Xing, Instagram & Co.

Machen Netzwerke wie Facebook und Twitter unglücklich?

Dunja Hayali, ZDF-Moderatorin
und bekannt für ihr engagiertes
Auftreten auf Facebook, will sich
jetzt erst mal eine Pause beim
Umgang mit dem Netzwerk gönnen

Foto: Facebook-Logo/Imago; Montage: HA

Dunja Hayali, ZDF-Moderatorin und bekannt für ihr engagiertes Auftreten auf Facebook, will sich jetzt erst mal eine Pause beim Umgang mit dem Netzwerk gönnen

Die Zahl der Facebook-Junkies, die sich verabschieden, wächst. Sie spüren, dass sie das Netzwerk zu sehr unter Druck setzt.

Zehn Jahre lang haben wir uns alle möglichen Gedanken darüber gemacht, was wir unserem Körper täglich an Umweltgiften und Schadstoffen zuführen – und wie wir das irgendwie vermeiden können. Wäre es jetzt nicht dringend mal an der Zeit, dass wir uns auch um unsere geistige und seelische Nahrungsaufnahme kümmern?", sagt Attila Albert, der als Mediencoach und als Autor für den Schweizer Ringier-Verlag arbeitet. Obwohl Albert durch seinen Beruf zwangsläufig jede Menge mit den sozialen Plattformen zu tun hat (haben muss) – und dementsprechend häufig auf ihnen unterwegs ist, vorzugsweise auf Facebook – entschloss der 43-Jährige sich zum Jahresanfang zu einem ungewöhnlichen Schritt, indem er seinem "Facebook-Schwarm" am Morgen des 6. Dezembers per Post mitteilte: "In meiner persönlichen Jahresbilanz muss ich feststellen, dass Social Media und unerwünschter Content (Inhalte, die Red.) inzwischen zu einigen meiner größten Stressfaktoren geworden sind: Die Flut an Negativität und Empörung macht mir schlechte Laune, die meisten "Empfehlungen" (Artikel, Videos, Produkte, Seiten) sind für mich nicht relevant und rauben meine Zeit."

Alberts vorgezogener Frühjahrsputz unter den installierten Apps auf seinen Endgeräten fiel noch radikaler aus: Er hat Twitter, Xing, Snapchat, Instagram, den YouTube-Kanal, sämtliche Newsletter, alle News-Apps, die Facebook-App und die Mehrzahl der abonnierten Blogs und Newsseiten (RSS) gelöscht. Auf Facebook selbst entfernte er (fast) alle "gelikten" Seiten und Gruppen, "dazu auch einige der Dauerempörten", sagt er. "Diverse Newsseiten will ich grundsätzlich nicht mehr aufrufen. Keine Zeit mehr für Plunder aus dem 'Aufreger des Tages', vermischte Praktikantenlisten, zusammengeklaute Videos und irgendwo abgeschriebenem Promi-Unsinn ..." Sein Credo: "2016 wird ein Jahr der Prioritäten. Mehr Qualität, mehr Respekt für meine Zeit und die Menschen, die mir wichtig sind."

Attila Albert ist nicht allein. Vielleicht ist er ja so etwas wie ein Trendsetter, der die bemerkenswerten Ergebnisse einiger wissenschaftlicher Untersuchungen über die gesellschaftliche Bedeutung von Facebook und seiner Wirkung aufs reale Leben der User einfach beherzt in die Tat umsetzt. Wenn man nur einige Reaktionen seiner Facebook-Freunde liest (um dann unweigerlich noch tiefer ins Facebook-Universum abzuheben), entsteht rasch eine Vermutung: Facebook wird von einer zunehmenden Anzahl Nutzer inzwischen tatsächlich als Belastung empfunden, als Stressfaktor und sogar als regelrechtes Ärgernis. So postete Matthias Onken, ehemaliger "Bild-Redaktionsleiter in Hamburg, der vor fast genau zwei Jahren seinen freiwilligen Absprung von der Karriereleiter in seinem vielbeachteten Buch "Bis nichts mehr ging" (Rowohlt, Hamburg) protokollierte: "Facebook: viel zu selten Katalysator für substanziellen Erkenntnisgewinn, meist platt wie ne Flunder. Und zunehmend: Plattform für geistigen Problemmüll (...) Ein nachahmenswerter Schritt." Alberts Fb-Freundin Gil Eilin Jung schrieb: "Habe mir im Sommer zehn Tage Digital Diet verordnet – hat das gut getan. Abkoppeln ist genau das Richtige, weil die Social-Media-Ausmaße ins Hysterische gewachsen sind." Und "Hüpfburg Fräulein" kommentierte: "Stimmt. Trauriger Höhepunkt: der Schlamm aus Meinungen und 'Expertisen', der sich sekündlich zum Thema Köln-Hauptbahnhof auf allen Kanälen ergießt. Es ist so viel, dass man keine Lust mehr hat, es zu lesen."

VerdonnertIch werde mich für ein paar Tage bis 3 Wochen aus FB zurückziehen und mich meinen realen sozialen Netzwerken...

Posted by Dunja Hayali on Sonntag, 17. Januar 2016

Es ist so viel. Ist es vielleicht zu viel? Etwa ein Siebtel der Weltbevölkerung – rund eine Milliarde Menschen – sind zurzeit bei Facebook registriert, rund 63 Prozent dürfen jedoch getrost als Karteileichen bezeichnet werden. Bleiben noch 370 Millionen Nutzer (Unternehmer sowie private und öffentliche Institutionen wie zum Beispiel Interessengruppen, Vereine oder Parteien inbegriffen), die sich mehr oder weniger regelmäßig in diesem Netzwerk aufhalten. Neu ist, dass die älteren Generationen sich anschicken, den Wissensvorsprung ihrer Kinder- und Enkelkinder aufzuholen, und das ziemlich rasant: Seit 2013 verliere Facebook weltweit junge Menschen aus seiner Kernzielgruppe der 18- bis 35-Jährigen an andere Plattformen, während die Zahl der älteren Nutzergruppen in etwa dem gleichen Maß zunehme, lautet eine Erkenntnis des amerikanischen Internetanalysen-Blogs GlobalWebIndex. 82 bis 93 Prozent aller PC-, Tablet- und Smart­phonenutzer – weltweit, quer durch alle Altersgruppen – stünden danach auf irgendeine Weise mit mindestens einer sozialen Plattform in Kontakt, an allererster Stelle mit Facebook. Und ein weiterer Hinweis darauf, dass das Unternehmen im zwölften Jahr seines Bestehens längst fester und nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Mainstreams ist, dürfte die Zahl von inzwischen einer Million Websites von Unternehmen sein, die mit dieser sozialen Plattform fest verlinkt sind.

Man kann nur spekulieren, ob Mark Zuckerberg bereits im Jahr 2004 diese Vision besaß, als er Facebook mit dem (vermeintlich harmlosen) Ziel gründete, Freunde miteinander zu vernetzen – ungefähr nach dem Motto "Ich trinke gerade Ouzo, was machst denn du so?"

Heute umfasst und vermischt Facebook so gut wie alle Aspekte unseres privaten und beruflichen Lebens. Es beeinflusst die Produktivität und das Schlafverhalten. Und das ist, gerade wenn man das dramatische Jahr 2015 betrachtet, weder harmlos noch lustig:

Der vorherrschende Ton ist verdammt rau geworden und die Debattenkultur – sollte es denn überhaupt jemals eine solche gegeben haben – hat spürbar gelitten. "Es herrscht inzwischen ein Übermaß an schrillen Stimmen und Meinungen, die man im normalen Leben wohl niemals akzeptieren würde", sagt Attila Albert und spricht aus, was so manche User schon nach wenigen Sekunden empfinden, nachdem sie sich bei Facebook eingeloggt haben. Merkwürdigerweise aber bleiben sie dann zumeist doch vor dem Bildschirm hocken, anstatt wie im realen Leben vom Kneipentisch aufzustehen und zu gehen, damit es nicht in einer Schlägerei endet.

Das betrifft nicht einmal nur die derzeit aktuellen weltbewegenden Themen (zum Beispiel Islamismus, Antisemitismus, Flüchtlingsproblematik, Pegida-Bewegung), bei denen dumpfes Hyperventilieren von links wie von rechts, das Streuen von Falsch-Information und wahrhaftig-gemeinte Diskussionsbeiträge aufeinanderprallen. Aber wer kann angesichts des Content-Overkills überhaupt noch "richtige" von "falscher", das heißt auch von manipulativ eingesetzter, Information unterscheiden? Es ist hinlänglich bekannt, dass Foto- und Filmdokumente häufig nicht nur Fälschungen sind, sondern sogar perfide mehrfach unter gefälschten Orts- und Zeitangaben verbreitet werden, um etwa Kriegsgräuel zu dokumentieren: Staubige Trümmer, unter denen tote Kinder herausgezogen werden, sehen von Afghanistan bis Aleppo ziemlich gleich aus; es ist am Ende nur der Bildausschnitt, der den Unterschied macht.

Die verschleiernde Meinung, die wissentlich falsche Behauptung, ab­struse Verschwörungstheorien, Panikmache sowie das Herausposaunen des eigenen Befindens bis hin zur Peinlichkeit und darüber hinaus ("Statusmeldungen"), und sei dies alles noch so ungeheuerlich, albern, banal oder dümmlich, ist ungleich bedeutungsvoller geworden als die nackte, unbestreitbare, wissenschaftlich fundierte Tatsache. Diese fatale Entwicklung ist nach Ansicht vieler Internet-Kritiker jedoch nicht nur auf Facebook, sondern prinzipiell im gesamten Netz zu beobachten. Und sie schreite unaufhaltsam voran. Diese beinahe schon masochistisch anmutende Lust am Konsum oder der aktiven Teilnahme an verbalen Vernichtungsfeldzügen waren in jüngerer Vergangenheit auch auf lokaler, hamburgischer Ebene (Seilbahn, Olympia-Bewerbung) unüberhörbar. Und wenn es die Rettung von Tieren oder Veganismus, das Für und Wider von Schutzimpfungen, oder auch bloß das Nuscheln des "Tatort"-Kommissars Til Schweiger betraf, sowieso.

Mit der Maus über das Bild fahren

Es herrscht inzwischen ein Übermaß an schrillen Stimmen und Meinungen, die man im normalen Leben wohl niemals akzeptieren würde.


Attila Albert, Mediencoach

Aber Facebook ist wie der Mond. Es ist nun einmal da. Man kann es nicht ignorieren, denn Facebook begegnet uns überall. Im Gegensatz zum Erdtrabanten entwickelt es sich weiter; dank seiner "horizontalen Unternehmensstrategie", die das Netzwerk herstellerübergreifend und systemunabhängig auf allen Plattformen nutzbar machen soll. Doch der wahre Teufel – ohne Facebook jedoch verteufeln zu wollen oder zu können – steckt wahrscheinlich im Detail, und zwar in den eigentlich harmlos erscheinenden Veröffentlichungen von (möglichst) exotischen Urlaubsorten, Kindern, Katzen und Hundewelpen, geschmückten Weihnachtstannen, fantastischen Schnäppchen aus dem Konsumkosmos – oder dem Foto eines 1973er Chateaux Margeaux, hübsch drapiert zwischen ausgelutschten Hummerscheren, "den wir heute Abend lecker weggeschlabbert haben". Aber "gefällt" es denn den anderen wirklich, brühwarm zu erfahren, dass Freund X oder Freundin Y sich einen supergeilen Bordeaux für mehrere Hundert Euro zu den Krustentieren gegönnt hat? Für den New Yorker Unternehmensgründer Daniel Gulati hat die "wichtigste Kommunikations-Plattform der Zukunft" schon lange dunkle Schattenseiten: "Facebook und andere Social-Media-Seiten sind eine der Hauptursachen für Ängste im Beruf", schrieb er bereits vor drei Jahren in seinem Buch "Passion and Purpose": Stories from the Best and Brightest Young Business Leaders", besonders Facebook aber gehe noch einen Schritt weiter: "Es macht uns in der Tat unglücklich." Dabei berief er sich auf die zahlreichen Aussagen der Jungunternehmer, die er porträtiert hatte – doch er und etwaige Gleichgesinnte wurden damals noch zumeist milde belächelt. Schließlich stand diese Aussage gegen eine Untersuchung der Michigan State University aus dem Jahre 2007, deren Ergebnis lautete: "Nutzer von Online-Netzwerken sind zufriedener und glücklicher als Nicht-Nutzer, weil sie sozial engagierter sind."

Studie: Mehr Lebensfreude nach dem Rückzug aus den sozialen Medien

Aber die Welt dreht sich immer schneller, und das intensive (exzessive) Teilen von allgemeinen und persönlichen Informationen, Inhalten und Befindlichkeiten bedroht anscheinend nun wohl doch das Lebensglück, fördert stattdessen Neid und Unsicherheit und erzeugt im Extremfall sogar schwere Depressionen. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. Anett Cepela und Bertolt Meyer fanden heraus, dass in erster Linie die Persönlichkeit der Nutzer entscheidend dafür sei, ob Facebook als Bereicherung empfunden werde. Und dabei lägen – logisch – die Extrovertierten vorn. Wörtlich heißt es: "Die durchschnittliche Lebenszufriedenheit (...) unterscheidet sich leicht zugunsten der Nicht-Nutzer. Teilnehmer gänzlich ohne Facebook-Profil zeigen sich zufriedener als solche mit Profil. Zudem haben sie eine leicht höhere psychische Gesundheit und sind gewissenhafter als Facebook-Nutzer."

Das brandneue Happiness Research Institute in Kopenhagen, wo das Glück ernsthaft erforscht wird, hat erst vor wenigen Monaten mit einem weiteren Laborversuch mit 1095 repräsentativ ausgesuchten Nutzern ("The Facebook Experiment") die Ergebnisse der Züricher Studie untermauert und verfeinert: Nach nur einer Woche totaler Facebook-Abstinenz stellten die dänischen Wissenschaftler bei den Probanden aus der Gruppe der Enthaltsamen "eine signifikant höhere Lebensfreude, eine positivere Stimmungslage, eine verbesserte Konzentrationsfähigkeit sowie ein befriedigenderes soziales Leben" fest.

Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie intensiv er Facebook (oder andere soziale Netzwerke) nutzen will, vor allem auch, für was und was es bringt. Facebook – als Grundidee – hat schließlich viele Vorteile zu bieten; aber wohl auch nur dann, wenn man es in seelisch-verträglichen Dosen nutzt. Wie viel Netzfreundschaft verträgt also der Mensch?

Für eine ehrliche Beantwortung dieser Frage müssten Nutzer zunächst einmal bereit sein, in sich hineinzuhorchen und sich selbst und ihr Verhalten kritisch zu überprüfen, was jedoch leider häufig schwerfällt: Maik Söhler etwa, Redakteur bei der "Netzeitung" und Chef vom Dienst der Online-Ausgabe der "taz", schimpfte zwar bereits im November 2012 öffentlich: "Liked mich doch am Arsch! Empfohlene Beiträge, viele Filter, kaum Selbstbestimmung: Es ist an der Zeit, Facebook zu verlassen!" Darüber sollte man vielleicht tatsächlich mal nachdenken – Maik Söhlers Profil ist aber nach wie vor auf Facebook präsent.