Bestseller

Hardy Krügers Kampf gegen Rechtsradikale

Gewappnet für den Herbst: Hardy Krüger (88) lebt einen Teil des Jahres in Hamburg, sonst in Kalifornien

Foto: Andreas Laible / HA

Gewappnet für den Herbst: Hardy Krüger (88) lebt einen Teil des Jahres in Hamburg, sonst in Kalifornien

Der Schauspieler und Autor hat mit "Was das Leben sich erlaubt" einen Bestseller über seine Jugend- und Hitler-Jahre geschrieben.

Hamburg.  Weltenbummler!? Als solcher gilt Hardy Krüger für viele noch immer – obwohl seine gleichnamige ARD-Fernsehserie vor 20 Jahren endete. An diesem Herbstvormittag ist der Schauspieler, Filmemacher und Autor zu Fuß zum Verlag Hoffmann und Campe an der Außenalster gekommen – aus seiner Wohnung ganz in der Nähe. Hardy Krüger ist derzeit wieder mal Teilzeit-Hamburger, und in blauem Hemd und beigefarbener Strickjacke ist dem (Lebens-)Künstler alles andere als nach großer Show.

Der Herbst gilt auch als die Hochzeit für Bücher. Bei, mit und für Krüger geht es um Inhalte – weniger um die Verpackung. Aber dass sein neues Werk "Was das Leben sich erlaubt – Mein Deutschland und ich" in dieser Woche von null auf acht in den Bestsellerlisten von "Spiegel" und "Stern" eingestiegen ist, erfüllt Hardy Krüger mit sichtlicher Genugtuung. Seine Co-Autoren Peter Käfferlein und Olaf Köhne haben es mit historischen Ergänzungen versehen.

88 ist der durch Kinoerfolge wie "Hatari!" oder "Die Brücke von Arnheim" auch international bekannt gewordene Schauspieler inzwischen. Seine blauen Augen strahlen noch immer, seine Stimme ist meist fest, hat ein warmes Timbre. Eine Autobiografie sei das Buch bewusst nicht. "Ich habe nie eine geschrieben und werde keine schreiben", stellt Krüger ("Ich bin eine Leseratte") klar. Warum nicht? "In unserem Buch schreibe ich, der 88-Jährige, ganz bewusst, was mit dem Achtjährigen passiert ist, mit dem 13-Jährigen, mit dem 15-Jährigen."

Es ist die eindringlich erzählte Geschichte eines überzeugten Adolf-Hitler-Schülers, der 1933 als Fünfjähriger von seinen Eltern in die braun-schwarze Uniform des Deutschen Jungvolks gesteckt wird, am Ende des Zweiten Weltkriegs längst zum überzeugten Nazi-Gegner geworden ist und diese Haltung heute umso deutlicher vertritt, vor allem gegenüber jungen Menschen.

"Jesse Owens, der vierfache Goldmedaillengewinner in der Leichtathletik, war mein großer Held", sagt Krüger. 1936 sah der gebürtige Berliner mit seinem Vater im Olympiastadion zum ersten Mal in seinem Leben einen schwarzen Menschen. Ein Schlüsselerlebnis. "Ich habe ihn gefragt, warum der Führer ihm nicht die Goldmedaillen gibt." Eine Antwort auf seine Frage erhielt der kleine Junge vom Vater nicht.

Schon als 13-Jähriger kam Krüger auf die Adolf-Hitler-Schule auf der Ordensburg im bayerischen Sonthofen: Er sollte zu einer Führungspersönlichkeit im NS-Regime geformt werden. Als "dieser österreichische Verbrecher", wie Krüger den NS-Diktatur im Gespräch auch nennt, drei Jahre später eine ganze Division von 16-Jährigen aufstellen ließ, ging es auch für Hardy Krüger ums bloße Überleben. Krüger schildert die Auseinandersetzung mit einem flämischen SS-Offizier. "Da war ich schneller als er. Deshalb hab ich überlebt und er nicht", sagt Krüger. Es war das erste und einzige Mal, dass er einen Menschen tötete. "Er hatte schon einen Freund von mir erschossen, und ich ­wäre der Nächste gewesen."

Als Krüger dann später den Befehl bekam, als Sonthofener den amerikanischen Spähtrupp "aufzureiben", schoss er nicht. "Das waren alles Schwarze, die wussten nicht, dass ich meine Leute im Unterholz hatte. Ich hab ein schwarzes Gesicht nach dem anderen gesehen vor meiner Maschinenpistole in acht Metern Entfernung – und da ist mir Jesse Owens eingefallen! Ich konnte einfach den Finger nicht krumm kriegen, und keiner hat geschossen."

Vors Kriegsgericht kam Krüger – ums Leben mit viel Glück nicht. "Wenn ich über diese Zeit rede an der Front als 16-Jähriger, dann ist das, als würde ich über einen ganz anderen reden", sinniert Krüger. "Es war alles verwirrend. Und verwirrend war auch, einen Spähtrupp der Amerikaner anzugreifen." Er sollte ja auf die schießen, die er längst als Befreier betrachtete.

Krüger wusste dank des Ufa-Stars Hans Söhnker von Stalingrad, auch von den KZ Dachau und Bergen-Belsen. Er wusste, dass der Krieg verloren ist. Söhnker habe sehr geschickt angefangen, zu sagen: "Bleib übrig!" Kindheitserinnerungen prägen einen Menschen eben – hier als Extrembeispiel. Er wurde von Hans Söhnker "umerzogen". Der Schauspieler drehte damals, 1943, "Große Freiheit Nr. 7", Krüger in einer Nebenhalle den NS-Film "Junge Adler", für den er während seiner Schulzeit ausgewählt wurde. "Nach drei Monaten war ich so weit, mir eine Frage zu stellen", erzählt Krüger. "Wem glaube ich: meinen Eltern, den Hitler-Jugend-Führern, den Erziehern in Sonthofen – oder glaube ich Söhnker? Er hatte etwas, das ich von meinem Vater immer gern gehabt hätte." Mit Söhnker, der Juden versteckte und ihnen zur Flucht in die Schweiz verhalf, konnte Krüger immer auch lachen, mit seinem Vater weniger.

Hans Söhnker war für Hardy Krüger in doppelter Hinsicht ein Aufklärer: in Sachen Mädchen und in Sachen Politik. Das prägendste Erlebnis? "Ich wusste: Der Krieg ist verloren. Menschen werden, nur weil sie Juden sind, umgebracht." Krüger war zum Nazi-Gegner geworden.

"All diese Dinge sind langsam mit mir passiert. Aber im Gegensatz zu Günter Grass sind sie passiert. Grass hatte keinen Söhnker in seinem Leben. Warum er so lange seine SS-Vergangenheit verschwiegen hat, das habe ich nie verstanden. Er hatte sich doch nicht schuldig gemacht, nehme ich an", sagt Krüger, der den Literatur-Nobelpreisträger nie persönlich gesprochen hat. "Aber ich habe seine Bücher gelesen und schätze ihn sehr als Schriftsteller."

Ob Hardy Krüger immer ein politischer Mensch war? "Nein. Weil ich falsch erzogen worden bin. Und ich möchte, dass das der jungen Generation von heute nicht passiert. Als der Krieg vorbei war, habe ich eine gewisse Verpflichtung empfunden, etwas klarzustellen. Ab 1949 waren wir eine Demokratie. Wenn ich aber nach Paris und London kam, hat die Presse zunächst versucht, mich als Nazi darzustellen. weil ich blond und blauäugig war", berichtet er. "Außerdem hat mich gestört, dass mir gesagt wurde, es habe keinen deutschen Widerstand gegeben. Das hab ich mir verbeten." Hardy Krüger galt speziell von den späten 1950er-Jahren an als das Gesicht des guten, des sympathischen Deutschland. "Ich habe den Irrtum ausgeräumt. Dumme Menschen gibt es überall, auch in England oder in Frankreich. Und das hab ich auch gesagt."

Krüger fordert das Interesse seiner Mitbürger für Politik

Heute sagt Krüger: "Ich bitte meine Mitbürger, sich politisch zu interessieren." Was Krüger sehr stört ist Politikverdrossenheit. "Meine Eltern waren politikverdrossen, deshalb sind sie Hitler in die Arme gefallen. Und so etwas soll nie wieder passieren." Genau das kommt im neuen Buch zum Ausdruck.

Rechte Gruppierungen regen ihn auf: "Wenn die sagen: ,Muslime raus!', dann höre ich immer wieder ,Juden raus!' Das verbitte ich mir!" Das Grundgesetz sei ihm heilig. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", zitiert Krüger Artikel 1. "Da steht nicht drin: Die Würde des deutschen Menschen ist unantastbar. Also ist auch die Würde der Flüchtlinge unantastbar." Dass es Leute gibt, die sich darüber aufregen, versteht er nicht. "Wir sind 81 Millionen. Können wir nicht 700.000 verkraften?"

Wie er die Folgen von Pegida und des sogenannten Flüchtlingsstroms einschätzt? "Dass jene Gruppierung, die sich Partei nennt, bis zu 20 Prozent Zulauf bekommt, ist unglaublich, das entsetzt mich. Das ist eine Partei, die die Demokratie abschaffen will, die kann sagen, was sie will. Dagegen müssen wir uns wehren", fordert Krüger beim Thema AfD.

Seit Jahren unterstützt er die Amadeu Antonio Stiftung; mit Exit Deutschland gründete er die Initiative "Gemeinsam gegen rechte Gewalt". Hamburgs kürzlich gestorbene Kultursenatorin Barbara Kisseler, die ihm als Leiterin der Berliner Senatskanzlei mit Bürgermeister Klaus Wowereit 2009 das Bundesverdienstkreuz verliehen hatte, brachte Krüger auf die Idee, mit der Initiative mehrmals pro Jahr in Rathäuser zu gehen und detren Arbeit vorzustellen. 2013 hatte Kisseler ihm und dem im Vorjahr gestorbenen TV-Journalisten Klaus Bednarz ("Monitor") in diesem Zusammenhang erstmals ein Forum im Hamburger Rathaus geboten. "Ich vermisse sie", sagt Krüger, der versuchen will, bei der Gedenkfeier für Barbara Kisseler am 19. November im Schauspielhaus dabei zu sein.

Ein Gymnasiallehrer aus Wismar brachte Krüger indirekt auf eine weitere Idee: Nach einer Lesung in der Ostseestadt orderte er bei einer Buchhandlung 28 Exemplare der "Wanderjahre", Krügers älterem, teils autobiografischem Werk. Der Pädagoge für neue deutsche Geschichte sagte dem Buchhändler, alles, was er seinen Schülern mit auf den Lebensweg gebe, stehe in Krügers Buch. "Das hat mir unglaublich imponiert, da ist mir die Idee gekommen, nicht nur in die Rathäuser zu gehen, sondern auch in die Schulen", sagt der Autor. 2017 will es Krüger mit der Grundlage seines neuen Buchs angehen – auch in Hamburg.

Die Stadt kennt er, seit er als Statist 1945 mit 17 Jahren auf abenteuerlichen Wegen ans Deutsche Schauspielhaus gekommen war. Theater in Hamburg hat Hardy Krüger zuletzt vor elf Jahren am Ernst Deutsch Theater im von ihm geschriebenen Stück "Zarte Blume Hoffnung" mit Judy Winter gespielt, zwei Jahrzehnte zuvor dort auch mit Mario Adorf in "Tom Sawyer und Huckleberry Finn". "Aber ich komm jetzt nicht mehr zum Theaterspielen. Wenn man das Glück hat, so alt geworden zu sein wie ich, macht das hier nicht mehr mit" – Hardy Krüger deutet in Richtung seines Gehirns. Für die Bühne zwei Stunden Text zu lernen ist eine echte Aufgabe, aber eine Lesung mit einer Botschaft, wie er sie hat, ist es ja auch.

Die Frauen seien immer "nett" zu ihm gewesen, sagt er

Hat einer wie er, der die Schrecken der Hitler-Diktatur und in jungen Jahren den Zweiten Weltkrieg überlebt hat, überhaupt Angst vorm Tod? "Ich bin mit dem Tod aufgewachsen", sagt Hardy Krüger, "und zwar in den Bombennächten als Zwölfjähriger, musste Tote aus Trümmern bergen, abgetrennte Arme und Beine – furchtbar." Was daraus erwachsen ist, schildert Krüger so: "Eine ungeheure Lust am Leben! Hans Söhnker hatte mir auch mal gesagt: ,Du musst überleben, weil es Frauen gibt, die an dir Gefallen finden werden. Frauen sind ja was Wunderbares, bitte bleib übrig!' Hab ich gemacht – und die Frauen waren auch immer sehr nett zu mir!"

Im nächsten Frühjahr will Hardy Krüger mit seiner dritten Ehefrau Anita wiederkommen aus seinem Hauptwohnsitz in der Nähe von Los Angeles und deutsche Rathäuser und Schulen besuchen. Mag seine Zeit als "Weltenbummler" der Vergangenheit angehören, als Mahner und Warner vor Rechtsradikalismus, als Streiter für die Freiheit, als Zeitzeuge hat er noch einiges zu erzählen hierzulande.

Lesung und Gespräch Hardy Krüger:
"Was das Leben sich erlaubt", Moderation: Markus Lanz ,So 6.11., 11.30 Uhr, Komödie Winter­huder Fährhaus, Hudtwalckerstr. 13, Karten zu 15,- in Heymann-Buchhandlungen, T. 48 09 30 und an der Tageskasse

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