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Warum der "Mikado"-Mann seinen Namen geändert hat

Radio anno 2016: Jörgpeter von Clarenau (59), einst auch unter dem Nachnamen Ahlers zu hören, im „Mikado“- Produktionsstudio

Foto: Michael Arning

Radio anno 2016: Jörgpeter von Clarenau (59), einst auch unter dem Nachnamen Ahlers zu hören, im „Mikado“- Produktionsstudio

Seit fast drei Jahrzehnten verantwortet Jörgpeter von Clarenau im NDR Hörfunk das Kinderprogramm – ab Sonntag wieder mit neuen Ideen.

Hamburg.  Neugier? Ja! Lampenfieber? Nein! Und Angst? Die hat Jörgpeter von Clarenau nach eigenem Bekunden nur "vor Leuten, die anderen nicht zuhören können". Gute, ja notwendige Voraussetzungen für einen Hörfunkmann sind das. Von Clarenau ist ein echtes Kind des Hörfunks. "Wie höre ich auf?", lautete der Titel einer Schulfunksendung des NDR, bei der er zum ersten Mal vor dem Mikrofon saß – im Alter von neun Jahren.

Jetzt sitzt Jörgpeter von Clarenau, etwas älteren Radiohörern womöglich noch unter seinem Nachnamen Ahlers als Moderator des "Clubs" und von "NDR2 am Vormittag" aus den 8oer-Jahren ein Begriff, in einem Produktionsstudio im ersten Stock von Haus 13 auf dem NDR-Gelände in Harvestehude und hat so einiges zu erzählen.

Wie aus Ahlers von Clarenau wurde

Trotz seiner 59 Jahre klingt seine Stimme, sowohl im Radio als auch beim Gespräch, noch immer erstaunlich jung. Und jung geblieben ist von Clarenau, der nach der Geburt seines zweiten Kindes Lea vor sieben Jahren den Namen annahm, der in seinem Pass steht (als Ahlers hatte er auf NDR2 begonnen), vor allem dank seiner Arbeit. Seit 1989 bereits verantwortet er das Kinderprogramm im NDR Hörfunk, bekannt unter dem Titel "Mikado". "Diese Verweildauer hat ja schon was Tragisches", zitiert von Clarenau verschmitzt-lächelnd den Radioveteran Henning Venske. Der heute vor allem als Kabarettist bekannte Venske und der legendäre, 2010 gestorbene NDR-Brumm-Bass Gerlach Fiedler (die erste Krümelmonster-Stimme der deutschen "Sesamstraße") haben den jungen Jörgpeter als Regisseure im Schulfunk geprägt.

Die ARD-Radionächte hat er 2004 initiiert

Von Clarenau ist alles andere als ein Vertreter der im formatierten Erwachsenen-Radio heute scheinbar unvermeidlichen Häppchenkultur. Der 1,95-Meter-Mann holt ein buntes, kürbisgroßes Weltraumobjekt von einem Büroschrank – es ähnelt einer großen Pflanze. Er habe es mal von Kindern anlässlich einer ARD-Radionacht für Kinder zugeschickt bekommen. "Das sagt einiges über die Begeisterungsfähigkeit der Kids", meint von Clarenau. Die Radionächte hat er 2004 initiiert. Der NDR hat die Idee exportiert und ein deutschlandweites Event daraus gemacht.

Der große Planet aus Pappe ist der sichtbarste Teil der Hörerpost, von der von Clarenau und seine "Bonsai-Redaktion", wie er das Kinderradio im NDR scherzhaft nennt, reichlich bekommen.

Ist er etwa der Peter Lustig des Hörfunks, ein Sachen-Erklärer wie der Ex-Moderator vom ZDF-"Löwenzahn"? "Zu viel der Ehre", entgegnet von Clarenau. "Aber Peter Lustig ist schon so etwas wie ein Vorbild, weil er Kindern so angenehm robust begegnet ist. Ohne diesen grässlichen Verzückungston, den Moderatoren in Interviews mit Kindern oft anschlagen."

Er freut sich, dass die "Mikado"-Moderatoren Jessica Schlage und Tim Berendonk den Kindern "auf Augenhöhe begegnen", etwa in der "Mitredezeit", die meist an jedem ersten Sonntag des Monats Kinder ab 8.05 Uhr zum Live-Talk per Telefon einlädt. An diesem Sonntag (28.8.) nun gibt es bei "Mikado am Morgen" alles über Skateboarding zu hören mit jungen Studiogästen und Reportagen aus einem Skatepark.

Hörspiele liegen ihm besonders am Herzen

"Die folgende Sendung ist für Erwachsene mit schwachen Nerven nicht geeignet" – diesen Warnhinweis kramt von Clarenau immer mal wieder gern hervor, wenn es um aufregenden Hörspiele geht. Das Narrative, Hörspiele und Lesungen, liegen von Clarenau besonders am Herzen. Seine Kontakte zu den renommierten Kinderbuchautorinnen Cornelia Funke ("Tintenherz", "Gespensterjäger"), die bis vor gut einem Jahrzehnt in Hamburg lebte, und Kirsten Boie ("Paule ist ein Glücksgriff") haben ihm bei der Umsetzung geholfen.

Seine Redakteurskollegin Katharina Marenholtz sei zudem "ein wandelndes Kinderbuchlexikon: Sie kennt einfach alles. Ein Glücksfall für die Redaktion!" Marenholtz liefert die Buchempfehlungen für den "Mikado"-Büchersommer. Die Sendung moderiert von Clarenau an diesem Sonntagnachmittag (28.8.) selbst. Und dass er darin den gerade fertig produzierten Song der zehnten ARD-Kinderradionacht am 25. November vorstellt, nennt man wohl gutes Timing: Menschen zwischen sieben und 13 Jahren sollen "Mikado" schreiben, wohin sie eine Zeitreise unternehmen würden. Als Hauptpreis lockt ein Wochenende in Hamburg mit dem Besuch des NDR-Hörspielstudios.

"Es ist wichtig, dass Kinder in jungen Jahren Literatur und auch Hörspielen im Radio begegnen. Später lässt sich diese Begeisterung kaum mehr aufbauen", weiß von Clarenau und freut sich über die Unterstützung vom Programmdirektor: Die NDR-Initiative "Hörspiel in der Schule" soll bei der Hörerbindung helfen. "Rund 150 Schulen haben wir gemeinsam mit der ,großen' Hörspielredaktion schon besucht", sagt Jörgpeter von Clarenau.

Gelegentlich nimmt sich der "Mikado"-Mann auch die Zeit, Kinderbücher selbst zu bearbeiten und als Hörspiel zu inszenieren. "Ein Sommer auf Lumpensand", für das er Top-Schauspieler wie Tom Schilling und Bjarne Mädel sowie NDR-Legende Peter Urban gewinnen konnte, versüßte im Frühjahr Groß und Klein den sonst eher tristen Karfreitag. Das zweiteilige Hörspiel wird Anfang Oktober wiederholt. Von Clarenau lächelt, als er die Termine in den NDR-Unterlagen entdeckt.

Seit fast 25 Jahren senden er und sein Team – dazu gehören noch die beiden Redaktionsassistentinnen Svenja Müller und Meike Jerasch – auf NDR Info, indes ausschließlich dort und mit "Mikado" nur zweimal sonntags. Werktags wird von 19.50 bis 20 Uhr nur der "Ohrenbär" mit den "Radiogeschichten für kleine Leute" ab vier Jahren gesendet. Dass der "Mikado"-Mann und seine Crew etwas neidisch gen Westen lauschen, wo WDR 5 seit Jahresbeginn mit einer täglichen abendlichen Sendestunde für Kinder im Schulalter Maßstäbe setzt, mag er nicht gänzlich verhehlen.

Mehr Aufmerksamkeit durch O-Töne

Ein bisschen indes hat sich beim NDR getan in den vergangenen Jahren. Über die Einführung der Nachrichten für Kinder ("Was diese Woche wichtig war"), die von Clarenau seit 2009 auch, indes nicht als Einziger regelmäßig spricht, freut sich die Redaktion sehr. Nebeneffekt: Dank der an jedem Sonnabend dreimal gesendeten News mit O-Tönen von Kindern im NDR-Info-Programm bekommen die "Mikado"-Sendungen zusätzliche Aufmerksamkeit. Es sind eben kleine Ziele, verbunden mit immer wieder neuen Ideen, die der "Mikado"-Macher hat.

Nach kurzer Suche am Bildschirm hat er per Mausklick das sogenannte digitale Langzeit-Archiv aktiviert: Zu hören ist eine helle Stimme, welche die ersten Teile von "Die grüne Wolke" zusammenfasst, einen Kinderbuch-Klassiker. Die Aufnahme stammt von 1972. "Der Junge mit der hellen Stimme, das bin ich", sagt von Clarenau. Da ist es wieder, dieses verschmitzte Lächeln. Der Redakteur hatte einige Folgen des Hörspiel-Mehrteilers noch mal ins "Mikado"-Sommerprogramm genommen.

Da hat Jörgpeter von Clarenau (ehemals Ahlers), der im nächsten Jahr sein 50. Hörfunk-Jubiläum beim NDR feiern wird, auch mal wieder gelernt, sich selbst zuzuhören.

"Mikado" So u. feiertags 8.05 und 14.05 Uhr "Was diese Woche wichtig war" – Nachrichten für Kinder Sa 11.40, 14.40 und 17.40 Uhr "Ein Sommer auf Lumpensand" So 2.10 + Mo 3.10., jew. 14.05 Uhr, jew. NDR Info; www.ndr.de/mikado