17.01.13

"Operation Zucker"

Potenziell überfordernd, nicht nur für Teenager

Die Entscheidung der ARD, die Originalfassung des Krimis "Operation Zucker" ins Nachtprogramm zu verlagern, lässt sich kaum nachvollziehen.

Von Thomas André
Foto: Marcelo Hernandez
Schauspielerinnen Nadja Uhl und Senta Berger. Spielen die Hauptrollen in ARD-Drama "Operation Zucker". Fototermin im Holändischen Zimmer des Atlantic Hotels in Hamburg.
Senta Berger (rechts) spielte die Staatsanwältin Dorothee Lessing, Kollegin Nadja Uhl die Kriminalkommissarin Karin Wegemann

Die Bedrohung kommt aus dem Wald, der mächtige Bär, ein kreatürliches Ungetüm mit riesigen Tatzen. Irgendwo in Rumänien rennen jetzt zwei Kinder in ein Haus, und dann stehen sie am Fenster. Es ist ein ärmliches Haus, aber gegen Eindringlinge aus den Wäldern schützen die Wände.

Später taucht der Bär noch einmal auf in dem eindrucksvollen TV-Film "Operation Zucker", dann aber nur in den Träumen des kleinen Mädchens Fee. Das ist in dem Haus doch nicht sicher gewesen, denn die wahren Monster sind die Menschen. Fee wird nach Deutschland verkauft und dort Pädophilen zugeführt. Sie wird sexuell missbraucht und zu einem traumatisierten Opfer von Triebtätern. In ihren Albträumen ist es der Bär, der sie rettet.

In der Wirklichkeit sind es mit Karin Wegemann und Uwe Hansen zwei Mitarbeiter des Landeskriminalamts, die die Zehnjährige retten wollen. Das LKA setzt dabei auf die Mitarbeit eines Insiders, der aussteigen will, und die Staatsanwältin Dorothee Lessing. Die ist von dem Fall in persönlichem Maße betroffen. Richter Hans Neidhart, ein Freund der Juristin, ist ein Kunde der Kinderhändler. Kein Zufall: Es sind die obersten Kreise, die in das schmutzige Geschäft verwickelt sind. Unternehmer und Politiker, die ihre sexuellen Wünsche in einem clubartigen Etablissement, einem Hotelzimmer oder einem Waisenheim, das sie mit üppigen Spenden unterstützen, befriedigen. Ehrbare Bürger mit schmutzigem Doppelleben, die verschleppte Kinder zwingen, sich zu prostituieren.

Die Produzentin Gabriela Sperl und der Regisseur Rainer Kaufmann behandeln in "Operation Zucker" ein schwieriges Thema. "Eine Gesellschaft, die ihre Kinder frisst, ist am Ende", sagt der skrupellose Richter einmal zur Staatsanwältin, als die ihm schon längst auf den Spuren ist. Der Film ist Fiktion und lehnt sich doch an die Realität an: Laut der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa beträgt die Zahl aller gehandelten Menschen zwischen Ost- und Westeuropa 200.000 im Jahr. Mindestens genauso hoch ist laut Schätzungen die Zahl der Pädophilen in Deutschland. Kindesmissbrauch ist gefühlt omnipräsent und doch ein Tabuthema - und im Fernsehen eine anspruchsvolle Angelegenheit. Die ARD-Produktion ist beinah mustergültig.

Und die Bildsprache überzeugend. Auf die karge Winterlandschaft in Rumänien, aus der das Mädchen gerissen wird, folgt das klirrend kalte Berlin, in dem sie den Verbrechen des heuchlerischen Westens ausgeliefert ist. Wenn die Beteiligten in der Nahrungskette weit oben stehen, wird eine LKA-Aktion gegen die Täter schon mal kurzfristig abgesagt. So müssen die glaubwürdig gezeichneten Polizisten und die Staatsanwältin auf eigenes Risiko versuchen, die Kinder zu retten und die Verbrecher hinter Gitter zu bringen. Sie setzen dabei ihre Karrieren aufs Spiel.

"Operation Zucker" ist auch deswegen ein guter Film, weil Nadja Uhl in der Rolle der engagierten Kriminalbeamtin genauso glänzt wie Senta Berger als zunächst abweisende, dann wagemutige Staatsanwältin. Gesprochen wird wenig, gemessen an anderen Filmen. Dem Mädchen Fee, verkörpert von Paraschiva Dragus (ihre Leistung ist ebenso beeindruckend wie die von Adrian Ernst, der den kleinen Bran spielt), nimmt der Seelenraub die Worte, und es ist erschütternd, sie im roten Kleidchen auf dem Bett ausgestreckt liegen zu sehen, bevor der Kindesmissbraucher zur Tat schreitet. Es ist beklemmend, wenn man als Zuschauer mit ihr Zeuge der eigenen Auktion wird, auf der die gekidnappten Kinder versteigert werden. Einer der beim Syndikat beschäftigten Fahrer, der die Kinder anschließend in den Westen bringt, muss sich während der Fahrt übergeben. Es ist alles ganz ekelhaft.

Die Realität lässt sich nicht schönfärben. Anders als in Rainer Kaufmanns Film bleiben die meisten Kinder, die in Umschlagplätzen wie Berlin den Eingeweihten auf Spielplätzen und in Supermärkten angeboten werden, in der Gewalt ihrer Schänder. "Operation Zucker", der sich in Drehbuch und Ästhetik an hyperrealistischen Krimiserien wie "The Wire" orientiert, verzichtet auf ein Happy End. Das wiederum war der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) zu grausam. Sie empfahl bei einer Anhörung in letzter Minute, den Film nur für ein Publikum freizugeben, das älter als 16 Jahre ist.

Das "hoffnungslose Ende der Geschichte von Fee" in der Originalfassung könne junge Zuschauer mit zwölf oder 13 überfordern, heißt es in einer Pressemitteilung. In der ARD lief "Operation Zucker" deshalb in einer etwas gekürzten Fassung um 20.15 Uhr, die Originalfassung sendete das Erste um 0.20 Uhr. Eine Entscheidung, die sich kaum nachvollziehen lässt - das gesamte Thema ist nun mal deprimierend und potenziell überfordernd, nicht nur für Teenager.

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