TV-Kritik
Kachelmann bei Jauch: Nur Verlierer
Die Diskussionsrunde mit dem ehemaligen Wettermoderator bleibt wenig aufschlussreich - zu viel Emotion, zu wenig Sachlichkeit.
Um "Schuld und Unschuld, um Vorverurteilung und Gerechtigkeit" sollte es am Sonntag bei "Günther Jauch" gehen. So moderiert er seine Talkshow an, zu der er neben Jörg Kachelmann und seiner Frau Miriam auch den ehemaligen Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts Winfried Hassemer, den ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) und den Journalisten Hans-Hermann Tiedje eingeladen hat.
Und um diese Themen geht es am Sonntagabend auch tatsächlich: allerdings nicht so, dass irgendein Teilnehmer der Diskussionsrunde oder gar der Zuschauer davon einen Vorteil gehabt hätte. Das Ehepaar Kachelmann versucht sich an einer Doppelrolle, die es nicht ausfüllen kann. Als Verteidiger des eigenen, nachhaltig zerstörten Rufes und darüber hinaus als Streiter für die "Vielzahl" weiterer unschuldig Angeklagter wollen sie auftreten, darüber hinaus werden sie nicht müde, auf ihr frisch erschienenes Buch hinzuweisen. Doch die Übertragung der sehr speziellen Gemengelage des Falles Kachelmann auf das gesamte deutsche Rechtssystem muss scheitern. Das moniert auch Gerhart Baum: "Sie können nicht sagen 'Die deutschen Gerichte folgen generell Falschbeschuldigungen.'" Und auch Hassemer zieht nachdrücklich in Zweifel, dass die von Kachelmann vorgenommenen Verallgemeinerungen zulässig seien.
Die zweifelhafte Theorie der Kachelmanns, es handele sich bei falschen Beschuldigungen wegen Vergewaltigungen um ein "Massenphänomen", stößt fast genauso bitter auf wie die insgesamt aufgeheizte Stimmung. Tiedje bezeichnet Kachelmann als "Wetterfuzzi", Kachelmann kontert mit "Gevatter Tiedje", spricht dazu vom "erbärmlichen Mannheimer Gericht". Dazwischen sitzt ein sichtlich überforderter Günther Jauch, dessen Redaktion augenscheinlich nicht so gut vorbereitet war, wie es bei diesem hochsensiblen Thema wünschenswert gewesen wäre. Zum Einspieler, der eine weitere Einstweilige Verfügung gegen die Kachelmanns von seiten der Nebenklägerin ankündigt, wird der falsche Anwalt gezeigt. Und Tiedje darf - ohne, dass ihn jemand außer den Kachelmanns korrigiert - den Fall Andreas Türck als Vergleich zurate ziehen. Der sei nicht nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" (Im Zweifel für den Angeklagten) freigesprochen worden, sondern weil seine Unschuld zweifelsfrei erwiesen gewesen sei. Doch tatsächlich wurde auch Türck freigesprochen, weil die Beweise für eine Verurteilung nicht ausgereicht haben.
Darüber hinaus trennt Jauch zu wenig zwischen der tatsächlichen Anklage und dem Privatleben Kachelmanns, zwischen dem Vorwurf der Vergewaltigung und der Tatsache, dass Kachelmann seine ehemaligen Beziehungen mit großer Regelmäßigkeit belogen hat. Tiedje darf auf die Formel verkürzen, dass Kachelmanns Leben "Haufen von Lügen gegenüber soundsovielen Frauen" gewesen sei und man dementsprechend auch den Verdacht äußern dürfe, dass er im Prozess gelogen hätte. Doch dieser Schluss ist ebenso unzulässig wie unschön. Moralisch zweifelhaftes Verhalten macht aus einem Menschen noch keinen Vergewaltiger.
Es ist kein schönes Stück Fernsehen, das sich da über eine Stunde hinweg entspinnt. Auf beiden Seiten herrscht die Emotion über die Sachlichkeit, am Ende bleibt der Zuschauer ebenso desorientiert wie ärgerlich zurück. Nicht nur im Prozess, auch in dieser Sendung gibt es keinen Gewinner.















