Lektüre-Gespräch

Paul Auster: Das größte Buch seines Lebens

Paul Auster, geboren am 3. Februar 1947 in Newark, New Jersey, und überzeugter New Yorker, gilt als einer der
prägenden Schriftsteller seiner Generation. Im März liest er in Hamburg

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Paul Auster, geboren am 3. Februar 1947 in Newark, New Jersey, und überzeugter New Yorker, gilt als einer der prägenden Schriftsteller seiner Generation. Im März liest er in Hamburg

So gut war er noch nie: Wir haben den neuen Roman doppelt gelesen. Und uns über die fast 1300 Seiten unterhalten.

Hamburg. Am 3. Februar wird Paul Auster 70 Jahre alt. Was macht man so als Schriftsteller im Herbst seines Lebens? Man schreibt das größte Buch seines Lebens. Ein "Opus magnum", wie die Lateiner sagen. Es trägt den nicht gerade gewöhnlichen Titel "4 3 2 1", hat mit Ebay trotzdem nichts zu tun und ist weit mehr als 1000 Seiten lang. Was ja in den seit einiger Zeit anzutreffenden Trend passt – um an dieser Stelle den Künstler Thomas Kapielski zu zitieren: "Je dickens, destojewski". Vier Übersetzer haben an der deutschen Ausgabe gearbeitet. Nun haben sich gleich zwei Abendblatt-Redakteure die Schwarte vorgenommen, parallel gelesen – und sich schon beim Lesen staunend darüber unterhalten, wie Auster, der alte Meister der postmodernen amerikanischen Literatur, auf seine alten Tage so entfesselt erzählt wie nie zuvor.

Thomas Andre: Ein Brocken, 1264 Seiten, man kann nicht sagen, dass er gut in der Hand liegt. Irgendwie kann ich nicht behaupten, dass ich mich mit Lust in die Lektüre von "4 3 2 1" gestürzt habe, Auster hin oder her! Bücher jener unverschämten Dicke sind einschüchternd. Ist das jetzt ein bisschen undankbar, angesichts des ersten richtigen Auster-Romans seit sieben Jahren erst mal über dessen Umfang zu lamentieren?

Maike Schiller: Am Anfang liegt es da halt so dick und schwer und vorwurfsvoll, dass man dem haltlosen Autor schon deshalb beinahe gram ist. Lies mich! Lies mich! Fast 1300 Seiten! Und dann liest man. Und liest. Und spätestens ab Seite 600 hat man Angst, dass es bald zu Ende ist. Und fängt an, langsamer zu lesen. Ging dir das auch so? Klingt lustig, das bei diesem Trumm zu sagen, aber schon nach 100 Seiten dachte ich: Liest sich ja so weg.

Andre: "Trumm"? Musste ich erst mal nachschlagen. Danke für ein neues Synonym, jetzt muss ich künftig nicht mehr immer "Schwarte", "Klopper" oder eben "Brocken" sagen. 100 Seiten Auster schaffe ich trotzdem nicht am Abend, jedenfalls nicht jeden.

Schiller: Und dann geht es halt doch, Kinder früh im Bett, Mann auswärts unterwegs. Handy außer Reichweite. Okay, Letzteres war gelogen.

Andre: Hätte ich auch nicht geglaubt. Dieses iPhone immer, es raubt die Konzentration. Ständig der Griff zum Tyrannen der Ablenkung. "4 3 2 1" spielt in den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts – weshalb für die Romanfiguren die guten, alten Bücher ein Mittel des Zeitvertreibs und der Welterkenntnis sind … Der Roman setzt gleich am Anfang des vergangenen Jahrhunderts ein, ein kurzes Vorspiel mit einem literarischen Gruß in unsere Stadt: Der Großvater von Archie Ferguson, dem Helden des Romans, geht in Hamburg an Bord eines Schiffes, das ihn nach Amerika bringen soll.

Schiller: Der Romananfang, ja, süffig! Amerikanisches Familienepos. Und es gibt so schöne, kleine Sätze. "Es hatte so ausgesehen, als ginge die Welt unter – und dann tat sie es doch nicht." Oder: "Wie seltsam, absolut seltsam es war, am Leben zu sein." Oder: "Beobachten, erkannte Ferguson, war der erste Schritt, sich darin zu üben, am Leben zu sein." Und dann gibt es Absätze, die einen so anfassen, weil sie mit einer solchen Wucht vom Lesen und Schreiben erzählen, dass einem ganz anders wird: "Schuld und Sühne war der Blitzschlag, der aus dem Himmel herniederkrachte und ihn in hundert Teile zerbrach, und als er sich wieder zusammengesetzt hatte, war er über die Zukunft nicht mehr im Zweifel, denn wenn ein Buch so sein konnte, wenn ein Buch so auf Herz und Verstand und innerstes Weltgefühl eines Menschen einwirken konnte, dann war das Romanschreiben mit Sicherheit das Beste, was man im Leben tun konnte, denn Dostojewski hatte ihm vermittelt, dass erfundene Geschichten viel mehr als Vergnügen und Zerstreuung sein konnten, sie konnten einem das Innerste nach außen kehren und die Schädeldecke sprengen, sie konnten einen verbrennen oder gefrieren lassen, nackt ausziehen und in die stürmischen Winde des Weltalls hinausstoßen, und von jenem Tag an, nachdem er während seiner gesamten Kindheit wild mit den Armen gerudert hatte, versunken in einem immer dichteren Dunst der Verwirrung, wusste Ferguson endlich, wo es langging oder wenigstens, wo er hinwollte, und in all den Jahren, die folgten, stellte er seine Entscheidung niemals infrage, nicht einmal in der schwierigsten Zeit, als es so aussah, als könnte er vom Rand der Welt stürzen." Das war ein Satz! Hast du einen Lieblingssatz?

Andre: Viele, aber einen ganz besonders – und er ist kürzer. Er handelt von der Geburt des Helden: "Ferguson war zur Welt gekommen, und für einige Sekunden nach dem Austritt aus dem Leib der Mutter war er der jüngste Mensch auf Erden." Der jüngste Mensch auf der Erde, das waren wir alle mal. Uns Lesern tritt dieser Ferguson übrigens später auf jeder Seite als junger Mensch entgegen, es geht ja um seine Jugendjahre. Trotzdem heißt er fast immer "Ferguson", beinah nie "Archie". Zumindest wenn der Erzähler von ihm spricht. Lustig ist die Geschichte, wie es dazu kam, dass die Fergusons überhaupt Ferguson heißen – Archies Großvater Isaac Reznikov, gebürtig aus Minsk, bekommt den Tipp, sich beim Einwanderungsbeamten lieber als "Rockefeller" vorzustellen, weil man mit dem Namen "Reznikov" in Amerika nicht weit komme. Allerdings kann der müde Isaac nur verzweifelt den jiddischen Ausruf "Ich hob fargessen" tun, als er in Amerika an Land geht. Fortan heißt er "Ichabod Ferguson". Wie überhaupt dieses gewaltige Buch einen nicht selten zum Lachen bringt. Du hast dich bestimmt auch gefragt, was autobiografisch sein könnte.

Schiller: Immer wieder. Allerdings später. Immer dann, wenn es um die große Liebe des Helden geht: seine Hingabe zur Literatur, zur Sprache, zum Journalismus, zur Musik, zum Kino. Kultur ist seine Rettung. Und New York. New York oder gar nichts, heißt es mehrfach. Und das gilt für jeden Archie, für jeden Ferguson. Denn über Paul Austers entscheidenden Kniff haben wir ja noch gar nicht gesprochen. Wann war dir klar, dass hier gar nicht bloß eine Geschichte erzählt wird, sondern mehrere Varianten desselben Lebens?

Andre: Da ich Klappentexte nicht lese, war der Verblüffungseffekt zunächst riesig – plötzlich war da das nächste Kapitel, in dem sich die Geschichte mit denselben Figuren völlig anders darstellt als im vorhergehenden! Aber was heißt völlig, die Grundkoordinaten dieser ausufernden Erzähllandschaft sind abgesteckt. Jüdisch-amerikanischer Ostküsten-Mittelstand, Kalter Krieg, ­Vietnamkrieg, Kennedy und ein Junge, der ohne Geschwister aufwächst und auf der Suche nach einer Vorstellung von sich selbst, nach Freundschaft und Liebe ist. Auster variiert die Geschehnisse um den Heranwachsenden Archie, er arrangiert sein Leben immer wieder neu: Da gibt es dramatische Wendungen – Todesfälle etwa. Manchmal auch nur Tragödien, die zu einer Adoleszenz unweigerlich dazugehören. Auster greift mit diesen Varianten ein Thema seines Werks auf: das Zufällige unserer Biografien nämlich. Ich glaube, so radikal wie in "4 3 2 1" hat er das noch nie gemacht.

Schiller: Paul Auster kennt seinen Kierkegaard: Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden. Was aber, wenn man an einer Abzweigung eine winzige Entscheidung anders fällt? Ein verführerisches Gedankenspiel. Ein Schriftsteller ist ein Schöpfer. Was für eine Macht! Fergusons Vater ist auf einer Seite ein erbärmlicher Verlierertyp, dann der elegante Selfmade-Millionär, alles gleichermaßen wahrscheinlich. Mal wird Fergusons Mutter Rose eine Fotografin, die in großen Magazinen Reportagen veröffentlicht. Mal gibt sie für den Ehemann den Beruf auf, trinkt Cocktails, spielt Bridge. Ein Frauenleben in jenen Jahren – Vorreiterin oder Mitläuferin, so vieles ist möglich. Und Ferguson selbst: In einer Version verliert er Gliedmaßen seiner Hand, in einer anderen macht er homoerotische Erfahrungen, einmal – der Spoiler sei hier erlaubt – stirbt er in einem Gewitter einen frühen Tod. Ich gebe zu: Das hat mich gepackt – obwohl ich ja längst wusste, ich muss nur zum nächsten Kapitel blättern, um ihn wieder zum Leben zu erwecken.

Andre: Zieht man mal das Kapitel ab, in dem er früh das Zeitliche segnet, meint es das Schicksal immer gleich gut oder gleich schlecht mit ihm. Je mehr man in diese Archie-Leben gezogen wird, desto mehr fühlt man mit ihm – und weiß nicht, muss vielleicht auch gar nicht wissen, was man ihm am ehesten wünschen soll von den Möglichkeiten, die Auster vor uns ausbreitet. Mal spielt er Baseball, mal Basketball; mal gewinnt er das Herz seiner Jugendliebe Amy früh, mal spät, mal gar nicht. Mal schreibt er Gedichte, mal Sportberichte, mal Romane. Aber immer ist er auf der Suche nach Identität; eine Formulierung übrigens, die Auster hasst. Wohl, weil Textdeuter immer schreiben, seine Figuren seien Identitätssucher. Sind sie auch, aber Auster spricht lieber von der "inneren Erzählung", die jeden Menschen zusammenhalte. Klingt zugegebenermaßen schöner. In "4 3 2 1" wird deutlich, dass die innere Erzählung sich immer auch danach richtet, was die Vorsehung mit einem vorhat. So lese ich das jedenfalls.

Schiller: Vorsehung also, oha. Macht uns das Schicksal, oder machen wir unser Schicksal? Fast egal, jedenfalls bei Auster. Am Ende kommt immer ein Leben dabei heraus. Und "jeder Einzelne lebt in einer etwas anderen Welt als seine Mitmenschen".

Andre: Das Buch hat er übrigens seiner Frau Siri Hustvedt gewidmet; die beiden sind so etwas wie das Glamour-Paar der amerikanischen Literatur. Täuscht es eigentlich, oder hat sich da in den vergangenen Jahren etwas in der Wahrnehmung gedreht – Hustvedt wird jetzt nicht immer automatisch als "Frau von Paul Auster" bezeichnet. Manchmal heißt es umgekehrt: Paul Auster ist "der Mann von Siri Hustvedt".

Schiller: Ausgleichende Gerechtigkeit. Und Auster hat eindeutig keine Angst vor starken Frauen, das zeigt auch Fergusons "Beuteschema": Mädchen mit scharfem, wendigem Verstand sind es wert, dass man sich in sie verliebt. Mir fiel übrigens noch ein Auster-Satz im Buch auf, den man dieser Tage ja besonders deutlich wahrnimmt: Es sei "unmöglich, Amerika zu sagen, ohne dass einem Irrsinn einfällt". Und er beschreibt, wie Präsident Nixon in gemütlicher Ignoranz ein Footballspiel schaut, während draußen die "größte politische Demonstration, die die Neue Welt je erlebt hatte", stattfindet. Vor wenigen Tagen soll Trump den Zeichentrickfilm "Findet Dorie" geschaut haben, während die Amerikaner gegen ihn auf die Straße gingen. Man muss es so klar sagen: Dieser Roman ist auf derart vielen Ebenen großartig. Sprachlich, formal, inhaltlich. Für mich ganz eindeutig das Buch der Saison. Du darfst jetzt sagen: Ein großer Wurf. Wenn du möchtest.

Andre: Eine Kritiker-Plattitüde, aber sie passt hier einfach. Ich habe den Eindruck, als wühle sich Auster beseelt von der Erinnerung an sein eigenes Jungsein mit Begeisterung und vielleicht auch Erstaunen noch mal durch die Lebensphase, in der die Zukunft offen vor einem liegt. Man muss nur zugreifen – oder ergriffen werden. Weil Auster die Bittersüße der Jugend so kräftig schmecken will, gibt es sie in vier Versionen. Haben vorher so noch nicht viele gemacht.

Schiller: Es ist das große Anything goes. Der amerikanische Traum. Was für ein Zeitpunkt für diesen Roman über das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Paul Auster liest am 14. März im Thalia ­Theater (Alstertor). Die Veranstaltung ist bereits jetzt ausverkauft.

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