Theater

Anne Müller geht gern ihren eigenen Weg

Foto: Roland Magunia

Als Iphigenie in beeindruckte Müller am Schauspielhaus in "Die Rasenden". Ab Sonnabend steht sie dort in "Carmen Disruption" auf der Bühne, diesmal als Studentin, die eine Skype-Beziehung führt.

Hamburg Die Szene hat sich als eine der bislang stärksten der neuen Schauspielhausära in das Gedächtnis der Zuschauer eingebrannt. Mit linkischen Bewegungen wendet sich Anne Müller als Iphigenie in Karin Beiers Eröffnungspremiere "Die Rasenden" am Schauspielhaus gegen den Vater Agamemnon. Soeben hat er ihr eröffnet, dass sie gemäß dem Götterwillen geopfert werden soll.

Die Verzweiflung, die sich in den fuchtelnden Armen offenbart, und das scheinbar Fahrige der Sprache irritieren zunächst. Und dann auf einmal spannt sich der Körper. Macht sich gerade. Die Konsequenz, mit der Iphigenie die Rolle des Opfers plötzlich aktiv annimmt, lässt sprachlos zurück. "Gestentheater" nennen Kritiker das Spiel der Anne Müller. Etwas Zerbrechliches geht von der Schauspielerin aus, wie sie mit dieser fast durchsichtig hellen Haut, dem weißblonden Haar in der Kantine sitzt. Die vorwitzig funkelnden Augen und das lindgrüne Shirt mit Comicaufdruck künden von ihrer kämpferischen Jugend.

"Der Start war ein großes Geschenk. Eine dankbare Inszenierung. Es war so leicht wie selten etwas in meinem Leben", sagt Anne Müller. "Wir kamen von verschiedenen Seiten, und es entstand etwas Drittes. Fast wie durch Zauberei." In der Iphigenie hat sie den Teenager gesehen, der um die Zuneigung der Eltern kämpft. "Ich wollte es schaffen, mich bewusst und freiwillig für den Tod zu entscheiden. Fast wie eine Selbstmordattentäterin. Dafür muss man viele kleine Hebel umlegen."

Seit sie vom Berliner Maxim Gorki Theater ans Schauspielhaus ging, arbeitet die 32-Jährige ohne Pause. Unmöglich, das Talent dabei zu übersehen. In Sebastian Baumgartens Wagner-Adaption "Die Ballade vom fliegenden Holländer" war sie eine rotzig-verletzliche Senta, die die untote Wasserleiche auf ihrer Reise begleitet. Derzeit erarbeitet Anne Müller die dritte Premiere im großen Haus in dieser Spielzeit. "Carmen Disruption", der neue Wurf des britischen Dramatikers Simon Stephens ("Pornographie"), hat seine Uraufführung am kommenden Sonnabend. Sebastian Nübling inszeniert.

Müller spielt Micaela, eine junge Studentin, die mit einem älteren Mann eine Beziehung ausschließlich über Skype führt. Und an dem uneingelösten Bedürfnis nach echter Nähe scheitert. Eine Figur, wie sie Anne Müller häufiger zufällt. Eine Frau, "die nicht so richtig da reinpasst, ein wenig sensibler ist oder querköpfiger tickt". Iphigenie und Senta waren solche Frauengestalten. Auch Micaela hat Mühe, einen Platz zu finden in der Welt. Eigentlich dachte auch Anne Müller immer, sie würde alles genau so machen wie alle anderen. Doch schon der 15-Jährigen sagte die Mutter, sie finde es toll, wie sie ihren eigenen Weg gehe. Das tat die Tochter eines Lehrerpaares dann ziemlich konsequent. Nach dem Besuch einer Puppentheateraufführung stand für die in im sächsischen Rochlitz geborene Müller fest: "Ich muss das machen".

Eine Handvoll Vorsprechen später landete sie an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Glänzte in ersten Aufführungen. Von 2005 bis 2009 zählte sie zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt unter Elisabeth Schweeger. Von dort holte sie Armin Petras an sein Maxim Gorki Theater. Als "Gertrud" in seiner Einar-Schleef-Inszenierung wurde sie 2008 in der Kritikerumfrage von "Theater heute" zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewählt.

Mit Petras sei es nie langweilig gewesen. Oder mit Regisseur Jan Bosse. "Ja, mein Gott, ich habe so viel Glück gehabt. Es ist so schön. Jeder Regisseur hat seine eigene Fantasie und seine Mittel", sagt Anne Müller. "Es geht darum, zu entschlüsseln, was er mit der Inszenierung will, aber auch eine Art Medium zu sein." Sie hätte auch mit Petras nach Stuttgart gehen können, entschied sich aber für das Unbekannte. Für Hamburg, an dem die Frühaufsteherin das Licht und die gute Luft liebt und viel mit dem Fahrrad unterwegs ist. In Berlin hält sie eine Zweitwohnung für Film- und Fernsehdrehs, für die sie derzeit aber gar keine Zeit findet. Immerhin, für eine "Großstadtrevier"-Folge hat sie schon Jan Fedder die Hand geschüttelt. Besser kann man in Hamburg kaum ankommen.

Über die laufenden Proben sagt sie "Wir suchen noch." Müller bietet gerne viel an, schätzt es aber auch, vom Regisseur geführt zu werden. "Ich habe schon eigenartige Lösungsansätze. Manchmal ist eine sehr spezielle Sprache in mir drin, eine ganz untypische Logik. Das ist einfach mein Verständnis von der Welt." Keine ganz einfache Aufgabe in "Carmen Disruption", das auf der Folie des Personals der Bizet-Oper "Carmen" von einsamen Menschen in einer von neuen Medien geprägten Welt erzählt. Ein junger Mann, der seinen Körper verkauft, eine Taxifahrerin, die Sehnsucht nach ihrem Sohn hat, ein Geschäftsmann mit Problemen, eine Opernsängerin mit typischem Nomadenleben und eben Micaela. "Je kommunikativer die Medien werden, desto vereinzelter werden die Menschen." Das Stück hat einen stark monologischen Charakter. Es gibt kaum Interaktion, was Müller immer ein bisschen eigenartig auf einer Bühne findet. "Stephens ist ein toller Autor, aber er ist nicht der, der im Text klärt, warum sich etwas entwickelt", sagt Müller. Eigentlich gehe es in dem Stück darum, sich ehrlich seiner eigenen Erinnerung zu versichern.

In Gedanken ist Anne Müller manchmal schon bei der nächsten Arbeit, "Die Neger", einer Koproduktion mit den Wiener Festwochen und den Münchner Kammerspielen, die im Juni Premiere hat. Doch manchmal habe sie Angst, bei dem aktuellen Arbeitstempo zu verbrennen. Aber bis dahin ist es bei ihrer Energie noch ein weiter Weg.

"Carmen Disruption" Uraufführung Sa 15.3., 20.00, Schauspielhaus (U/S Hbf.), Kirchenallee 39, T. 24 87 10; www.schauspielhaus.de

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