doch nur konsequent, wenn diese in die Türkei zurückkehren und die Früchte ihrer Wahl genießen würden.

Horatius Hilbert, per E-Mail

Integration gescheitert

Ich finde, die Türken in Deutschland, die mit Ja gestimmt haben, tauschen das Land mit den Türken aus der Türkei, die mit Nein gestimmt haben. Wohnungen und Arbeitsplätze sind dann ja vorhanden. Verursacherprinzip. Wie kann ich aus einem sicheren Land mit Pressefreiheit für die anderen eine "Ein-Mann-Herrschaft" fordern, die alle anderen Meinungen unterdrückt. Integration gescheitert bei den Jasagern.

Renate Knoblich, per E-Mail

Türkei gehört nicht zu Europa

Ich fühle mich in meiner schon lange währenden Ansicht wiederum stark bestätigt: Ob mit oder ohne Erdogan, die Türkei kann weder geografisch noch ethnisch zu Europa gehören. Ein gegenseitiges möglichst freundschaftliches Mit­einander sollte vollkommen genügen.

Detlef Oeding, Geesthacht

Schallende Ohrfeige für Landsleute

Wie in Hamburg hat auch in ganz Deutschland und anderen europäischen Ländern eine große Mehrheit der türkischen Wähler für die Einführung einer Präsidialherrschaft in der Türkei gestimmt und damit womöglich als Zünglein an der Waage den Ausschlag gegeben. Jeder dieser Befürworter wohnt in einem Land, wo er jegliche Freiheiten wie zum Beispiel Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit etc. genießt. Diese Wähler sind feige Menschen, die aus sicherer Entfernung ihren in türkischen Gefängnissen eingesperrten Journalisten und Lehrern eine schallende Ohrfeige versetzt haben. Sie sollten in die Türkei zurückkehren, denn sie besitzen die türkische und viele auch noch die deutsche Staatsbürgerschaft. Die doppelte Staatsbürgerschaft behindert in starkem Maße die Integration in die deutsche Gesellschaft. Wer sich über zu geringe Integrationsbereitschaft aufseiten der deutschen Bevölkerung beklagt, muss selbst auch alle Anstrengungen unternehmen. Daran fehlt es vielfach. Die Integration ist keine Einbahnstraße, sie ist sowohl eine Bring- als auch eine Holschuld.

Willibald Heinrich Brendel, Norderstedt

Ende des Experiments

Die Türken wollen es nicht anders, dann lasst sie ihren eigenen Kram machen. Es ist doch eigentlich gut für uns, dies jetzt so deutlich gezeigt zu bekommen. Ende mit dem Experiment, diese Kultur in Europa zu integrieren.

Uwe Nietzel, per E-Mail

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