Konzertkritik Mogwai in der Großen Freiheit: Musik als Zustand

Foto: Steve Gullick

Die schottische Band spielt seit vielen Jahren schmerzhaft-schönen Post-Rock. Jetzt kamen sie mit ihren neuen Liedern nach Hamburg. Und die ließen den Stress mit dem Chef oder das letzte vermurkste Heimspiel vergessen.

Hamburg. Irgendwann hängst du fest in dem Morast aus Akkorden. Du willst dich befreien, aber der Sound zieht dich weiter runter. Und dann lässt du dich fallen, ergibst dich. Es fühlt sich schön an. Und kurz bevor du keine Luft mehr bekommst, stopfst du die Stöpsel in die Ohren und tauchst auf. Oder auch nicht.

In den Liedern der schottischen Band Mogwai sucht man vergebens nach Halt, nach der üblichen Struktur der Musik, unterteilt in Strophen und Refrains. Gerade der neue Klang der Gruppe führt den Rock weiter. Mogwai ist Musik als Zustand. Dezibel-süchtiger Post-Rock-Performance auf der Bühne – so wie am Mittwochabend in der Großen Freiheit 36 auf der Reeperbahn. Der Name Mogwai kommt aus dem Chinesischen. Es bedeutet so etwas wie "böser Geist" oder "Dämon". Mogwais Lieder treffen auch den Körper des Zuhörers.

Im vergangen Sommer begannen die fünf Musiker mit den vorbereitenden Sessions für ihr aktuelles Album, "Rave Songs", in ihrer Heimatstadt Glasgow und in Berlin. Dort lebt seit einigen Jahren Multiinstrumentalist Barry Burns mit seiner Frau Rachel, einer bildenden Künstlerin. Er betreibt die Neuköllner Bar Das Gift. Derzeit touren sie durch Europa. Über viele Jahre ist die Fangemeinde der Band gewachsen, Mogwai spielt große Festivals auch in den USA.

Kraftvolle Monotonie

Beim Auftritt auf der Reeperbahn spielt Mogwai auch ältere Stücke, einige wenige Lieder mit Gesang. Die Zuschauer in der vollen "Freiheit" wippen langsam mit dem Kopf zu den opulenten Riffs. Man kann das Gitarren-Matsch nennen, man kann das nach 90 Minuten langweilig finden. Aber in der Monotonie von Mogwai steckt Kraft. Die Verstörung des lauten, schleppenden Sounds trägt eine Schönheit in sich. Das Lichtspiel und die Farben auf der Bühne ziehen den Hörer in die Musik.

Im Publikum stehen die Mittdreißiger und Endvierziger, eine Generation, die aufgewachsen ist mit den Weltschmerzplatten von Pink Floyd bis Tocotronic und Sigur Ros. Und Mogwai. Ich höre die Musik und denke an einstürzende Neubauten, an eine Welle, die über mir einbricht, an einen Stein, der bröckelt und dann stürzt der ganze Fels. Vielleicht hatte man Stress mit dem Chef heute, vielleicht lief das letzte Heimspiel nicht so, wie erträumt. Egal, Mogwai brät die Sorgen aus den Synapsen. 90 Minuten bleibt keine Zeit zum Denken. Du wirst von den schmetternd-schönen Akkorden in einen Zustand gedrückt. Wenn du die Ohrenstöpsel draußen lässt.