Berlinale

Wenn der Tatortreiniger plötzlich ganz ernst wird

Bjarne Mädel – Tatortreiniger, Ernie, Theaterstar – kann sich mit „24 Wochen“ nun auch Hoffnungen auf einen Preis bei der Berlinale machen

Foto: picture alliance / AAPimages/ Tamcke

Bjarne Mädel – Tatortreiniger, Ernie, Theaterstar – kann sich mit „24 Wochen“ nun auch Hoffnungen auf einen Preis bei der Berlinale machen

Der Hamburger Bjarne Mädel brilliert in dem Abtreibungsdrama "24 Wochen". Der einzige deutsche Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale.

Kann der das? Die Frage steht im Raum, noch bevor man überhaupt eine Minute des Films gesehen hat. Bjarne Mädel in einer ernsten Rolle? Der Bürotrottel Ernie aus "Stromberg". Der weinerlich-gehemmte Dorfpolizist Dietmar aus der Eifelserie "Mord mit Aussicht". Und schließlich der "Tatortreiniger", der mit Welterklärergestus noch in jedes Fettnäpfen trampelt. Kleine Männer mit großen Sehnsüchten. Rührend komische Gestalten. Und nun soll dieser Mann eine Hauptrolle in einem Abtreibungsdrama spielen? Verrückte Idee. Oder doch eher genial?

Die Tatsache, dass Bjarne Mädel nicht beleidigt abzieht oder nach seiner Managerin ruft, wenn man ihn mit diesen Vorurteilen des ganz gewöhnlichen Zuschauers konfrontiert, spricht schon mal klar für ihn. Und nach 100 ergreifenden Filmminuten muss dann auch der hartnäckigste Skeptiker zugeben: Mädel ist großartig als Vater und Ehemann, der vor der wohl schwersten Entscheidung seines Lebens steht. "24 Wochen" heißt das Drama der jungen Regisseurin Anne Zohra Berrached.

Es ist ihr Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg und der einzige deutsche Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale. So viel hätte schiefgehen können bei diesem Film, der sich von der ersten Szene an auf dünnem Eis bewegt. Im Mittelpunkt steht das Ehepaar Astrid und Markus. Sie Kabarettistin auf dem Karrierehöhepunkt, eine Art junge Anke Engelke, er Manager mit der verlässlichen Aura eines Stammesanführers.

Als sie erfahren, dass ihr ungeborenes Kind schwer krank ist, stürzen sie in ein lähmendes Gefühlsdurcheinander. Sie hoffen, bangen, schmieden vorsichtige Pläne ("Er hat gesagt, er will Moritz heißen. Ich hab's ganz deutlich gehört.") und verwerfen sie wieder, sie lieben sich und machen sich gegenseitig Vorwürfe. Julia Jentsch spielt eine Frau, die ihren Schmerz kaum aushält und trotzdem lächelt. Mädel gibt den unverwüstlichen Optimisten. Als ihm bewusst wird, dass die letzte Entscheidung, ob dieses Kind geboren wird, allein bei seiner Frau liegt, zuckt ein sekundenschneller Schmerz über sein Gesicht. Es bricht einem fast das Herz.

"Ich wusste immer, dass alle besonders genau hinschauen würden, wenn ich mal eine ernste Rolle spiele", sagt Bjarne Mädel. "Die Leute wollen wissen, ob nicht zwischendurch doch der ,Tatortreiniger' durchblitzt." Er freue sich, sagt er, dass die Leute auf ihn zunehmend mit den Worten reagierten: "Das ist doch dieser Schauspieler ...". Er ist nicht mehr nur Ernie. Nicht mehr nur "Der Tatortreiniger". Bjarne Mädel hat sich von seinen (zugegebenermaßen trefflichen) Rollen emanzipiert. Er ist aus der Komikerkiste herausgeklettert in die weite Welt des Rollenreichtums. "24 Wochen" dürfte weiter dazu beitragen, dass Menschen Mädel wahrnehmen als einen Spezialisten für Gefühlsgenauigkeit.

Eingeschworene "Tatortreiniger"-Fans dagegen werden sich bestätigt fühlen, dass Mädel immer schon der Meister des Timings und der Beiläufigkeit war. Bei ihm sitzt jedes Räuspern. Mit einem herausgepressten "äh" kann er eine ganze Geschichte erzählen von Schwäche und Hilflosigkeit.

Mädel, 47 Jahre alt, ist in Hamburg geboren, er hat seine Karriere hier am Schauspielhaus und am Volkstheater in Rostock begonnen. Am 23. Februar ist er erneut auf der Hamburger Schauspielhausbühne zu sehen, in dem von "Tatortreiniger"-Autorin Ingrid Lausund inszenierten Stück "Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner". Der Theaterabend sei "wahnsinnig unterhaltsam – und stellenweise sehr unlustig", beschreibt es Mädel.

Die Mischung scheint ihm zu gefallen. Auch in "24 Wochen" gibt es vereinzelt Szenen, in denen Markus einen kleinen Witz zu reißen versucht. "Du kannst machen, was du willst, dir steht einfach nichts", sagt er zu seiner Frau, als er ihr den Krankenhauskittel zubindet, bevor sie den Operationssaal betritt. Es ist ein Versuch, in aller Hoffnungslosigkeit nicht unterzugehen.

Ähnlich hat es Bjarne Mädel bei den Dreharbeiten gehalten: Vor und nach einer emotionalen Szene habe er oft mal "ein bisschen Quatsch am Set gemacht", sagt er. Julia Jentsch sei anfangs leicht irritiert gewesen, "aber für mich war das ein Ventil, damit wir nicht komplett in Wehleidigkeit verfallen". Sich zuständig fühlen für die Gefühle anderer Menschen – vielleicht ist das auch eine Art Berufskrankheit. Mädel besitzt ein Talent dafür, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder spontan wohlfühlt. Selbst bei Interviews im Zehn-Minuten-Takt in einer Lounge, in der die Luftfeuchtigkeit stark auf 90 Prozent zugeht. "Ist kein Fernsehen, oder?", will er zum Einstieg wissen. Dann streckt er erleichtert den Bauch raus. "Drei Wochen Amerika, Peanutbutter und M&Ms", sagt er und streichelt grinsend seine Körpermitte.

Als "Riesen-Improvisationstalent" rühmt Regisseurin Berrached ihren Hauptdarsteller. Er war ihre allererste Wahl, er stand vor allen anderen Darstellern fest. Auch vielleicht deshalb, weil Anne Zohra Berrached dazu neigt, Szenen völlig anders zu drehen, als sie im Drehbuch stehen. Auf einen wie Mädel kann man sich in einem solchen Fall bedingungslos verlassen. Eine Herausforderung aber sei diese Arbeitsweise auch für ihn gewesen, sagt Mädel: "Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das Improvisierte selten besser ist als die Sätze, die im Buch stehen – vorausgesetzt, man arbeitet mit guten Drehbuchautoren zusammen."

"24 Wochen" ist ein Film, über den man reden wird, wenn er in diesem Jahr in die Kinos kommt – oder am Wochenende einen Preis auf der Berlinale gewinnt. In der letzten halben Stunde weint fast das ganze Kino (auch die Männer!). Die Frage: "Wie hätte ich mich entschieden?" begleitet einen durch den Tag. Und es bestätigt sich: Bjarne Mädel hat es schauspielerisch einfach drauf.

Bjarne Mädel am Schauspielhaus: "Benefiz", 23.2., 20 Uhr, Karten unter T. 24 87 13 Der Film "24 Wochen" hat noch keinen Starttermin.