15.01.13

Sprachkritik

Kachelmann-Aussage wird Unwort des Jahres 2012

Jury entscheidet sich für den Begriff "Opfer-Abo" - Sprachwissenschaftler überrascht über die Wahl, Alice Schwarzer gratuliert.

Von Hanna Jochum
Foto: dpa
Wettermoderator Jörg Kachelmann im Gerichtssaal in Mannheim.
Wettermoderator Jörg Kachelmann im Gerichtssaal in Mannheim.

Darmstadt. Der juristische Feldzug von Wettermoderator Jörg Kachelmann gegen seine Ex-Geliebte ist gut anderthalb Jahre nach dem Freispruch vom Vorwurf der Vergewaltigung noch nicht beendet. Auf anderem Gebiet hat der 54-Jährige am Dienstag einen zweifelhaften Erfolg erzielt: Der von ihm geprägte Begriff "Opfer-Abo" ist von der sprachkritischen Jury in Darmstadt zum Unwort des Jahres 2012 gewählt worden.

Der frühere Wettermoderator der ARD hatte in Interviews wiederholt davon gesprochen, dass Frauen seiner Meinung nach in der Gesellschaft ein "Opfer-Abo" besitzen. Damit setzten sie ihre Interessen in Form von Falschbeschuldigungen, etwa Vergewaltigungen, gegenüber Männern durch. Die hauptsächlich aus Sprachwissenschaftlern bestehende Jury kam zu dem Schluss, der Begriff stelle Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein.

"Wir wollen keine Stellungnahme zu dem Fall abgeben. Aber dass jemand seine Prominenz ausnutzt, um ein solches Wort bewusst zu lancieren, ist nicht in Ordnung", argumentierte Jury-Sprecherin Nina Janich. Das Wort verstoße gegen die Menschenwürde der tatsächlichen Opfer.

Alice Schwarzer hat der "Unwort des Jahres"-Jury zu der Wahl gratuliert. Die Jury habe damit "ein bedeutendes Zeichen dafür gesetzt, dass die Verunglimpfung und Einschüchterung der Opfer sexueller Gewalt nicht so einfach durchgeht". Auf der Website ihrer Zeitschrift "Emma" sprach Schwarzer am Dienstag von einer "bemerkenswert engagierten Begründung" der Jury.

Derweil reagierte der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) überrascht auf die Wahl. Der Begriff "Opfer-Abo" habe bei ihm zunächst nichts "klingeln" lassen, sagte Ludwig Eichinger. Erst nach dem Lesen der Jury-Begründung verstehe er, was mit der Abstimmung kritisiert werde. "Es ist zweifellos ein sehr unfreundliches Wort", sagte Eichinger. Da der Begriff des Opfers ohnehin schon vielfach als Schimpfwort genutzt werde, sei dies umso mehr der Fall. Dennoch wäre es ihm lieber gewesen, die Jury hätte sich auf ein bekannteres und für das zurückliegende Jahr prägenderes Wort geeinigt, merkte der Sprachprofessor kritisch an.

Jury-Sprecherin Janich hingegen erläuterte, nicht die Häufigkeit der Nennung eines Worts sei ausschlaggebend. So sei "Opfer-Abo" nur einmal vorgeschlagen worden, "Schlecker-Frauen" 163 Mal. Die zentralen Unwort-Kriterien seien inhaltlicher Natur – etwa dass eine Bezeichnung gegen die Menschenwürde verstoße, Gruppen diffamiere oder einen Sachverhalt verschleiere, erläuterte die 43-jährige Linguistin. 2012 gingen bei der Aktion insgesamt 2.241 Einsendungen mit 1.019 verschiedenen Vorschlägen ein.

Im Vorjahr war der in Zusammenhang mit der neonazistischen Mordserie verwendete Begriff "Döner-Morde" zum Unwort gekürt worden. Es war seinerzeit auch am häufigsten vorgeschlagen worden.

Vor "Lebensleistungsrente" landete "Pleite-Griechen" auf Platz Zwei der Unwörter. Die im Kontext der Euro-Stabilitätsdebatte geprägte Formulierung diffamiere ein ganzes Volk und damit auch einen Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung in unangemessener Weise, kritisierten die Sprachexperten. Bereits bei der Wahl zum Wort des Jahres 2012 im Dezember hatte sich die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) für den Begriff "Rettungsroutine" als Sieger entschieden. Damals hatte sich die seit 1994 unabhängige Unwort-Jury irritiert über die wenig prägnante Bezeichnung gezeigt.

Auf den dritten Platz bei der Wahl des Unworts für das Jahr 2012 schaffte es die Formulierung "Lebensleistungsrente". Die Bezeichnung sei sachlich unangemessen, weil mit ihr die "Lebensleistung" von Menschen auf die für diese Rente vorgegebenen Bedingungen reduziert werde. Darüber hinaus sei der Begriff auch zynisch gegenüber denjenigen, die nicht in der Lage seien, eine solche "Lebensleistung" aus familiären oder gesundheitlichen Gründen zu erbringen, sagte Janich.

(dapd/dpa)
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