04.01.13

Antisemitismus-Debatte

US-Rabbi: "Wir geben Jakob Augstein keinen Freibrief"

Abraham Cooper vom Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles bekräftigt den Antisemitismus-Vorwurf gegen den Herausgeber des "Freitag".

Foto: dpa
Jakob Augstein
Der Journalist und Verleger Jakob Augstein wurde auf einer Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums auf Platz neun der weltweit schlimmsten Antisemiten gesetzt

Berlin/Los Angeles. Die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation Simon-Wiesenthal-Zentrum hat am Donnerstag Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Journalisten und Verleger Jakob Augstein bekräftigt. "Nur weil er ein Journalist ist, geben wir Herrn Augstein keinen Freibrief, zu sagen, was er will und sich dann hinter journalistischer Integrität zu verstecken. Seine Aussage hat keine Richtigkeit, es gibt keine Basis dafür", sagte Rabbi Abraham Cooper vom Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles.

Die Organisation, die sich mit dem Holocaust, Rassismus und Antisemitismus auseinandersetzt, hatte den Herausgeber der linken Wochenzeitung "Freitag" wegen Israel-kritischer Äußerungen auf einer Rangliste der zehn schlimmsten Antisemiten der Welt auf Platz neun gesetzt. Als Beleg für die Aufnahme Augsteins listet die nach dem Holocaust-Überlebenden und Nazi-Jäger Simon Wiesenthal benannte Organisation mehrere Kolumnen Augsteins auf "Spiegel Online" auf, darunter eine Äußerung, in der der Journalist eine Gruppe von ultraorthodoxen Juden in Israel, die zehn Prozent der Bevölkerung ausmachten, mit islamischen Fundamentalisten vergleicht.

"Wenn man das Bild von islamischen Extremisten heraufbeschwört, deren wesentlicher Beitrag zur Welt aus Selbstmordbombenanschlägen, Extremismus und Hass besteht, und dann eine gesamte religiöse Gemeinschaft nimmt und sie so stereotypisiert, dann hat das nichts mehr mit Journalismus zu tun. Damit wird eine Grenze überschritten", sagte Cooper.

Politiker und DJV nehmen Augstein in Schutz

Politiker von CDU und Linken haben Augstein gegen die Antisemitismus-Vorwürfe in Schutz genommen. So kritisierten die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner und Linksfraktionschef Gregor Gysi Aufnahme Augsteins in die Liste.

Klöckner sagte, wenn jemand in einer freien Gesellschaft Regierungen kritisiere, sei das sein gutes Recht. "Wenn man daraus Antisemitismus ableitet, dann ist das sehr gewagt." Ähnlich äußerte sich Gysi. Augstein sei ein herausragender kritischer Journalist, der teils berechtigte, teils unberechtigte Kritik an der Politik der israelischen Regierung übe. "Deshalb aus ihm einen Antisemiten schmieden zu wollen, geht völlig fehl und unterstützt den schleichenden Antisemitismus."

Auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) stellte sich vor den Publizisten. Für solche Vorwürfe böten die bisher erschienenen Artikel keinen Anlass, sagte Verbandssprecher Hendrik Zörner am Donnerstag in Berlin.

Der Sohn des "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein zollte dem Wiesenthal-Zentrum, das sich vor allem dem Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus verschrieben hat, zwar seinen Respekt, fügte aber hinzu: "Umso betrüblicher ist es, wenn dieser Kampf geschwächt wird. Das ist zwangsläufig der Fall, wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird."

Cooper: Diskussion ist ein Pluspunkt

"Die Tatsache, dass es nun in Deutschland eine Debatte und eine Diskussion um diese Sache gibt, sehe ich als Pluspunkt", teilte Cooper mit. Das Wiesenthal-Zentrum berief sich in seiner Einschätzung auch auf den Publizisten Henryk M. Broder, der Augstein unter anderem als "kleinen Streicher" bezeichnet habe. Julius Streicher, Gauleiter in Franken, gilt als einer der schlimmsten Propagandisten der NS-Zeit.

In den inkriminierten Passagen seiner Kolumnen übt Augstein, Sohn des "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein, scharfe Kritik an der israelischen Regierung und ihrer Haltung im Gaza-Konflikt. Zudem verweist er darauf, dass auch in der israelischen Gesellschaft Fundamentalisten über nicht geringen Einfluss verfügten. DJV-Sprecher Zörner sagte, die vom Wiesenthal-Zentrum angeführten Belege seien nicht stichhaltig und könnten die schweren Vorwürfe nicht belegen. Augstein hatte zuvor erklärt, das Zentrum schwäche sich selbst, wenn es kritischen Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiere.

Ahmadinedschad auf Rang zwei der Liste

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum bezeichnet sich als weltweite jüdische Menschenrechtsorganisation mit Büros in den USA, Lateinamerika, Paris und Jerusalem. Benannt ist es nach dem als "Nazi-Jäger" bekannten österreichischen Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal (1908-2005). Das von dem Publizisten in Wien gegründete Dokumentationszentrum zu Tätern und Verbrechen der NS-Zeit heißt heute Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien.

Auf den ersten Platz seiner jährlich herausgegebenen Liste der zehn schlimmsten antisemitischen und antiisraelischen Beschimpfungen setzte das Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles die ägyptischen Muslimbrüder Mohammed Badie und Futouh Abd Al-Nabi Mansour. Der iranische Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad folgt auf dem zweiten Platz, Augstein findet sich auf Platz neun.

(dpa/epd)
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