03.01.13

Arabischer Medienkonzern

Al-Dschasira nimmt Kurs auf USA – Experten skeptisch

Seit Jahren versucht Al-Dschasira, auf dem US-Markt Fuß zu fassen - ohne Erfolg. Jetzt startet der Konzern einen neuen Anlauf.

Von Anne-Béatrice Clasmann und Christina Horsten
Foto: dpa
Al-Dschasira
Journalisten arbeiten in Doha, der Hauptstadt von Katar, in einem Newsroom des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira. Der arabische Medienkonzern Al-Dschasira hat den linksliberalen US-Fernsehsender Current TV übernommen. Der neue Sender Al-Dschasira America wird seinen Sitz in New York haben

Doha/New York. Al-Dschasira ist für viele Amerikaner nicht einfach irgendein Fernsehsender. "Es gibt hier immer noch Menschen, die sich weigern, den Sender zu sehen, und die ihn für ein Terroristen-Netzwerk halten", sagte Philip Seib, der ein Buch über den arabischen Medienkonzern geschrieben hat, der "New York Times". Propaganda direkt aus den Hauptquartieren der Achse des Bösen und eine Abspielplattform für Terroristen-Videos vermuten viele Amerikaner hinter dem goldenen Logo aus ineinander verschlungenen arabischen Schriftzeichen. Die Vorurteile sitzen tief.

Doch trotzdem oder auch gerade deswegen strebt der vom Golfemirat Katar finanzierte Sender seit Jahren auf den lukrativen und prestigeträchtigen US-Fernsehmarkt, um den sich auch viele andere Sender reißen – und hat jetzt endgültig einen Fuß in der Tür: Al-Dschasira werde den linksliberalen US-Kabelsender Current TV übernehmen, teilte der Medienkonzern am Mittwoch (Ortszeit) mit.

Details zu den Finanzen wurden nicht genannt, aber US-Medien schätzen den Deal auf etwa 500 Millionen Dollar (rund 380 Millionen Euro). Konnten bislang ungefähr fünf Millionen Haushalte hauptsächlich in Ballungszentren etwa um New York und Washington herum das englische Programm von Al-Dschasira empfangen, sind es nun mit einem Schlag etwa 40 bis 50 Millionen. Schon im Frühjahr könnten die leicht verwackelten weißen Buchstaben des Current-TV-Logos vom Bildschirm verschwinden und stattdessen Al-Dschasira America zu sehen sein.

Aber schon deuten sich Startschwierigkeiten für den frisch aus der Taufe gehobenen Sender an: Time Warner Cable hat bereits angekündigt, Current TV sofort aus seinem Kabelnetz herauszunehmen – der Eigentümer-Wechsel macht es möglich. Zehn Millionen potenzielle Zuschauer gingen damit verloren.

Und der Deal fällt in eine Zeit, in der Al-Dschasira immer stärker in die Kritik gerät. Ehemalige Mitarbeiter sagen, Beiträge, die nicht der außenpolitischen Linie Katars folgen, würden in den Sendern des Medienkonzerns nicht gesendet. Dies sei vor allem bei der Berichterstattung über die jüngsten Ereignisse in Ägypten und Syrien deutlich geworden. Der ägyptische Comedian Bassem Jussif, der wegen seiner Kritik an den mit Katar verbündeten Muslimbrüdern demnächst vor Gericht erscheinen soll, bezeichnete Al-Dschasira kürzlich in seiner TV-Show "Al-Barnameg" als Propagandasender der Islamisten.

Medienexperten sind zudem skeptisch, ob Current TV wirklich die geeignete Startposition bietet. Mit großen Vorsätzen hatten der frühere US-Vizepräsident Al Gore und der Geschäftsmann Joel Hyatt den linksliberalen Sender 2005 gegründet. Nachdem zuerst nur Zuschauer-Videos und Dokumentationen gezeigt wurden, begannen die Verantwortlichen einen Nachrichtensender aufzuziehen, mit – laut Eigendarstellung – "dem Allerbesten an politischen Kommentaren, News-Analysen und Programmen mit Denkanstößen".

Aber Gore schaffte es in den vergangenen acht Jahren nie, seinen Sender wirklich relevant zu machen. Zuletzt schauten durchschnittlich etwa 42 000 Menschen die Programme des Senders – in einem Land mit mehr als 300 Millionen Einwohnern. Jetzt ist das Abenteuer Fernsehen für Gore vorbei, auch wenn er wohl weiterhin im Aufsichtsrat bleiben wird. "Wir sind stolz und zufrieden, dass Al-Dschasira, der preisgekrönte internationale Medienkonzern, Current TV gekauft hat", ließen Gore und Hyatt wissen.

Die Entscheidung von Al-Dschasira, das mit mehr als 100 Büros weltweit und einer geschätzten Reichweite von bis zu 250 Millionen Haushalten in 130 Ländern zu den größten internationalen Medienkonzernen gehört, war bei weitem nicht nur eine finanzielle. "Es ist Teil eines politischen Projekts des Staates Katar", sagte der Direktor des ägyptischen Staats-Wissenschaftszentrums "Ahram Center for Political and Strategic Studies", Gamal Abdel Gawad Soltan. "Al-Dschasira ist in jüngster Zeit auch immer mehr ein Projekt, um Katars Interessen zu unterstützen, zum Beispiel internationale Anerkennung."

Aber der 1996 vom Emir von Katar gegründete TV-Sender werde es in den USA äußerst schwer haben, glauben Medienexperten. Al-Dschasira müsse sich mit Qualitätsnachrichten gegen die Vorurteile durchsetzen, sagt Sachbuchautor Seib und auch die TV-Beraterin Cathy Rasenberger sieht in der "New York Times" nur eine kleine Chance für den Sender. "Es gibt ein großes Loch, das Al-Dschasira füllen kann und zwar das einer internationalen Perspektive auf Inlandsnachrichten", sagte Rasenberger. "An internationalen Nachrichten gibt es in den USA allerdings nur ein sehr limitiertes Interesse."

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